
Dieser Erfahrungsbericht dokumentiert meine persönlichen Erfahrungen auf einer elftägigen Expeditionsreise nach Spitzbergen mit Hapag-Lloyd Cruises an Bord der HANSEATIC inspiration. Ich war im Juni 2024 selbst unterwegs und beschreibe hier chronologisch, wie sich eine Spitzbergen-Expedition mit Hapag Lloyd tatsächlich anfühlt – von der Einschiffung in Longyearbyen bis zur Ausschiffung in Tromsø.
Der Bericht folgt dem realen Reiseverlauf, Tag für Tag. Beschrieben werden Anlandungen, Zodiacfahrten, Eisfahrten, der Bordalltag sowie Entscheidungen, die unterwegs getroffen werden mussten. Im Mittelpunkt stehen konkrete Erlebnisse und Beobachtungen: was möglich war, was sich verändert hat, was ausgefallen ist – und warum.
Route: Longyearbyen – Umrundung Spitzbergen – Tromsø (Norwegen)
Reederei: Hapag-Lloyd Cruises
Schiff: HANSEATIC inspiration
Reisezeit: Juni 2024
Inhalt
Anreise, Longyearbyen und Einschiffung
Tag 1 – Samstag, 15.06.2024
Mit der Anreise nach Longyearbyen beginnt für mich diese Spitzbergen-Expedition. Mir ist in diesem Moment bewusst, dass der eigentliche Reiseverlauf nicht erst an Bord startet, sondern bereits hier – an einem Ort, der zugleich Ausgangspunkt, Verwaltungszentrum und logistischer Knotenpunkt von Svalbard ist.
Die äußeren Bedingungen wirken ruhig und unspektakulär. Ein schwacher Nordwind, kaum Bewegung auf dem Wasser, stabile Wetterverhältnisse. Die Temperaturen liegen knapp über dem Gefrierpunkt, sowohl in der Luft als auch im Wasser. Für mich fühlt sich dieser Start sachlich und nüchtern an – genau so, wie ich es für eine Expeditionsreise erwarte. Einen klassischen Tagesrhythmus gibt es nicht. Die Mitternachtssonne steht konstant über dem Horizont und begleitet alle Aktivitäten dieses ersten Tages.
Bevor wir an Bord gehen, nehme ich an einer kurzen Rundfahrt durch Longyearbyen teil. Sie gibt mir einen ersten, sehr realistischen Eindruck vom Ort. Longyearbyen wirkt funktional, auf das Wesentliche reduziert und klar an das Leben unter arktischen Bedingungen angepasst. Der anschließende Besuch einer Huskyfarm ergänzt dieses Bild. Ich erfahre dort Grundlegendes über die Haltung der Schlittenhunde und ihre Bedeutung für die Region. Der Aufenthalt ist kurz, aber ausreichend, um mir bewusst zu machen, wie eng Mensch, Tier und Umgebung hier miteinander verbunden sind. Danach folgt ein gemeinsames Mittagessen in einem Hotel in der Nähe.
Erst im Anschluss fahren wir zum Hafen. Dort liegt die HANSEATIC inspiration, die erst am Vortag eingelaufen ist. Die vorherige Reise endete am Morgen, das Schiff befindet sich sichtbar im Übergang zwischen zwei Expeditionen. Nach dem Check-in beziehe ich meine Kabine und nutze die Zeit, um mich an Bord zu orientieren. Alles wirkt ruhig, strukturiert und noch frei von Routinen – ein klarer Neubeginn.
Am späten Nachmittag versammeln sich alle Gäste im HanseAtrium zur obligatorischen Sicherheitseinweisung. Die Teilnahme ist verpflichtend. Für mich markiert dieser Moment den formalen Abschluss der Anreise. Ab hier geht es nicht mehr um Vorbereitung, sondern um Reise.
Pünktlich um 19:00 Uhr verlassen wir Longyearbyen. Als das Schiffshorn dreimal ertönt, stehe ich an Deck und beobachte, wie sich der Ort langsam entfernt. In diesem Moment wird mir bewusst, dass wir nun wirklich unterwegs sind. Ab jetzt bestimmt nicht mehr der Ort, sondern die Route den Tagesablauf.
Nach dem Abendessen folgt ein weiterer, für Expeditionsreisen typischer Programmpunkt. Auf dem Pooldeck erhalte ich meinen Expeditionsparka, der mich während der gesamten Reise begleiten wird. Zusätzlich werden warmgefütterte Gummistiefel ausgegeben, die für Anlandungen und nasse Untergründe vorgesehen sind. Sie werden auf Deck 3 in persönlichen Fächern gelagert. Spätestens hier spüre ich, dass der Bordalltag andere Anforderungen stellt als auf klassischen Kreuzfahrten.
Weitere Programmpunkte gibt es an diesem Tag nicht. Der erste Tag endet ruhig und ohne Inszenierung. Für mich fühlt sich genau das richtig an: Die Reise hat begonnen – sachlich, klar und ohne Umwege.
Poolepynten, Prins Karls Forland
Tag 2 – Sonntag, 16.06.2024
Meine erste Nacht an Bord verläuft ungewöhnlich ruhig. Wir bleiben im Isfjord und fahren nicht hinaus auf das offene Meer. Entsprechend stabil fühlt sich der Schlaf an – kein Rollen, keine Bewegung, die mich weckt. Unser erstes Tagesziel, Poolepynten, liegt nur eine kurze Strecke von Longyearbyen entfernt. Auch die äußeren Bedingungen bleiben moderat: leichter Südwind, geringer Schwell, stabile Druckverhältnisse. Die Temperaturen liegen etwas höher als am Vortag. Einen Sonnenaufgang gibt es weiterhin nicht – die Mitternachtssonne bestimmt auch diesen Tag vollständig.
Ausschlafen ist dennoch keine Option. Bevor wir erstmals an Land gehen dürfen, steht eine verpflichtende Einweisung zu den Verhaltensregeln in der Arktis auf dem Programm. Diese Regeln sind von der AECO vorgegeben und bilden die Grundlage für alle Anlandungen. Während der Einweisung wird mir klar, wie strikt der Schutz von Flora, Fauna und historischen Überresten gehandhabt wird. Nichts wirkt theoretisch – alles ist auf konkrete Situationen an Land ausgerichtet.
Im Anschluss wird uns das Expeditionsteam vorgestellt. Der General Expedition Manager erläutert die Rollen an Bord, vom Expeditionsleiter über die Eisbärwächter bis hin zu Field Staff und Lektoren. Auch das Foto- und Videoteam sowie der Fitness- und Spa-Bereich werden vorgestellt. Für mich entsteht dabei erstmals ein vollständiges Bild davon, wie viele Funktionen ineinandergreifen müssen, damit Anlandungen unter arktischen Bedingungen überhaupt möglich sind.
Direkt danach gibt der Expeditionsleiter einen Überblick über die geplanten Aktivitäten der kommenden Tage. Für den heutigen Nachmittag ist der Besuch einer Walrosskolonie vorgesehen. Für den nächsten Tag wird das Forscherdorf Ny-Ålesund angekündigt, gefolgt von einer Weiterfahrt in den Krossfjord mit einem geplanten Landgang am 14.-Juli-Gletscher. Ich nehme diese Informationen bewusst als Ausblick wahr – wissend, dass in der Arktis kein Plan garantiert ist.
Bevor wir erstmals an Land gehen dürfen, folgt ein weiterer Pflichtpunkt: der Biosecurity-Check. Auf dem Pooldeck bringe ich sämtliche Kleidung und Ausrüstung mit, die ich an Land tragen werde. Gemeinsam mit dem Expeditionsteam kontrollieren wir alles sorgfältig auf Sand, Samen oder andere Rückstände. Mir wird in diesem Moment deutlich, wie ernst der Anspruch ist, keine fremden Stoffe in dieses sensible Ökosystem einzutragen.
Gegen 13:30 Uhr erreichen wir Poolepynten, eine Landzunge an der Ostküste von Prins Karls Forland. Der Ort ist nach dem britischen Seefahrer Jonas Poole benannt, der diese Region bereits im frühen 17. Jahrhundert bereiste. Die Insel selbst ist langgestreckt, mit Gebirgszügen an den Enden und weiten Schwemmlandflächen dazwischen. Schon aus der Entfernung erkenne ich dunkle, massive Formen am Strand – die Walrosse.
Walrosse sind die größten Robben der Arktis. Ihre schiere Größe wirkt selbst aus der Distanz beeindruckend. Durch das Fernglas sehe ich, wie sie dicht beieinander am Strand liegen. Dazwischen fällt mir viel Treibholz auf, das entlang der Küste angeschwemmt wurde. An Land wirken die Tiere schwerfällig, fast unbeweglich. Im Wasser hingegen bewegen sie sich deutlich schneller und überraschend elegant. Ich erfahre, dass sie bei Tauchgängen bis zu 30 Minuten lang Muscheln und andere Meerestiere vom Meeresboden aufnehmen.
Bevor wir an Land gehen dürfen, sichern zunächst die Eisbärwächter das Gebiet. Sie betreten als Erste das Gelände, überprüfen die Umgebung und geben erst danach grünes Licht. Erst dann richtet das Expeditionsteam die Landestelle vollständig ein. Wir gehen in kleinen Gruppen an Land und bewegen uns langsam und leise. Wir nähern uns der Walrossgruppe bis auf etwa 30 Meter. Auch wenn sich nur gelegentlich ein Kopf oder eine Flosse bewegt, empfinde ich die Beobachtung als eindrucksvoll – weniger wegen der Aktion, sondern wegen der Präsenz dieser Tiere.
Gegen 17:30 Uhr sind alle Gäste wieder an Bord. Der Nachmittag klingt ruhig aus. Ich nutze die Zeit, um das Erlebte wirken zu lassen oder mich weiter auf dem Schiff umzusehen. Kurz vor dem Abendessen lädt uns Kapitän Ulf Wolters ins HanseAtrium ein. Bei einem Cocktail begrüßt er uns persönlich und stellt stellvertretend für die Crew die Offiziere vor – sowohl von der Brücke als auch aus dem Hotelbereich. Für mich schließt sich damit der erste volle Expeditionstag: strukturiert, kontrolliert und geprägt von der ersten echten Anlandung dieser Reise.
Ny-Ålesund, Kongsfjord · 14.-Juli-Gletscher, Krossfjord
Tag 3 – Montag, 17.06.2024
Der Tag beginnt ruhig. Die Bedingungen bleiben stabil, der Wind ist kaum spürbar, das Meer zeigt nur leichten Schwell. Für mich fühlt sich dieser Morgen fast mild an – die Temperaturen steigen, die Mitternachtssonne begleitet uns weiterhin ohne Unterbrechung. Auch nach zwei Tagen an Bord wirkt der fehlende Sonnenauf- und -untergang noch ungewohnt, aber nicht störend. Zur Mittagszeit befinden wir uns bereits weit nördlich, deutlich jenseits der 78. Breitengrades.
Gegen 08:00 Uhr erreichen wir Ny-Ålesund. Anders als an vielen anderen Orten legen wir direkt an einer kleinen Pier an. Kurz darauf wird die Gangway ausgebracht, und wir können den Ort ohne feste Zeitfenster oder Gruppeneinteilungen auf eigene Faust erkunden. Ich empfinde diese Freiheit als angenehm. Experten, Field Staff und Eisbärwächter sind im Ort verteilt und jederzeit ansprechbar, ohne den Aufenthalt zu reglementieren.
Beim Rundgang wird mir schnell bewusst, welche besondere Rolle dieser Ort spielt. Ny-Ålesund ist kein Museumsdorf, sondern ein aktiver Forschungsstandort mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Von hier startete 1926 das Luftschiff Norge, mit dem Roald Amundsen und Umberto Nobile erstmals den Nordpol überflogen. Später wurden beide zu erbitterten Rivalen. Trotz dieser Feindschaft startete Amundsen zwei Jahre später erneut ins Nordmeer, um nach Nobile zu suchen, der mit dem Luftschiff Italia abgestürzt war. Amundsen kehrte von dieser Rettungsmission nicht zurück, während Nobile überlebte. Diese Geschichte verleiht dem Ort eine besondere Tiefe, die über reine Fakten hinausgeht.
Nach dem Ende des Kohleabbaus wandelte sich Ny-Ålesund zu einem internationalen Zentrum der Polarforschung. Die vorhandene Infrastruktur wurde nicht aufgegeben, sondern angepasst. Heute nutzen verschiedene Nationen den Ort zeitweise oder dauerhaft für wissenschaftliche Arbeiten, während Logistik und Versorgung zentral organisiert sind. Auch das deutsche Alfred-Wegener-Institut betreibt hier mehrere Gebäude in unmittelbarer Nähe des Amundsen-Denkmals. Für mich wirkt der Ort dadurch gleichzeitig historisch und hochaktuell.
Das frühere Postamt ist inzwischen aus dem Blauen Haus ausgezogen. Wie wir im Precap erfahren haben, geben wir unsere Postkarten im kleinen Laden ab. Viele nutzen diese Gelegenheit, obwohl uns bewusst ist, dass die Karten voraussichtlich später ankommen werden als wir selbst. Für mich gehört dieser Moment trotzdem dazu – weniger aus praktischen Gründen als wegen der Symbolik.
Zum Mittagessen kehren wir geschlossen an Bord zurück. Danach setzen wir unsere Fahrt fort in den Krossfjord zum 14.-Juli-Gletscher. Der Name erinnert an den französischen Nationalfeiertag, doch die Szenerie wirkt ruhig und zurückhaltend. Mit den Zodiacs gehen wir an Land. Von der Anlandestelle aus sind es etwa 15 Gehminuten bis zur Gletscherfront. Vor mir erhebt sich eine rund 30 Meter hohe Eiswand, eingerahmt von steilen Bergen. Trotz des bedeckten Himmels empfinde ich den Ort als eindrucksvoll – weniger spektakulär als erwartet, aber gerade dadurch sehr präsent.
An dieser Stelle richtet das Expeditionsteam eine provisorische Badestelle ein. Sandstrand, arktisches Meer, treibende Eisstücke – alles ist vorbereitet. Die Wassertemperatur liegt bei etwa 3,5 °C. Wer sich ins Wasser wagt, erhält als Anerkennung ein Zertifikat. Ich beobachte, wie sich nach und nach immer mehr Teilnehmer entscheiden, ins Wasser zu gehen. Am Ende sind es 35 Personen, darunter auch Crewmitglieder. Die Beteiligung ist höher, als ich erwartet hätte, und verleiht diesem Programmpunkt eine besondere Dynamik.
Um 18:30 Uhr versammeln wir uns erneut im HanseAtrium. Im Precap gibt der Expeditionsleiter einen Ausblick auf den kommenden Tag: ein Besuch von Smeerenburg mit Relikten aus der Zeit des Walfangs sowie eine abendliche Fahrt durch das Packeis. Anschließend lassen die Lektoren den Tag gemeinsam Revue passieren und ordnen die Erlebnisse fachlich ein. Für mich schließt sich damit ein dichter, aber ausgewogener Expeditionstag – geprägt von Geschichte, Landschaft und einem sehr direkten Naturerlebnis.
Smeerenburg, Amsterdamøya · Eisgrenze nördlich von Spitzbergen
Tag 4 – Dienstag, 18.06.2024
Der Tag beginnt ruhig und gleichmäßig. Die äußeren Bedingungen bleiben stabil, der Wind ist schwach, das Meer zeigt nur leichten Schwell. Die Temperaturen liegen knapp über dem Gefrierpunkt. Auch heute gibt es keinen Sonnenaufgang – die Mitternachtssonne bestimmt weiterhin den Rhythmus an Bord. Zur Mittagszeit befinden wir uns bereits deutlich weiter nördlich, nahe der 80. Breite. Für mich ist spürbar, dass wir uns nun in einer Region bewegen, in der sich Landschaft, Geschichte und Eis zunehmend überlagern.
Für meine Farbgruppe beginnt der Tag früh. Bereits um 08:30 Uhr gehen wir mit den Zodiacs an Land. Da an historischen Stätten maximal 100 Personen gleichzeitig an Land dürfen, sind alle Gäste in Farbgruppen eingeteilt. Diese rotieren im Verlauf der Reise. Für mich wirkt dieses System gut organisiert und ruhig – Wartezeiten und Gedränge entstehen nicht, selbst wenn mehrere Gruppen nacheinander anlanden.
Nach kurzer Fahrt mit den Schlauchbooten erreichen wir Smeerenburg auf der Insel Amsterdamøya. Die Anlandung erfolgt im Südosten der Insel auf einer flachen Halbinsel mit Sandstrand und Lagunen. Schon beim Betreten des Geländes wird mir bewusst, warum sich hier im 17. Jahrhundert eine der wenigen landgestützten Walfangstationen Spitzbergens etablieren konnte. Der Name Smeerenburg – die „Speckstadt“ – verweist direkt auf die Verarbeitung von Waltran, die hier über Jahre hinweg betrieben wurde.
Während des Rundgangs erfahre ich, dass in Smeerenburg acht Baracken aktiv waren, jeweils betrieben von unterschiedlichen niederländischen Städten. Jede Station verfügte über eigene Tranöfen, meist als Doppelöfen ausgeführt. In den besten Jahren arbeiteten hier rund 200 Männer. Die Überreste dieser Öfen sind bis heute am Strand sichtbar. Für mich wirkt der Ort trotz der offenen Landschaft dicht und schwer – die Geschichte ist allgegenwärtig.
Der erste Walfangboom endete bereits um 1660. Die Walbestände in den Fjorden waren so stark dezimiert, dass der Fang unrentabel wurde. Die landgestützten Stationen wurden aufgegeben, der Walfang verlagerte sich an die Eiskante und auf das offene Meer. Smeerenburg verlor seine Bedeutung und diente fortan nur noch als Zwischenstation. Heute hat sich die Natur große Teile des Geländes zurückerobert.
Zu unserer Überraschung liegen im Bereich der historischen Stätte zwölf Walrosse. Wir dürfen uns den etwa 1.500 Kilogramm schweren Tieren bis auf rund 30 Meter nähern. Die Tiere ruhen überwiegend und bewegen sich kaum. Nach einiger Zeit setzen wir unseren Rundgang fort und widmen uns weiteren Strandabschnitten sowie den verbliebenen historischen Relikten. Für mich entsteht ein ungewöhnlicher Kontrast zwischen Tierwelt und menschlicher Vergangenheit.
Zurück an Bord nehmen wir das Mittagessen ein und genießen dabei den Blick hinaus auf das Polarmeer. Am frühen Nachmittag lädt die Bordärztin Dr. Dr. Kollenda zu einem Ärztetreffen ein. Sie stellt die medizinischen Einrichtungen und Behandlungsmöglichkeiten an Bord vor und verschafft sich zugleich einen Überblick über die medizinischen Kompetenzen unter den Gästen. Mir wird dabei bewusst, wie relevant dieses Thema auf einer Expedition in solcher Abgeschiedenheit ist – nicht theoretisch, sondern ganz praktisch.
Um 15:00 Uhr beginnt das Vortragsprogramm. Die Polargeschichtsexpertin Kerstin Schley spricht über die Luftfahrt in Spitzbergen. Ausgangspunkt ist erneut Ny-Ålesund, von wo zahlreiche Expeditionen Richtung Nordpol aufbrachen – mit Ballon, Luftschiff oder Flugzeug. Mehrere dieser Unternehmungen endeten tödlich, darunter auch die Rettungsmission von Roald Amundsen für seinen Rivalen Umberto Nobile. Parallel erläutert die Geologin und Eisspezialistin Elisabeth Spitzer in ihrem Vortrag „Meereis – Die kalte Wüste“ die Entstehung und Dynamik des gefrorenen Ozeans. Alle Vorträge werden aufgrund der internationalen Gästestruktur zweisprachig angeboten.
Gegen 17:30 Uhr verändert sich die Geräuschkulisse an Bord spürbar. Das Schiff beginnt zu vibrieren, ein dumpfes Rumpeln setzt ein. Wir haben das Packeis erreicht. Auf dem Inspiration Walk und den Außendecks beobachte ich, wie sich die HANSEATIC inspiration kontrolliert durch das Meereis des vergangenen Winters schiebt. Eisschollen brechen, werden zur Seite gedrückt und schließen sich hinter dem Schiff wieder. Die hohe Eisklasse macht diese Fahrt ruhig und sicher. Soweit der Blick reicht, ist das Meer von Eis bedeckt. Gleichzeitig halten wir aufmerksam Ausschau nach Eisbären.
Kurz nach 18:00 Uhr erreichen wir mit 80°38′ Nord die nördlichste Position der gesamten Reise. Wir verweilen einen Moment im Eis, bevor Kapitän Ulf Wolters das Schiff wendet und Kurs auf den Monacobreen setzt, wo für den nächsten Vormittag ein Zodiac-Cruising geplant ist. Für mich ist dieser Punkt weniger ein Rekord als ein stiller Markstein der Reise.
Den Abend beschließt Expeditionsleiter Heinz Strathmann mit seinem Vortrag „Auf Mokassins zum Nordpol“. Er berichtet von seiner Skitour von Sibirien bis zum nördlichsten Punkt der Erde, von Schwierigkeiten unterwegs und improvisierten Lösungen – darunter selbstgefertigte Mokassins aus Stoff, nachdem sich seine ursprüngliche Ausrüstung als unbrauchbar erwiesen hatte. Der Tag endet mit einem intensiven Eindruck von Geschichte, Eis und Expedition – und mit dem Gefühl, nun wirklich im hohen Norden angekommen zu sein.
Monacobreen, Liefdefjord · Jotunkjeldene, Bockfjord
Tag 5 – Mittwoch, 19.06.2024
Der Morgen beginnt außergewöhnlich ruhig. Nahezu Windstille, glattes Wasser, stabile Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Für mich fühlt sich diese Stille fast unwirklich an – als würde der Fjord den Tag bewusst anhalten. Auch heute gibt es keinen Sonnenaufgang, die Mitternachtssonne bleibt konstant präsent. Zur Mittagszeit befinden wir uns bereits tief im Norden, die zurückgelegte Distanz der Reise wächst spürbar.
Um 08:00 Uhr liegt die HANSEATIC inspiration am inneren Ende des Liefdefjord. Geplant ist ein Zodiac-Cruising vor dem Monacobreen. Der Fjord ist von bis zu 1.000 Meter hohen Bergen eingerahmt, deren steile Flanken normalerweise den Blick auf mehrere große Gletscher freigeben. Der Monacobreen selbst ist rund 40 Kilometer lang und mehrere Kilometer breit – ein dominierendes Element dieser Landschaft.
An diesem Morgen bleibt uns dieser Anblick jedoch verwehrt. Dichter Nebel liegt über dem Fjord. Weder Küstenlinie noch Gletscherkonturen sind zu erkennen. Obwohl die Bedingungen auf dem Wasser ideal wären – windstill, kein Schwell, gute Temperaturen – macht eine Ausbootung ohne Sicht keinen Sinn. Wir warten ab, doch der Nebel hält sich hartnäckig. Für mich ist das ein typischer Moment einer Expeditionsreise: perfekte Voraussetzungen, aber keine Garantie auf Umsetzung.
Um die Wartezeit sinnvoll zu nutzen, wird die Badeplattform am Heck des Schiffes vorbereitet. Die Marina, die sonst in wärmeren Regionen genutzt wird, kommt auch hier zum Einsatz. Handtücher liegen bereit, ein Zodiac mit Eisbärwächter wird zur Absicherung zu Wasser gelassen. Das Wasser ist minimal wärmer als beim vorherigen Eisbad. Insgesamt nutzen 26 Gäste sowie mehrere Crewmitglieder die Gelegenheit für ein kurzes Bad im arktischen Meer. Ich nehme diesen Moment als pragmatische Lösung wahr – flexibel, improvisiert und dennoch gut organisiert.
Gegen 10:00 Uhr fällt die Entscheidung, den Versuch am Monacobreen abzubrechen. Wir nehmen Kurs auf unsere Nachmittagsanlandung im Bockfjord, zu den Jotunkjeldene. Die Strecke beträgt rund 21 Seemeilen. Während der Fahrt begleitet uns eine Gruppe Belugawale. Insgesamt lassen sich 17 Tiere zählen. Sie bleiben ungewöhnlich lange in unserer Nähe und sind gut zu beobachten, auch wenn sie mit etwas Abstand schwimmen. Mit dem Fernglas verfolge ich ihre gleichmäßigen Tauchgänge – ruhig, rhythmisch, ohne Hast.
Gegen 14:00 Uhr erreichen wir den Ankerplatz im Bockfjord. Die Wolken hängen weiterhin tief und geben die umliegenden Berge nur gelegentlich frei. Mit den Zodiacs gehen wir an Land. Der Name Jotunkjeldene bedeutet „die Quellen der Jotunen“ – eine Anspielung auf die Riesen der nordischen Mythologie. Schon beim Anlanden wirkt die Umgebung anders als zuvor: weniger Eis, mehr Struktur, andere Farben.
Eine kurze Wanderung führt uns etwa 50 Höhenmeter hinauf zu den warmen Quellen. Vulkanismus ist für Spitzbergen untypisch, dennoch existieren hier mehrere Quellen mit rund 20 °C warmem Wasser. Das Wasser stammt aus erwärmtem Grundwasser, dessen Temperatur an der Oberfläche nahezu konstant bleibt. Der geologisch erloschene Sverrefjellet steht in Zusammenhang mit diesem Phänomen.
Die Quellen bilden terrassenförmige Kalksteinablagerungen mit Sinterkegeln. Zwei Quellen sprudeln sichtbar an die Oberfläche. Rund um diese warmen Bereiche wachsen Moose und Flechten, die in dieser Form auf Spitzbergen sonst nicht vorkommen. In Kombination mit dem sogenannten Old Red – den mehrere hundert Millionen Jahre alten roten Sandsteinbergen – entsteht ein überraschend farbenreiches Landschaftsbild. Für mich ist dieser Ort einer der ungewöhnlichsten der bisherigen Reise.
Am Abend verschieben einige Gäste ihr Abendessen. Grund ist die Liveübertragung des zweiten Spiels der deutschen Mannschaft bei der Fußball-Europameisterschaft. Auch hier im hohen Norden ist der Empfang möglich. Der 2:0-Sieg sorgt für Gesprächsstoff und einen unerwarteten, aber willkommenen Kontrast zum Expeditionstag. Für mich endet dieser Tag mit dem Eindruck, dass Spitzbergen nicht nur aus Eis und Geschichte besteht, sondern auch aus Momenten, die man hier oben nicht unbedingt erwartet.
Graffiti Beach, Chermsideøya · Packeisfahrt Nordost-Svalbard
Tag 6 – Donnerstag, 20.06.2024
Der Tag beginnt ruhig und ohne äußere Reize. Moderate Bedingungen, leichter Ostwind, gleichmäßiger Schwell. Die Temperaturen bleiben niedrig, das Wasser ist mit 1 °C deutlich kälter als an den Vortagen. Auch heute gibt es keinen Sonnenaufgang – die Mitternachtssonne begleitet uns konstant. Zur Mittagszeit befinden wir uns bereits nördlich des 80. Breitengrades. Für mich ist spürbar, dass wir uns nun endgültig im hohen Norden bewegen.
Für besonders Frühaufstehende startet der Tag bereits um 07:00 Uhr. Der Fitnesscoach bietet ein spezielles Bauchtraining an. Ich nehme wahr, wie selbstverständlich solche Programmpunkte selbst hier oben stattfinden – als Teil eines Bordalltags, der trotz Abgeschiedenheit strukturiert bleibt.
Spätestens ab 08:30 Uhr werden die ersten Farbgruppen aufgerufen. Die HANSEATIC inspiration liegt vor Chermsideøya vor Anker. Mit den Zodiacs fahren wir zum sogenannten Graffiti Beach. Die Insel ist klein, nur rund 20 Quadratkilometer groß, und von niedrigen Bergen geprägt. Die beiden bekanntesten Erhebungen tragen die Namen Knoll und Tott – eine ungewöhnliche Referenz auf die Katzenjammer Kids, eine der ältesten Comicserien der Welt.
Der Name Graffiti Beach ist irreführend. Klassische Graffiti gibt es hier nicht. Stattdessen finden sich sogenannte Geoglyphen: Namen, Symbole und Schriftzüge, die aus Steinen in den Boden gelegt wurden. Die ältesten dieser Steinlegungen stammen aus dem Jahr 1898. Sie wurden von Teilnehmern der Schwedisch-Russischen Meridian-Expedition angelegt, die später in der Region überwinterte. Etwa drei Jahrzehnte danach verewigten sich die Besatzungen der Schiffe Krassin und Roter Bär mit ihren Schiffsnamen aus Steinen, während sie an der Rettungsexpedition für Umberto Nobile beteiligt waren, der mit seinem Luftschiff auf dem Weg zum Nordpol verschollen war.
Das jüngste und zugleich problematischste Zeichen ist ein aus Steinen gelegtes Hakenkreuz, das in den 1930er-Jahren von Deutschen angelegt wurde. Aufgrund seiner Geschichte wurde es mehrfach zerstört und wiederhergestellt. Heute gilt es als historisches Zeugnis und Mahnmal zugleich und steht unter Schutz. Für mich ist dieser Ort weniger spektakulär als nachdenklich – Geschichte liegt hier offen sichtbar in der Landschaft.
Rund eine Stunde haben wir Zeit, die Steinlegungen zu betrachten und zum Aussichtspunkt oberhalb des Strandes aufzusteigen. Von dort eröffnet sich ein weiter Blick über den Sund und das Packeis. Die Szenerie wirkt still, fast unbewegt – eine klassische arktische Landschaft, die weniger durch Aktion als durch Weite beeindruckt.
Den Nachmittag verbringen wir an Bord. Das Schiff bewegt sich durch Fjorde und Packeisfelder im Nordosten Spitzbergens. Ziel ist es, Eisbären zu entdecken und besondere Eis- und Lichtstimmungen zu erleben. Immer wieder steuert die Brücke Seitenarme an, bis das Eis zu dicht wird. Ich halte mich lange auf den Außendecks, auf dem Inspiration Walk und auf Deck 9 auf. Die Ausblicke sind so eindringlich, dass man kaum das Bedürfnis verspürt, nach innen zu gehen.
Ein Eisbär zeigt sich an diesem Tag nicht. Dafür sehen wir erneut Walrosse. Besonders eindrucksvoll ist jedoch die Sichtung von drei Grönlandwal. Die Tiere zeigen mehrfach Kopf und Fluke und bleiben über längere Zeit in Sichtweite des Schiffes. Mir wird schnell klar, dass diese Beobachtung außergewöhnlich ist. Viele Crewmitglieder berichten, in all ihren Jahren im Norden noch nie einen Grönlandwal gesehen zu haben. Vor Spitzbergen galten sie lange als ausgerottet und kehren offenbar erst seit wenigen Jahren langsam zurück.
Während der frühen Walfangzeit war der Grönlandwal stark bejagt. Er lebte küstennah, schwamm langsam und tauchte nicht besonders tief – Eigenschaften, die ihn für Walfänger leicht erreichbar machten. Umso eindrücklicher empfinde ich es, diese seltenen Tiere heute in freier Wildbahn vom Schiff aus beobachten zu können.
Am späten Nachmittag lädt Expeditionsleiter Heinz Strathmann zu einer Einführung in die norwegische Sprache ein. Als langjähriger Wahl-Norweger vermittelt er nicht nur einzelne Begriffe, sondern gibt Einblicke in Mentalität, Alltag und kulturelle Eigenheiten. Für mich ist dieser Programmpunkt eine ruhige Ergänzung zum erlebnisreichen Tag draußen.
Nach dem Abendessen folgt ein eher ungewöhnlicher, aber sehr aufschlussreicher Programmpunkt. Im HanseAtrium stellt sich das Küchenteam vor. Küchenchef Björn Seidel berichtet über die Arbeit an Bord, anschließend kommen insgesamt 19 Köche, Bäcker und weitere Mitarbeitende aus der Küche auf die Bühne. Erst in diesem Moment wird mir bewusst, wie viele Menschen im Hintergrund täglich dafür sorgen, dass der Bordbetrieb reibungslos funktioniert. Der Applaus am Ende wirkt ehrlich und verdient.
Der Tag endet ohne großen Abschlussmoment, aber mit vielen Eindrücken. Für mich ist es ein typischer Expeditionstag im hohen Norden: wenig planbar, reich an Beobachtungen und geprägt von Momenten, die man nicht erzwingen kann.
Torellneset, Nordaustlandet · Brasvellbreen
Tag 7 – Freitag, 21.06.2024
Der Tag beginnt mit Unsicherheit. D dichter Nebel liegt am Morgen um das Schiff und begrenzt die Sicht deutlich. Für mich fühlt sich der Start verhalten an – die Bedingungen wirken zunächst ungünstig für die geplante Zodiacfahrt vor Torellneset auf Nordaustlandet. Der Wind weht mäßig aus Süden, das Meer zeigt leichten Schwell. Die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt, das Wasser ist bereits bei 0 °C. Auch heute gibt es keinen Sonnenaufgang. Zur Mittagszeit befinden wir uns weit im Osten des Archipels, die zurückgelegte Distanz der Reise ist inzwischen deutlich spürbar.
Pünktlich gegen 08:00 Uhr, genau zu dem Zeitpunkt, an dem die Ausbootungen beginnen sollen, lichtet sich der Nebel ausreichend. Die geplante Zodiacfahrt kann stattfinden. Für mich ist das einer dieser typischen Expeditionsmomente: lange unklar, dann plötzlich möglich. Die Anlandung ist besonders, denn Walrosse kehren über Generationen hinweg immer wieder an dieselben Ruheplätze zurück. Entsprechend hoch ist hier die Wahrscheinlichkeit, sie anzutreffen.
Torellneset liegt auf Gustav-Adolf-Land, einem Teil von Nordaustlandet. Der Ort ist nach dem schwedischen Geologen und Polarforscher Otto Martin Torell benannt, der im 19. Jahrhundert mehrere Expeditionen nach Spitzbergen unternahm. Schon diese Einordnung macht mir klar, dass auch dieser scheinbar abgelegene Küstenabschnitt Teil einer langen Forschungsgeschichte ist.
Um die Tiere nicht zu stören, fahren jeweils sechs Zodiacs gemeinsam in einer geschlossenen Gruppe. Erläuterungen erfolgen nur zu Beginn und am Ende der Fahrt, in der Nähe des Schiffes. Während der Annäherung herrscht weitgehend Stille. Ich empfinde diese Ruhe als sehr bewusst – jeder unnötige Lärm würde hier fehl am Platz wirken. Trotz der bisherigen Beobachtungen erhalte ich weitere Einordnungen zum Verhalten und zur Sozialstruktur der Walrosse.
Bereits auf der Fahrt zur Landspitze begegnen uns einzelne Tiere im Wasser. Einige nähern sich neugierig bis auf wenige Meter den Zodiacs. Direkt am Ufer liegt eine größere Gruppe. Im Vergleich zu den Beobachtungen an früheren Tagen wirken die Tiere hier deutlich aktiver. Besonders eindrucksvoll ist die Anwesenheit von Müttern mit Kälbern. Die Jungtiere bewegen sich zwischen den massigen Körpern der erwachsenen Tiere und suchen immer wieder den Kontakt zu ihren Müttern. Für mich ist dieser Moment ruhig, aber intensiv – ohne jede Inszenierung.
Gegen Mittag kehren wir geschlossen zur HANSEATIC inspiration zurück. Das Schiff nimmt Kurs auf den Brasvellbreen, einen der großen Auslassgletscher der Austfonna. Geplant ist eine weitere Zodiacfahrt entlang der Gletscherfront.
Während des Mittagessens unterbricht plötzlich eine Durchsage der Brücke den Bordalltag. An der Steuerbordseite wird ein Eisbär gesichtet, der am Ufer entlangwandert. Innerhalb weniger Augenblicke stehen zahlreiche Gäste auf den Außendecks. Viele ohne Parka, ohne Fernglas – der Moment duldet kein Zögern. Auch ich gehe sofort nach draußen.
Der Eisbär bewegt sich nur wenige Hundert Meter vom Schiff entfernt entlang der Küste. Selbst mit bloßem Auge ist er gut zu erkennen. Durch das Fernglas lassen sich Details beobachten: die immer wieder herausgestreckte Zunge, leichte Kopfbewegungen – Anzeichen dafür, dass er Witterung aufnimmt. Das Schiff scheint ihn weder zu stören noch zu interessieren. Ruhig, aber zielstrebig zieht er seines Weges. Trotz seines entspannten Gangs ist er überraschend schnell unterwegs. Über etwa 30 Minuten können wir das größte Raubtier der Arktis beobachten, bevor Ulf Wolters das Schiff wieder auf den ursprünglichen Kurs bringt. Für mich ist klar: Diese Beobachtung überlagert alles andere, was an diesem Tag noch folgen könnte.
Am Nachmittag erreichen wir den Bereich vor dem Brasvellbreen. Der Nebel hat sich jedoch erneut verdichtet und liegt wie ein Vorhang vor der Gletscherfront. Die Sicht ist so eingeschränkt, dass eine Zodiacfahrt nicht möglich ist. Die geplante Gletscherrundfahrt wird abgesagt. Auch das gehört zur Realität einer Expedition – nicht jede Planung lässt sich umsetzen.
Das Schiff setzt dennoch seine Fahrt fort, mitten durch eine arktische Eislandschaft. Treibeis umgibt die HANSEATIC inspiration, immer wieder tauchen Eisberge aus dem Nebel auf, nur um kurze Zeit später wieder zu verschwinden. An einen dieser Eisberge fährt der Kapitän besonders dicht heran. Aus nächster Nähe lassen sich Struktur, Farbe und Größe gut erkennen. Auch ohne Anlandung empfinde ich den Nachmittag als eindrucksvoll.
Am Abend klingt der Tag im HanseAtrium aus. Cameron Fraser präsentiert ein Programm mit bekannten One-Hit-Wonders. In vielen Gesprächen steht jedoch weiterhin das gleiche Thema im Mittelpunkt: die Begegnung mit dem Eisbär. Bilder werden gezeigt, Beobachtungen ausgetauscht. Für mich endet dieser Tag mit dem Gefühl, etwas sehr Ursprüngliches erlebt zu haben – nicht geplant, nicht wiederholbar, aber genau deshalb so prägend.
Martinodden, Edgeøya · Expeditionstag auf See
Tag 8 – Samstag, 22.06.2024
Der Tag beginnt ruhig und offen. Die Bedingungen sind moderat, der Wind schwach, das Meer gleichmäßig bewegt. Luft und Wasser liegen bei etwa 1 °C. Auch heute gibt es keinen Sonnenaufgang – die Mitternachtssonne bestimmt weiterhin den Tag. Zur Mittagszeit befinden wir uns südlich des bisherigen Reiseverlaufs, die Gesamtdistanz der Expedition ist inzwischen deutlich angewachsen. Für mich fühlt sich dieser Tag weniger zielgerichtet an als die vorherigen – bewusst offen und ohne festen Plan.
Der heutige Ablauf ist als klassischer Expeditionstag angesetzt. Das bedeutet: kein festes Programm, keine garantierten Anlandungen, keine vorab festgelegten Ziele. Entscheidungen werden abhängig von Wetter, Sicht und spontanen Möglichkeiten getroffen. Im Tagesprogramm heißt es entsprechend, dass Wind, Wellen und Nebel den Tag bestimmen werden. Ich nehme diese Offenheit als Kern einer Expeditionsreise wahr – verbunden mit der ständigen Hoffnung auf eine weitere Eisbärsichtung, besondere Fjordpassagen oder unerwartete Tierbeobachtungen.
Der Vormittag verläuft ruhig. Nach dem Frühstück besuche ich zwei Vorträge, die inhaltlich an die bisherigen Tage anknüpfen. Biologe Tillmann Wolf spricht über die Flora am Rand des Eises, Elisabeth Spitzer über die Kraft der Gletscher. Beide Themen greifen Beobachtungen aus den Anlandungen auf und ordnen sie ein. Gerade der arktische Frühling, der sich mit jeder Landung deutlicher zeigt, wirft viele Fragen auf – zur Vegetation, zum Permafrost, zur Dynamik des Eises. Die Vorträge liefern dafür hilfreiche Zusammenhänge, und auch danach stehen die Experten für Gespräche zur Verfügung.
Zur Mittagszeit bleibt das Lido-Restaurant geschlossen. Stattdessen überrascht uns die Hotelleitung mit einer ungewohnten, aber passenden Idee. Auf dem Pooldeck findet eine große Pølser-Party statt. Es gibt Hotdogs, ein Buffet mit weiteren Speisen und einen Backofen für frisch zubereitete Flammkuchen. Die Atmosphäre ist entspannt, fast sommerlich, musikalisch begleitet von Cameron Fraser. Für mich entsteht ein spannender Kontrast zwischen arktischer Umgebung und lockerer Stimmung an Bord.
Noch während wir auf dem Pooldeck zusammensitzen, folgt eine spontane Durchsage von Kapitän und Expeditionsteam. Es gibt eine ungeplante Anlandung. Wir werden bei Martinodden auf Edgeøya an Land gehen. Für die Flotte von Hapag-Lloyd Cruises ist dies eine Premiere – hier hat bislang noch kein Schiff angelandet. Für mich ist sofort klar, dass dies ein besonderer Moment der Reise wird.
Die Bedingungen könnten kaum besser sein. Wir erreichen den Strand bei nahezu Windstille und strahlendem Sonnenschein. Vor uns liegt eine weite Schwemmlandlandschaft mit Mooren und dichter Vegetation. Plateauberge bilden den Rahmen, dazwischen fließen Gletscher ins Tiefland. Schon beim ersten Rundgang entdecke ich Spitzbergen-Rentiere, Walknochen und alte Fuchsfallen. Der Ort wirkt offen, still und überraschend lebendig.
Der fruchtbare Boden ist von einer vielfältigen Tundrenvegetation bedeckt. Gegenblättriger Steinbrech mit violetten Blüten, Schneehahnenfuß, Felsenblümchen und dichte Moose überziehen den Boden wie ein farbiges Mosaik. In Kombination mit dem klaren Licht und der völligen Ruhe empfinde ich diesen Ort als einen der eindrucksvollsten der gesamten Reise. Es fällt mir tatsächlich schwer, diesen Platz wieder zu verlassen.
Am späten Nachmittag kehren wir an Bord zurück. Mir wird bewusst, dass nur noch ein letzter Tag im Archipel vor uns liegt, bevor wir Kurs auf Tromsø nehmen. Nach dem Abendessen verändert sich die Stimmung erneut. Das HanseAtrium verwandelt sich von einem Vortragsraum in eine Cocktailbar. An verschiedenen Stationen zeigen Offiziere, dass sie nicht nur für Navigation und Betrieb verantwortlich sind, sondern auch hervorragende Cocktails mixen können. Musikalisch begleitet wird der Abend von der Crew-Band der HANSEATIC inspiration, die mit bekannten Titeln vergangener Jahrzehnte für eine gelöste Atmosphäre sorgt.
Für mich endet dieser Tag als perfekter Ausklang eines vorletzten Expeditionstages: offen, überraschend und geprägt von einem Ort, den man nicht planen kann – und gerade deshalb nicht vergisst.
Burgerbukta, Hornsund · Abschied von Spitzbergen
Tag 9 – Sonntag, 23.06.2024
Der Tag beginnt früh und ruhig. Die Bedingungen sind günstig, nahezu windstill, das Wasser liegt glatt im Fjord. Die Temperaturen bleiben niedrig, aber stabil. Auch heute gibt es keinen Sonnenaufgang. Zur Mittagszeit befinden wir uns bereits deutlich südlich im Archipel. Für mich ist spürbar, dass dies der letzte echte Expeditionstag ist – nicht wegen des Programms, sondern wegen der inneren Haltung an Bord.
Sehr früh am Morgen biegen wir in die breite Einfahrt des Hornsund ein, an der Südspitze Spitzbergens auf Sørkappland. An Steuerbord lässt sich der höchste Berg des Fjords, der Hornsundtind, eher erahnen als klar erkennen. Die Wolken hängen tief, die Gipfel bleiben im Dunst verborgen. Dennoch wirkt die Szenerie ruhig und geschlossen. Für mich passt dieses gedämpfte Licht gut zu diesem letzten Abschnitt der Reise.
Die Bedingungen sind stabil genug, um das geplante Zodiac-Cruising durchzuführen. Wind und Welle spielen mit, auch wenn die Berge nicht vollständig freigegeben sind. Unser Ziel liegt im östlichen Arm der Burgerbukta, wo wir den Mühlbacherbreen erkunden wollen. Das Wasser ist nahezu spiegelglatt, die steilen Uferwände spiegeln sich im Fjord. Schon beim Ausbooten entsteht eine besondere Ruhe.
Auf dem Weg in die Bucht passieren wir Gnålodden. Der markante Vogelfelsen erhebt sich deutlich über dem Strand. Tausende Dreizehenmöwen und Dickschnabellummen brüten hier, ihr permanentes Rufen liegt wie ein gleichmäßiger Klangteppich über dem Fjord. Am Ufer erkenne ich eine kleine Trapperhütte aus dem Jahr 1911. Sie wurde bis 1971 genutzt, auch von der bekannten Trapperin Wanny Wolstad. Für mich ist dieser Ort ein stiller Hinweis darauf, wie lange Menschen diesen abgelegenen Teil Spitzbergens bereits nutzen.
Wir fahren weiter in den östlichen Arm der Burgerbukta. Nachdem uns Nebel an den vergangenen Tagen mehrfach Zodiacfahrten verwehrt hat, ist dies die letzte Gelegenheit, noch einmal intensiv Gletscherlandschaft zu erleben. Die Bucht teilt sich in zwei Arme. Im Westen liegt der Paierlbreen, wir steuern jedoch den östlichen Arm an, zum Mühlbacherbreen. Seine Gletscherfront ist rund 1,6 Kilometer lang und markiert die Grenze zwischen Wedel-Jarlsberg-Land im Westen und Torell-Land im Osten.
Der Mühlbacherbreen ist nach dem Österreicher Ferdinand Mühlbacher benannt, einem Teilnehmer der Hans-Graf-Wilczek-Expedition von 1872. Die Vielzahl österreichischer Namen in dieser Region geht auf das Engagement der k.u.k.-Monarchie in der frühen Arktisforschung zurück. Während wir langsam vorankommen, wird mir bewusst, wie eng Entdeckungsgeschichte und Landschaft hier miteinander verwoben sind.
Die innere Bucht ist noch durch Meereis blockiert – Überreste des vergangenen Winters. An die eigentliche Gletscherkante gelangen wir daher nicht. Auf dem Eis ruhen vereinzelt junge Robben, vermutlich Ringelrobben. Einige Eismöwen treiben auf dem Wasser, Dickschnabellummen ruhen kurz, bevor sie zu den Brutfelsen zurückkehren. Die Fahrt ist ruhig, fast meditativ. Die Zodiacs gleiten langsam durch das Eis, das Licht ist gedämpft, die Geräusche sind minimal. Für mich ist dies einer der stillsten Momente der gesamten Reise.
Den Abschluss dieser letzten Eisfahrt setzt Hotelmanagerin Doris Adler mit ihrem Team. Am Ende des Cruisings erwartet uns ein „Champagnerboot“. Mit einem Glas Champagner in der Hand fahren wir zurück zur HANSEATIC inspiration. Für mich ist dieser Moment kein Luxusdetail, sondern ein bewusst gesetzter Schlusspunkt – ein leiser Abschied von Spitzbergen.
Zurück an Bord wird der Anker gelichtet. Langsam verlassen wir den Hornsund und nehmen Kurs auf das offene Meer. An Steuerbord erscheinen noch der Hansbreen und Isbjørnhamna mit der polnischen Forschungsstation Stanisław Siedlecki Polar Station. Sie wurde im Rahmen des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58 errichtet und ist bis heute die einzige Forschungsstation Spitzbergens außerhalb der Siedlungen Longyearbyen und Ny-Ålesund. Für mich ist dies der letzte Blick auf wissenschaftliche Präsenz, bevor die Natur wieder dominiert.
Wir folgen anschließend der Westküste Spitzbergens südwärts. Bis zu unserem Ziel Tromsø liegen noch rund 450 Seemeilen vor uns. Der Nachmittag verläuft an Bord. Dr. Jonas Schwarz hält seinen Vortrag über Wale und knüpft an unsere bisherigen Sichtungen an. Als ihm nach etwa 20 Minuten die Stimme versagt, übernimmt Tillmann Wolf spontan und führt den Vortrag ohne Bruch zu Ende. Später gibt Kerstin Schley einen Überblick über die Geschichte Svalbards. Ich nehme diese Vorträge bereits mit dem Gefühl wahr, dass sich die Expedition ihrem Ende nähert.
Während des Abendessens tauchen plötzlich Buckelwale auf. Sie kommen bis auf wenige Meter an das Schiff heran und zeigen mehrfach ihre Fluken. So nah haben wir sie auf dieser Reise noch nicht gesehen. Für mich ist das ein unerwarteter, emotionaler Abschluss der arktischen Tierbeobachtungen – nicht geplant, nicht angekündigt, aber genau im richtigen Moment.
Am Abend verfolgen wir im HanseAtrium gemeinsam das letzte Gruppenspiel der Europameisterschaft zwischen der Schweiz und Deutschland. Die Stimmung ist entspannt und gemeinschaftlich. Das Unentschieden passt zum Abend. Für mich endet dieser Tag – und damit die Expeditionsphase – ruhig, geschlossen und mit dem Gefühl, Spitzbergen nicht einfach verlassen zu haben, sondern bewusst verabschiedet zu haben.
Seetag Richtung Tromsø · Abschied von der Expedition
Tag 10 – Montag, 24.06.2024
Der letzte volle Tag an Bord beginnt spürbar bewegter als die Tage zuvor. Der Wind hat aufgefrischt, der Seegang ist deutlich, das Schiff arbeitet hör- und fühlbar. Für mich ist dieser Seetag der erste, an dem sich wieder ein klassisches Hochseegefühl einstellt. Luft und Wasser sind deutlich wärmer als in Spitzbergen, der Luftdruck ist gefallen. Auch heute gibt es keinen Sonnenaufgang. Zur Mittagszeit befinden wir uns bereits deutlich südlich – ein klarer Hinweis darauf, dass sich diese Reise ihrem Ende nähert.
Wer früh aufsteht, kann an Backbord einen Blick auf die Bjørnøya werfen. Die Insel liegt etwa auf halber Strecke zwischen Spitzbergen und dem norwegischen Festland. Sie wirkt aus der Entfernung unscheinbar, trägt aber eine lange Geschichte in sich. Entdeckt wurde sie 1596 von Willem Barents, ihren Namen erhielt sie nach der Begegnung mit einem Eisbären. Für mich ist dieser kurze Blick ein stiller Übergang – von der Arktis zurück Richtung Europa.
Der Tag selbst bietet Zeit und Raum für Aktivitäten an Bord. Wer möchte, nutzt das Sportangebot: am Morgen Faszientraining, später Core-Training, am Nachmittag ein intensives Ganzkörperprogramm oder alternativ Stretch & Relax. Ich nehme wahr, wie unterschiedlich dieser letzte Seetag genutzt wird – manche aktiv, andere bewusst ruhig.
Parallel dazu läuft im HanseAtrium das inhaltliche Programm weiter. Biologe Tillmann Wolf spricht über die Eisbären und ihre Rolle im arktischen Ökosystem. Danach ordnet Expeditionsleiter Heinz Strathmann die vergangenen Tage noch einmal ein. Für mich sind diese Vorträge weniger Wissensvermittlung als Rückblick – vieles habe ich draußen erlebt, nun bekommt es einen letzten Rahmen.
Am Nachmittag steht das Erinnern im Mittelpunkt. Bordfotograf Björn Gerhardts zeigt eine Auswahl seiner Bilder, begleitet von Musik. Kurz darauf sehen wir den Reisefilm von Videograf Scott Kahrens. In gut einer Stunde ziehen die vergangenen Tage noch einmal komprimiert vorbei: Anlandungen, Eis, Tiere, Begegnungen. Ich merke, wie schnell zehn Expeditionstage in Bildern zusammenrücken – und wie viel davon bleibt.
Auch die Experten melden sich ein letztes Mal zu Wort. Jeder teilt persönliche Eindrücke dieser Reise. Manche Erlebnisse tauchen mehrfach auf, andere nur in einzelnen Sätzen. Für mich entsteht daraus ein gemeinsames Bild – dieselbe Reise, aber aus vielen Blickwinkeln.
Nach dem Abendessen lädt Kapitän Ulf Wolters zum Farewell-Cocktail ins HanseAtrium. Die Expedition ist nun offiziell abgeschlossen. In seiner Ansprache fasst er die Reise zusammen – von der Einschiffung in Longyearbyen bis zu den letzten Seemeilen Richtung Tromsø. Ich nehme diesen Moment bewusst wahr: als formellen Abschluss dessen, was draußen längst begonnen hat, sich innerlich zu sortieren.
Ein fester Bestandteil des Abends ist die Versteigerung dreier Erinnerungsstücke: eine von der Crew gestaltete Seekarte mit eingezeichneter Route, eine symbolische „Schiffsraube“ eines Zodiacs und eine Fischerboje mit den Unterschriften der gesamten Crew. Ein Teil der Erlöse geht an das Projekt Clean up Svalbard, der Rest in die Gemeinschaftskasse der Crew. Für mich ist das ein stimmiger Abschluss – konkret, greifbar und mit Bezug zu der Region, die wir verlassen.
Zum Abschluss des offiziellen Programms tritt der Shanty-Chor der HANSEATIC inspiration auf, geleitet von Security Officer Arne Moritz, begleitet von Wolfgang Kick am Klavier. Auch Staffkapitän Alexander Mandl beteiligt sich mit einem traditionellen Hamburger Shanty. Danach übernimmt erneut Cameron Fraser die musikalische Gestaltung des Abends.
Der Tag klingt ruhig und gemeinschaftlich aus. Es gibt keine neuen Höhepunkte mehr, und genau das fühlt sich richtig an. Für mich endet die Expedition nicht abrupt, sondern gleitend – mit Zeit, die Eindrücke zu sortieren. Die Reise ist abgeschlossen. Was bleibt, sind Bilder, Begegnungen und Erfahrungen, die weit über diese zehn Tage hinaus nachwirken.
Tromsø · Ausschiffung und Heimreise
Tag 11 – Dienstag, 25.06.2024
In der Nacht nehmen wir den Lotsen an Bord. Gegen 06:45 Uhr macht die HANSEATIC inspiration im Hafen von Tromsø fest. Die Bedingungen sind ruhig, kein Wind, kein Schwell. Luft- und Wassertemperaturen liegen deutlich höher als noch in Spitzbergen. Für mich fühlt sich diese Ankunft weniger spektakulär an als viele vorherige Momente – und genau das macht sie passend. Die Expedition ist abgeschlossen, jetzt geht es zurück in den Alltag.
Tromsø liegt etwas nördlich des 69. Breitengrades und besitzt seit 1794 das Stadtrecht. Die Stadt trägt Beinamen wie „Paris des Nordens“, „Tor zum Eismeer“ oder „Tor zur Arktis“. Beim Blick vom Schiff aus wird mir bewusst, wie präsent Geschichte hier noch ist. Dass Tromsø heute über eine weitgehend geschlossene historische Bausubstanz verfügt, hängt auch damit zusammen, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg von größeren Zerstörungen verschont blieb – im Gegensatz zu vielen anderen Orten Nordnorwegens.
In unmittelbarer Nähe der Pier steht erneut eine Büste von Roald Amundsen, dem wir bereits in Ny-Ålesund begegnet sind. Tromsø war für Generationen von Polarforschern der letzte Hafen vor dem Aufbruch nach Norden. Von hier starteten nicht nur Amundsen und Fridtjof Nansen, sondern auch weniger bekannte Forscher wie Carl Koldewey, nach dem die deutsche Forschungsstation in Ny-Ålesund benannt ist, oder Herbert Schröder-Stranz. Für mich schließt sich hier ein Kreis – von den historischen Expeditionen zu unserer eigenen, modernen Reise.
Heute ist Tromsø weiterhin einer der wichtigsten Häfen des europäischen Polarmeeres, zugleich aber eine junge, lebendige Stadt. Mit der größten Universität nördlich des Polarkreises und einem Universitätsklinikum prägen Studierende und Forschende das Stadtbild. Moderne Architektur, traditionelle Holzhäuser und umgenutzte Hafenareale liegen dicht beieinander. Ich nehme Tromsø als Ort wahr, der nicht nur vom Norden lebt, sondern ihn aktiv gestaltet.
Auch kleine Details bleiben hängen. Lange Zeit galt Tromsø mit der Mack-Brauerei als Standort der nördlichsten Brauerei der Welt. Diesen Titel hat die Stadt inzwischen verloren – selbst auf Svalbard wird heute Bier gebraut. Für mich ist das eine Randnotiz, die zeigt, wie sich selbst im hohen Norden Dinge verändern.
Für uns heißt es nun endgültig Abschied nehmen. Der Tag beginnt früh mit dem Frühstück. Ab 08:30 Uhr verlassen wir nach und nach das Schiff, das in den vergangenen Tagen unser Zuhause war. Auf der Pier verabschieden wir uns ein letztes Mal von der Crew – ruhig, ohne große Worte, aber spürbar persönlich. Anschließend bringen uns Busse zum Flughafen. Von dort treten wir die Heimreise an: nach Deutschland, in die Schweiz, nach Großbritannien, in die USA oder bis nach Taiwan.
Für mich endet diese Reise nicht abrupt, sondern leise. Wir haben gesehen, erlebt und verstanden. Vieles davon wird erst im Nachhinein Wirkung entfalten. Mancher von uns würde gerne noch bleiben und weiter durch die Inselwelt Svalbards reisen. Doch vielleicht ist es genau richtig, hier aufzuhören – an einem Ort, der seit Jahrhunderten für Aufbruch steht, und mit dem Gefühl, zur richtigen Zeit zurückzukehren.
Gesamtfazit – Was bleibt nach dieser Spitzbergen-Expedition?
Nach elf Tagen an Bord und zahlreichen Anlandungen, Zodiacfahrten und Eispassagen bleibt vor allem ein realistisches Bild davon, wie eine Expeditionsreise nach Spitzbergen tatsächlich abläuft. Nicht als Abfolge von Höhepunkten, sondern als Zusammenspiel aus Planung, Flexibilität, Naturbedingungen und Entscheidungen, die oft erst vor Ort getroffen werden können.
Diese Reise hat gezeigt, dass Spitzbergen keine Bühne für garantierte Erlebnisse ist. Wetter, Sicht und Eis bestimmen den Tagesablauf stärker als jedes Programm. Anlandungen werden möglich – oder fallen aus. Gletscher zeigen sich – oder bleiben im Nebel verborgen. Gerade diese Unvorhersehbarkeit ist kein Mangel, sondern ein zentraler Bestandteil einer echten Expedition.
Was besonders in Erinnerung bleibt, sind nicht einzelne spektakuläre Momente, sondern die Summe vieler stiller Eindrücke: die Ruhe im Eis, die Nähe zu Walrossen und Walen, die Beobachtung eines Eisbären aus respektvoller Distanz, historische Orte wie Ny-Ålesund oder Smeerenburg und die Erfahrung, wie sehr sich Landschaft, Licht und Stimmung täglich verändern. Ebenso prägend ist der Bordalltag – geprägt von Struktur, Sachlichkeit und einem hohen Maß an Professionalität.
Die Reise mit Hapag-Lloyd Cruises war klar als Expeditionsreise angelegt. Entscheidungen wurden sichtbar von Wetter, Eis und Sicht beeinflusst. Nicht alles war planbar, nicht alles spektakulär – aber der gesamte Ablauf war darauf ausgerichtet, die Region unter arktischen Bedingungen respektvoll und nachvollziehbar zu erleben.
Für mich endet diese Reise nicht mit einem Gefühl von „abgehakt“, sondern mit einem geordneten Abschluss. Spitzbergen wurde nicht konsumiert, sondern erfahren. Vieles wirkt erst im Nachhinein nach – Bilder, Beobachtungen, Gespräche. Genau darin liegt der Wert dieser Reise: Sie hinterlässt keine Checkliste, sondern ein dauerhaftes Verständnis für eine der abgelegensten Regionen Europas.
Wer Spitzbergen bereist, sollte nicht erwarten, dass jeder Tag spektakulär ist. Aber wer bereit ist, sich auf diese Form des Reisens einzulassen, wird mit Eindrücken belohnt, die bleiben – leise, eindringlich und nachhaltig.
Was andere Reisende berichten
„Es war so wunderschön, Spitzbergen ist wirklich der Wahnsinn, so eine tolle und vielseitige Landschaft.. Wir sind ganz begeistert 🙂
Die Ausflüge mit den Zodiacs haben super viel Spaß gemacht und auch das Kajak fahren war ein echtes Erlebnis. Alles war super organisiert, richtig klasse.“
Verena H., Treuchtlingen (Bayern)
Juli 2025, MS Fram
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