Antarktis Halbumrundung – Meine Erfahrungen


Roland Kock in der Antarktis
Roland Kock
Roland Kock vor Mount Erebus - dem südlichsten Vulkan der Erde
Vor Mount Erebus – dem südlichsten Vulkan der Erde

Diese Seite dokumentiert meine persönlichen Erfahrungen mit einer fünfwöchigen Expeditionsreise – einer Antarktis Halbumrundung mit der HANSEATIC inspiration. Im Januar und Februar 2025 habe ich diese Route selbst unternommen.

Die Reise führte durch mehrere Randmeere des Südpolarmeeres, entlang der antarktischen Küste, zu historischen Stätten der Polargeschichte und weiter über subantarktische Inseln bis nach Neuseeland. Eine Antarktis Halbumrundung ist keine klassische Kreuzfahrt, sondern eine logistisch komplexe Expeditionsroute, die stark von Eis-, Wetter- und Seebedingungen abhängt.

Der Erfahrungsbericht folgt dem tatsächlichen Verlauf – Tag für Tag. Er basiert nicht auf Erwartungen oder Marketingdarstellungen, sondern auf dem realen Ablauf an Bord: auf möglichen und nicht möglichen Anlandungen, auf Seetagen, Vorträgen, Beobachtungen und operativen Entscheidungen.

Route: Ushuaia (Argentinien) – westliche Halbumrundung Antarktis – Lyttelton (Neuseeland)
Reederei: Hapag-Lloyd Cruises
Schiff: HANSEATIC inspiration
Reisezeit: Januar-Februar 2025

Inhalt

Anreise nach Buenos Aires

Tag 1 – Sonntag, 26. Januar 2025

Nach langer Zeit der Vorfreude und vielen Wochen der Reisevorbereitung ist es heute so weit. Ich breche zu einer echten Abenteuerreise auf: der Halbumrundung des antarktischen Kontinents. Eine Reise, die mich mit Flugzeug und Schiff über mehrere Kontinente, durch zahlreiche Zeitzonen und einmal um die halbe Erde führen wird.

Heute beginnt alles mit dem langen Nonstop-Flug von Frankfurt nach Buenos Aires. Es ist der längste Linienflug der Lufthansa, und allein diese Tatsache macht deutlich, dass dieser Tag vor allem ein Übergang ist. Weg vom Alltag, hinein in eine Reise, die in großen Distanzen gedacht ist.

Die Boeing 747-8 startet pünktlich. Der Abflug verläuft ruhig, fast unspektakulär. Zunächst fliegen wir über Nordwestafrika, dann hinaus über den Atlantik. Unter uns liegt stundenlang nichts als Wasser. Zeit verliert schnell an Bedeutung. Lesen, Dösen, aus dem Fenster schauen – alles verschwimmt zu einem gleichmäßigen Unterwegssein.

Mit jeder Stunde wird mir klarer, dass Buenos Aires kein eigentliches Ziel ist, sondern eine Schwelle. Südamerika ist nur der Auftakt. Danach folgen Feuerland, das Schiff und schließlich die Antarktis. Diese Reise baut sich Etappe für Etappe auf, und heute ist die erste davon geschafft.

Als wir schließlich in Buenos Aires landen, bin ich müde, aber wach im Kopf. Noch bin ich weit entfernt von Eis, Gletschern und Anlandungen. Doch der Weg dorthin hat heute begonnen – endgültig.

Buenos Aires – Argentinien

Tag 2 – Montag, 27. Januar 2025

Nach der Ankunft in Buenos Aires werde ich mit dem Bus in die Innenstadt gebracht. Unser Hotel, das Four Seasons, liegt nur wenige Gehminuten von der gewaltigen Avenida 9 de Julio entfernt. Schon auf der Fahrt dorthin wirkt die Stadt groß, laut und dicht – ein starker Kontrast zu dem, was mich in den kommenden Wochen erwartet.

Nach einer kurzen Pause zum Ausruhen und einer kleinen Erfrischung beginnt die Stadtrundfahrt. Buenos Aires ist eine riesige Metropole mit rund 15 Millionen Einwohnern im Ballungsraum, davon etwa drei Millionen im eigentlichen Stadtzentrum. Die Stadt liegt am breiten Mündungstrichter des Río de la Plata und besitzt ein auffallend europäisch geprägtes Stadtbild. Viele Straßenzüge wirken modern und großzügig, während nur noch wenige Gebäude aus der Kolonialzeit erhalten sind.

Wir beginnen an der Plaza de Mayo, dem politischen und historischen Zentrum der Stadt. Hier steht das ehemalige Rathaus im Kolonialstil, das heute als Museum und Kulturzentrum genutzt wird. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt der Regierungspalast, die Casa Rosada, deren rosafarbener Anstrich seit jeher zu den bekanntesten Wahrzeichen Argentiniens zählt.

Rund um die Plaza de Mayo finden sich zahlreiche monumentale Gebäude aus der Zeit des Neoklassizismus, die überwiegend während der Regierungsära von Juan Perón entstanden sind. Dazu zählen unter anderem das Justizministerium und die juristische Fakultät der Universität. In unmittelbarer Nähe besuchen wir die Kathedrale, in der der argentinische Nationalheld José de San Martín beigesetzt ist, der eine zentrale Rolle bei der Unabhängigkeit Argentiniens, Chiles und Perus spielte. Auch Papst Franziskus war hier viele Jahre tätig, bevor er zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde.

Anschließend fahren wir in das Künstler- und Hafenviertel La Boca. Besonders auffällig sind die bunt bemalten Häuser. Diese Farbvielfalt entstand ursprünglich aus der Not heraus, da Fassadenfarbe oft nur in kleinen Restmengen verfügbar war und man verwendete, was gerade vorhanden war. Heute prägt genau dieses Erscheinungsbild den Charakter des Viertels.

Zum Abschluss der Stadtrundfahrt kehren wir im traditionsreichen Restaurant La Biela im Stadtteil Recoleta ein. Es gibt große Platten mit Schinken, Wurst und Käse sowie ein eiskaltes lokales Bier – ein frühes Abendessen, das nach dem langen Tag sehr willkommen ist. In der Nähe des Restaurants sitzt ein riesiger Gummibaum, in dessen Krone lautstark Mönchssittiche kreischen, die inzwischen auch in einigen Parks in Deutschland heimisch geworden sind.

Nach der Stärkung kehre ich ins Hotel zurück und lasse den Abend ruhig ausklingen. Die Anreise war lang, der Tag intensiv. Viel Zeit zur Erholung bleibt nicht, denn die kommende Nacht wird kurz. Bereits gegen fünf Uhr morgens werden wir wieder abgeholt – der Weiterflug nach Feuerland steht bevor.

Ushuaia / Argentinien – Einschiffung

Tag 3 – Dienstag, 28. Januar 2025

Um 8:00 Uhr starte ich vom internationalen Flughafen Ezeiza zu dem rund dreistündigen Flug nach Ushuaia. Wir fliegen mit einer Boeing 737-MAX-8 der Aerolíneas Argentinas Richtung Süden, auf die große Insel Feuerland, an den Beagle-Kanal.

Schon der Anflug ist eindrucksvoll. Als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht, liegen die südlichsten, schneebedeckten Gipfel der Anden scheinbar zum Greifen nah unter uns. In einer engen Kurve geht es über die Schaumkronen des windgepeitschten Beagle-Kanals hinunter auf die Landebahn des südlichsten Flughafens der Welt. Spätestens hier fühlt sich die Reise endgültig anders an.

Nach der Landung nehme ich mein Gepäck in Empfang. Vor dem Flughafengebäude warten bereits Busse, die uns zu einer ersten Ausflugstour durch die Landschaft Feuerlands bringen. Zunächst fahren wir hinauf zum Hotel Las Hayas oberhalb der Stadt, wo ein Mittagessen auf uns wartet. Vor dem Hotel blühen die Lupinen üppig in allen Farben. Sie sind hier allgegenwärtig und prägen das Bild der Gärten in Ushuaia. Von der erhöhten Lage bietet sich ein schöner Blick auf den Hafen. Leider ist unser Schiff, die HANSEATIC inspiration, durch ein anderes Schiff teilweise verdeckt.

Anschließend geht es weiter in den Feuerland-Nationalpark. Die Fahrt führt durch ausgedehnte, dichte Wälder, die ausschließlich aus Südbuchen bestehen. Diese Süd- oder Scheinbuchen sind die Charakterbäume des südlichen Patagoniens und Feuerlands. Es gibt drei Hauptarten: die birkenblättrige Südbuche, die antarktische Südbuche und die immergrüne Südbuche. Außer im südlichen Südamerika kommen diese Bäume nur noch in Neuseeland vor – ein eindrucksvoller Hinweis auf den einstigen Urkontinent Gondwana und die Theorie der Kontinentaldrift.

Wir fahren zunächst zur Ensenada-Bucht. Von hier eröffnet sich ein weiter Blick auf die teilweise schneebedeckten Berge auf der chilenischen Seite Feuerlands. Die Sonne scheint, das Meer liegt ruhig und schillert in verschiedensten Blau- und Grüntönen. Die Szenerie wirkt fast gemalt. In Ufernähe lassen sich zwei Erpel der großen, schweren und flugunfähigen Patagonischen Dampfschiffente beobachten.

Danach geht es weiter zur Lapataia-Bucht. Hier endet die Ruta Nacional 3, die berühmte Panamericana, die sich über fast 18.000 Kilometer von Alaska bis nach Feuerland zieht. An diesem Punkt wird mir bewusst, wie weit entfernt wir uns bereits von Europa befinden.

Am späten Nachmittag kehren wir nach Ushuaia zurück. Die Zeit drängt, denn nun steht die Einschiffung an. An Bord der HANSEATIC inspiration werden wir herzlich begrüßt. Nach der langen Anreise freue ich mich darauf, endlich meine Kabine zu beziehen und anzukommen.

Um 18:30 Uhr folgt die obligatorische Seenotrettungsübung. Danach wird das Abendessen serviert, und langsam klingt dieser lange, intensive Tag aus. Kurz nach 19:30 Uhr legt das Schiff von der Pier ab. Wir fahren hinaus in den Beagle-Kanal und nehmen Kurs auf die Drake-Passage. Die eigentliche Expeditionsreise beginnt.

Auf See / Drake-Passage

Tag 4 – Mittwoch, 29. Januar 2025

In den frühen Morgenstunden erreiche ich die Drake-Passage. Das Schiff beginnt deutlich zu arbeiten. Ein kräftiger Schwell läuft durch, und zeitweise rollt es so stark, dass man sich automatisch bewusster bewegt. Es ist kein chaotisches Schlagen, eher ein gleichmäßiges, tiefes Rollen, an das ich mich erst gewöhnen muss.

Der Vormittag ist inhaltlich dicht. Zunächst wird das Expeditionsteam vorgestellt. Historikerin, Geologe, Meeresbiologin, Astronom und Zoologe begleiten die Reise fachlich und stehen jederzeit für Fragen zur Verfügung. Kurz darauf folgt die Zodiac-Einweisung sowie die Einführung in die Regeln für Reisen in die Antarktis. Die Vorgaben wirken streng, sind aber nachvollziehbar. Sie schaffen die Grundlage dafür, diese Region überhaupt besuchen zu dürfen.

Gegen Mittag treffe ich andere Alleinreisende bei einem kurzen Empfang. Die Stimmung ist ruhig, fast beiläufig. Viele von uns wirken noch etwas zurückhaltend, als würde jeder erst einmal ankommen müssen – auf dem Schiff, in der Bewegung, in dieser neuen Realität auf See.

Am frühen Nachmittag steht eine Pflichtveranstaltung an, die für jede Antarktisreise zentral ist: die Biosecurity-Inspektion. Sämtliche Ausrüstungsgegenstände werden überprüft. Schuhe, Kleidung, Rucksäcke, Kamerataschen. Besonders kritisch sind Klettverschlüsse und Sohlenprofile. Es geht darum, keine Samen oder Fremdstoffe in ein extrem sensibles Ökosystem einzuschleppen. Die Kontrolle ist gründlich und zeitaufwendig. Spätestens hier wird mir klar, dass diese Reise nicht nur Erlebnis, sondern auch Verantwortung bedeutet.

Im Anschluss findet ein Treffen mit der Schiffsärztin statt. Mehrere Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen sind an Bord. Das wird nüchtern erklärt, wirkt aber beruhigend. In einer Region, in der externe Hilfe kaum erreichbar ist, bekommt medizinische Vorsorge ein anderes Gewicht.

Im Laufe des Nachmittags verändert sich die Stimmung an Deck. Das Wetter zeigt sich von einer unerwartet freundlichen Seite. Die Sonne scheint, der Schwell bleibt lang und gleichmäßig, und das Rollen des Schiffes nimmt spürbar ab. Ich gehe an Deck, lasse mir den Wind ins Gesicht wehen und beginne, mich an die Bewegung zu gewöhnen.

Am Achterdeck findet eine Seevogelbeobachtung statt. Ich erfahre, wie sich die verschiedenen Arten unterscheiden lassen, die unser Schiff begleiten. Heute zeigen sich nur wenige Vögel: einige Riesensturmvögel, kleinere Sturmvogelarten und gelegentlich die winzige Buntfußsturmschwalbe. Hin und wieder gleitet ein Albatros vorbei. Besonders eindrucksvoll ist der Wanderalbatros mit seiner enormen Flügelspannweite. Sein ruhiger, müheloser Flug wirkt vollkommen losgelöst von Wind und Wellen.

Am späten Nachmittag höre ich den ersten Fachvortrag der Reise. Thema ist der Antarktisvertrag. Es geht um historische Gebietsansprüche, politische Spannungen und darum, wie der Kontinent schließlich unter internationalen Schutz gestellt wurde. Der Vortrag ordnet die Antarktis als politischen Raum ein und macht deutlich, dass dieser scheinbar leere Kontinent alles andere als geschichtslos ist.

Am frühen Abend findet das Captains Welcome statt. Der Kapitän begrüßt die Gäste und stellt seine Offiziere vor. Es ist ein formeller Moment, der den Übergang von der Anreise in den Expeditionsalltag markiert.

Den Abschluss des Tages bildet eine musikalische Darbietung mit französischen Chansons. Die Musik läuft eher im Hintergrund. Ich höre eine Weile zu, ziehe mich dann zurück. Der Tag war lang, körperlich wie inhaltlich.

Dieser erste volle Tag in der Drake-Passage ist kein spektakulärer Seetag, aber ein entscheidender. Ich beginne, mich an das Schiff, an die Bewegung und an den Rhythmus dieser Reise zu gewöhnen. Die Antarktis ist noch nicht sichtbar, aber sie rückt spürbar näher.

Whalers Bay / Deception Island

Tag 5 – Donnerstag, 30. Januar 2025

Die Drake-Passage zeigt sich weiterhin von ihrer freundlichen Seite. Die See ist ruhig, ein dichter Nebel liegt über dem Wasser, und wir haben über Nacht gut Strecke gemacht. Bereits gegen Mittag erreichen wir die Süd-Shetland-Inseln und damit erstmals antarktisches Gebiet. Am Vormittag steht noch eine praktische Vorbereitung an: Gummistiefel und Parkas werden ausgegeben. Spätestens jetzt fühlt sich alles sehr konkret an. Die Antarktis ist keine abstrakte Idee mehr, sondern greifbar nah.

Gegen 10:00 Uhr höre ich einen Vortrag über die Vogelwelt der Antarktis. Es geht um Anpassungen an extreme Lebensbedingungen und um die Arten, denen wir in den kommenden Tagen begegnen könnten. Kurz darauf folgt das erste Precap der Reise – eine Vorschau auf die geplanten Anlandungen. Für den Nachmittag ist die erste Anlandung vorgesehen: Whalers Bay auf Deception Island. Für den nächsten Tag sind bereits weitere Ziele an der Antarktischen Halbinsel und auf dem antarktischen Kontinent angekündigt. Zusätzlich erklärt der Geologe den vulkanischen Ursprung von Deception Island und bereitet uns inhaltlich auf das vor, was wir sehen werden.

Als die Insel in Sicht kommt, fällt sofort der starke Kontrast ins Auge: schwarzes Lavagestein trifft auf eine helle Gletscherkappe. Deception Island ist eine eingestürzte Vulkankammer, eine sogenannte Caldera, von der heute nur noch ein hufeisenförmiger Ring übrig ist. An einer Stelle ist dieser Ring vollständig geöffnet, sodass Schiffe durch eine schmale Passage direkt in die Caldera hineinfahren können. Diese Einfahrt ist nautisch anspruchsvoll, da der Kanal eng ist, Untiefen aufweist und ein großer Unterwasserfelsen die Passage zusätzlich erschwert.

Im Inneren der Caldera liegt ein riesiger natürlicher Hafen, bekannt als Port Foster. Er bot früher Schutz für Walfänger, weshalb hier bereits 1906 eine Walfangstation entstand. Diese wurde 1927 durch einen Vulkanausbruch zerstört. Später folgte eine britische Forschungsstation, die ebenfalls aufgegeben werden musste, nachdem ein weiterer Ausbruch Teile der Anlage beschädigt hatte. Heute zerfallen die Überreste rasch, begünstigt durch die feuchten Sommer an der Westküste der Antarktischen Halbinsel.

Die Einfahrt in die Caldera ist eindrucksvoll. Die Felswände liegen so nah, dass sie beinahe greifbar wirken. Um 15:00 Uhr beginnt die Ausbootung. Ich gehe an Land in der Whalers Bay, direkt auf einem Strand aus schwarzer Vulkanasche. Überall liegen sogenannte Vulkanbomben und Lapilli, unterschiedlich geformte Lavabrocken, die beim Ausbruch aus dem Vulkan geschleudert wurden.

Schon beim Betreten des Strandes rieche ich Schwefel. Aus dem dunklen Sand steigen Dampfwolken auf, und der Boden fühlt sich warm an. Gräbt man nur wenige Zentimeter tief, wird es spürbar heiß. Zwischen rostigen Tran-Kochern, alten Treibstofftanks und den Ruinen der Stationsgebäude gehe ich langsam über das Gelände. Am Ende des Strandes steht ein großes Wellblechgebäude, ein ehemaliger Flugzeughangar. Dahinter führt ein kleiner Aufstieg auf den Ronald Hill, von dem sich ein weiter Blick über die gesamte Caldera eröffnet.

Einige gehen bis zum Neptun’s Window, einer Kerbe im Caldera-Rand, von der aus bei guter Sicht sogar der antarktische Kontinent zu erkennen ist. Am Strand liegen junge Seebärenbullen auf dem warmen Lavaboden. Sie wirken entspannt, messen gelegentlich spielerisch ihre Kräfte und reagieren kaum auf unsere Anwesenheit. Auch kleinere wirbellose Tiere sind zu sehen, darunter Salpen, Seeigel, Schlangensterne und Krill.

Im Laufe des Abends wird das Wetter ungemütlicher. Der Wind frischt auf, es beginnt zu regnen, und die Szenerie wirkt plötzlich rauer und düsterer. Umso größer ist die Vorfreude auf die Wärme an Bord. Um 19:00 Uhr heißt es „Last Zodiac“. Damit endet ein intensiver erster Anlandungstag.

Dieser Besuch auf Deception Island ist ein eindrucksvoller Auftakt der Expeditionsreise. Ich habe heute einen der wenigen aktiven Vulkane der Antarktis betreten – ein Ort, an dem Hitze, Eis, Geschichte und Zerfall unmittelbar nebeneinander existieren.

Danco Island, Neko Harbour / Antarktis

Tag 6 – Freitag, 31. Januar 2025

Der Morgen empfängt mich mit einem fast unwirklichen Bild. Windstille, Sonne und ein spiegelglatter Errera-Kanal, in dem sich die schroffen, vergletscherten Berge der Arctowski-Halbinsel klar spiegeln. Noch bevor der Tag richtig beginnt, liegen wir bereits vor Danco Island, unserem ersten Anlandungspunkt.

Um 8:30 Uhr starten die Ausbootungen. Danco Island ist klein, dominiert von einem kuppelförmigen Berg, und Heimat einer großen Kolonie von Eselspinguinen. Etwa 3000 Brutpaare leben hier. Besonders auffällig sind die festen Wege im Schnee, die sogenannten Pinguin-Highways. Auf ihnen pendeln die Tiere unermüdlich zwischen Strand und Brutkolonie. Es wirkt fast organisiert, wie sie sich aneinander vorbeischieben, rutschen und watscheln.

Die Brutsaison scheint gut zu verlaufen. Überall sehe ich kräftige, gut genährte Küken, vermutlich fünf bis sechs Wochen alt. Sie stehen dicht gedrängt bei den Nestern, wirken neugierig, aber noch unbeholfen. Ich bleibe auf Abstand und beobachte lange – allein das Zuschauen füllt die Zeit mühelos.

Nach der Rückkehr an Bord sind es nur rund 25 Seemeilen bis zum nächsten Ziel, Neko Harbour in der Andvord Bay. Auf der Fahrt dorthin erleben wir eines dieser seltenen Momente, die sich einprägen. Eine Gruppe Buckelwale taucht auf und beginnt direkt vor dem Schiff mit Bubble-Feeding. Immer wieder sehe ich, wie sie abtauchen, in Spiralen aufsteigen und dabei Luft ausstoßen. Der entstehende Blasenvorhang bündelt die Beute, bevor die Wale mit geöffneten Mäulern an die Oberfläche schießen. Dieses Manöver mehrfach hintereinander beobachten zu können, ist außergewöhnlich. Beim Abtauchen zeigen einige ihre Schwanzfluken, von denen bei einem Tier auffällig die seitlichen Spitzen fehlen – ein sichtbares Zeichen einer früheren Begegnung mit Schwertwalen.

Am frühen Nachmittag erreichen wir die Andvord Bay. Hier betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben den antarktischen Kontinent. Um 15:00 Uhr beginnt die Ausbootung in Neko Harbour. Allein dieser Gedanke macht den Moment besonders. Die Bucht wurde von der belgischen Gerlache-Expedition kartiert und nach dem Walfangschiff „Neko“ benannt, das hier Anfang des 20. Jahrhunderts mehrfach ankerte.

Vom Landungsplatz aus kann ich auf dem Grat eines Schneehangs zu einem kleinen Hügel aufsteigen. Oben eröffnet sich ein weiter Blick über die Bucht, eingerahmt von steilen Bergen und Gletschern. Auch hier gibt es eine Kolonie von Eselspinguinen. Ihre Steinnester liegen auf eisfreien Hügelkuppen. Sehr gut lässt sich der sogenannte Steinklau beobachten. Die Pinguine benötigen die Steine, damit Schmelzwasser aus den Nestern ablaufen kann. Da geeignetes Material knapp ist, wird es häufig einfach aus dem Nachbarnest entwendet. Wird ein Dieb erwischt, folgen sofort energische Schnabel- und Flipperhiebe.

Die Küken sind auch hier schon weit entwickelt, doch der zunehmende Regen und Schneeregen der letzten Jahre setzt ihnen sichtbar zu. Langanhaltende Nässe dringt irgendwann selbst durch das dichte Daunenkleid. In solchen Phasen können ganze Bruten erfrieren – ein bedrückender Gedanke in dieser scheinbar heilen Szenerie.

In einer kleinen Seitenbucht kalbt ein Gletscher. Immer wieder höre ich Knacken und Krachen aus dem Eis, verursacht durch Spannungen im Inneren. Hin und wieder bricht ein größeres Stück ab und stürzt ins Wasser. Die entstehenden Wellen erreichen den Strand und spülen gelegentlich ruhende Pinguine fort, die sich dann hastig neu sortieren.

Gegen 18:00 Uhr verlassen wir die Andvord Bay. Im Precap informiert der Expeditionsleiter über die Pläne für den nächsten Tag. Die Abendstimmung ist mystisch. Nebelschwaden hängen an den Berghängen, Konturen verschwimmen. Auf der Weiterfahrt durch die Gerlache-Straße begegnen wir einer Familie von Schwertwalen.

Aufgrund der stabilen Wetterbedingungen entscheidet der Kapitän, zusätzlich durch den Neumayer-Kanal zu fahren, eine enge Meeresstraße zwischen Anvers-, Wiencke- und Doumer-Insel. Während wir langsam durch diese Landschaft gleiten, wird mir bewusst, wie dicht dieser Tag war.

Zwei Anlandungen, meine erste Begegnung mit dem antarktischen Kontinent und intensive Tierbeobachtungen – es fühlt sich an, als hätte die Reise heute eine neue Stufe erreicht.

Paradise Bay – Lemaire-Kanal – Petermann Island

Tag 7 – Samstag, 1. Februar 2025

Der Tag beginnt früh. Der Himmel ist bedeckt, zwischendurch ziehen leichte Schneeschauer durch, doch es ist nahezu windstill – ideale Bedingungen für eine Zodiacfahrt. Bereits um 6:30 Uhr startet die Ausbootung in der Paradise Bay. Mit den Zodiacs fahre ich entlang der steilen Küste, vorbei an der argentinischen Forschungsstation Brown, die wir nicht betreten dürfen. Vom Wasser aus wirkt die Station still und fast verlassen, eingebettet in eine Landschaft, die alles dominiert.

Entlang der Felswände entdecke ich eine kleine Kolonie von Blauaugen-Kormoranen. Gleichzeitig fallen die geologischen Strukturen ins Auge: gefaltete und verschobene Gesteinsschichten, die offenlegen, welche Kräfte hier über Millionen Jahre gewirkt haben. Die dunklen Felswände sind stellenweise üppig mit Moos bewachsen – ein Hinweis darauf, dass wir uns hier tatsächlich im vergleichsweise milden „Bananengürtel“ der Antarktis befinden. An einzelnen Stellen leuchten grüne Adern von Kupfererz im Gestein.

In einer Seitenbucht der Paradise Bay kalbt immer wieder der Skontorp-Gletscher. Mit lautem Donnern brechen Eisstücke aus der bis zu 50 Meter hohen Wand und stürzen ins Meer. Einige der Abbrüche haben eindrucksvolle, torartige Höhlungen, die im Inneren intensiv blau schimmern. Nach etwa anderthalb Stunden kehre ich durchgefroren zum Schiff zurück. Die heiße Schokolade, die uns an der Marina im Heck serviert wird, fühlt sich wie eine kleine Belohnung an.

Anschließend setzen wir die Fahrt durch die Gerlache-Straße fort. Plötzlich taucht eine Gruppe Schwertwale auf. Es handelt sich um Tiere der sogenannten Familie B, die in dieser Region heimisch sind. Auffällig ist ihr dunkler Farbton, verursacht durch einen Kieselalgenbewuchs, der die sonst weißen Partien gelblich erscheinen lässt. Die Tiere ziehen ruhig vorbei, dicht am Schiff, und verschwinden ebenso lautlos, wie sie gekommen sind.

Weiter geht es durch die Bismarck-Straße in Richtung Lemaire-Kanal. Gegen 14:00 Uhr erreichen wir den Eingang dieser schmalen Wasserstraße. Zwei markante, steil aufragende Berge aus dunklem Gestein flankieren die Einfahrt am Kap Renard. Der Lemaire-Kanal gilt als eine der eindrucksvollsten Passagen der Antarktis, aber auch als Nadelöhr. Leider blockiert ein großer Eisberg die Durchfahrt. Trotz aller Erfahrung lässt sich das Schiff nicht sicher vorbeimanövrieren, und wir müssen umdrehen.

Am frühen Abend erreichen wir schließlich Petermann Island, malerisch gelegen am Ausgang des Lemaire-Kanals. Der charakteristische, fast 1000 Meter hohe Mount Scott ragt im Hintergrund auf. Gegen 18:00 Uhr beginnt die Ausbootung, und ich gehe erneut an Land.

Auf der Insel leben Adelie- und Eselspinguine nebeneinander. An einer senkrechten Felswand nisten Blauaugen-Kormorane. Die Küken der Eselspinguine sind deutlich größer als die der letzten Tage, aber noch längst nicht flügge. Im direkten Vergleich sehe ich, dass die Adelie-Küken bereits weiter entwickelt sind und teilweise schon ihr wasserdichtes Gefieder tragen. Einige stehen kurz davor, die Kolonie zu verlassen.

Besonders eindrucksvoll sind die Verfolgungsjagden: piepsende Küken stolpern über Steine und Schnee hinter ihren Eltern her und betteln lautstark um Futter. Der Blick hinüber zum antarktischen Kontinent wirkt mystisch. Nebel zieht durch die Szenerie, und langsam schält sich der eisbedeckte Gipfel des Mount Shackleton aus dem Grau heraus.

Die Zeit vergeht unbemerkt. Um 21:00 Uhr heißt es schließlich „Last Zodiac“. Widerwillig kehre ich zum Schiff zurück. Dieser Tag war lang und dicht gefüllt – mit Landschaft, Tierbeobachtungen und Momenten, die sich tief einprägen.

Prospect Point – Crystal Sound

Tag 8 – Sonntag, 2. Februar 2025

Der Himmel ist leicht bedeckt, die See liegt ruhig und fast spiegelglatt vor uns. In dem diffusen Licht kommen die Farben besonders gut zur Geltung. Das Blau der Eisberge wirkt intensiv und vielschichtig – deutlich kräftiger, als man es bei gleißendem Sonnenschein wahrnimmt.

Gegen 6:30 Uhr erreichen wir Prospect Point. Hier betrete ich erneut den antarktischen Kontinent. In den 1950er-Jahren befand sich an dieser Stelle eine Station des British Antarctic Survey. Sie wurde jedoch nicht als historisch schützenswert eingestuft und 2004 vollständig zurückgebaut. Heute erinnern nur noch einige Betonfundamente an die frühere Forschungsstation.

Ich gehe einen kleinen Rundweg am Gletscherhang entlang. Von dort bietet sich ein weiter Blick über die Bucht, in der zahlreiche Eisberge treiben. Die Landschaft wirkt offen und ruhig, fast unspektakulär im Vergleich zu anderen Orten – und gerade deshalb sehr eindrücklich.

Im Anschluss unternehme ich eine Zodiacfahrt durch die Bucht. Wir gleiten langsam an Eisformationen vorbei, die wie Skulpturen wirken. Eis in allen erdenklichen Blautönen, von milchig-hell bis tiefdunkel, fast violett. Nach der Rückkehr an Bord setzen wir unsere Fahrt weiter nach Süden fort.

Unterwegs kommen wir an einer Eisscholle vorbei, auf der 22 Krabbenfresserrobben ruhen. Sie liegen dicht beieinander, scheinbar vollkommen entspannt. Diese Robbenart ist zahlenmäßig der häufigste Großsäuger der Antarktis und vermutlich sogar der Erde. Ihr Bestand wird auf rund 37 Millionen Tiere geschätzt. Sie ernähren sich fast ausschließlich von Krill. Viele der Tiere tragen auffällige Narben, Spuren früherer Angriffe von Seeleoparden. Besonders jüngere Robben versammeln sich häufig in größeren Gruppen auf einzelnen Schollen.

Gegen Mittag informiert der Expeditionsleiter im Precap über die nächsten geplanten Etappen. Zunächst liegt jedoch eine längere Passage durch den Crystal Sound vor uns. Unser Ziel ist klar: der Südpolarkreis.

Um 15:30 Uhr ist es so weit. Bei leicht bedecktem Himmel und Sonnenschein überqueren wir den Südpolarkreis. Anlässlich dieses Moments erscheint Neptun mit seinem Gefolge auf dem Pooldeck. Der Kapitän stellt sich dem symbolischen Gericht und wird für würdig befunden, diese Breiten zu befahren. Auch ich erhalte die traditionelle Polartaufe – inklusive Matjes und Linie Aquavit. Das Ganze ist humorvoll inszeniert, wirkt aber dennoch wie ein markanter Einschnitt in der Reise.

Danach folgt das landschaftliche Highlight des Tages. Wir durchfahren einen regelrechten Eisberg-Friedhof in der Martha-Straße. Große Eisberge, Überreste ehemaliger Tafeleisberge aus den Eisschelfen der südlichen Bellingshausen-See und des Amundsen-Meeres, sind hier gestrandet. Wir passieren Eisgebilde, die an Kathedralen, Burgen, Tore und Märchenschlösser erinnern.

Alles liegt in einem weichen, fast unwirklichen Licht. Die Spitzen der Eisberge verschwinden zeitweise in feinen Nebelschleiern. Über zwei Stunden verbringe ich auf den Außendecks, dem Inspiration Walk und in der Observation Lounge. Niemand scheint es eilig zu haben. Man schaut, schweigt, fotografiert, schaut wieder.

Dieser Abschnitt der Reise ist weniger von Aktion geprägt, dafür umso mehr von Atmosphäre. Eis, Licht und Stille bestimmen den Tag – und ich merke, wie sehr mich genau das in diesem Moment erfüllt.

Horseshoe Island – Lainez Point / Pourquoi-Pas Island

Tag 9 – Montag, 3. Februar 2025

Der Tag beginnt mit einer besonderen Premiere. Am Vormittag ist eine Anlandung auf Horseshoe Island geplant – erstmals für die HANSEATIC inspiration. Schon aus der Ferne erkennt man die hufeisenartige Form der Insel, der sie ihren Namen verdankt. In dieser eindrucksvollen Landschaft liegt eine der schönsten historischen Forschungsstationen der Westantarktis: die britische Base Y des British Antarctic Survey.

Das Stationsgebäude liegt eingebettet zwischen hohen, eisbedeckten Bergen. Da die Fensterläden aus Sturmschutzgründen fest verschlossen sind, betrete ich die Station nur mit Hilfe einer Taschenlampe. Die Base wurde von 1955 bis 1960 genutzt, unter anderem während des Internationalen Geophysikalischen Jahres, und steht heute unter Denkmalschutz. Durch die dunklen Räume zu gehen, in Schränke und Regale zu schauen, in denen noch immer Lebensmittel lagern, fühlt sich an wie eine Zeitreise. Alles wirkt, als hätten die Menschen diesen Ort erst vor Kurzem verlassen – ein stilles, fast ehrfürchtiges Erlebnis.

In der Umgebung der Station fallen mir zahlreiche Felsbrocken auf, die eine intensiv grüne Färbung zeigen. Ursache sind Ausscheidungen von Kupfercarbonat, Malachit, die im dunklen Gestein besonders leuchten. Am Ende der hufeisenförmigen Bucht liegen auf einem Rest gefrorenen Meereises viele Krabbenfresserrobben. Dazwischen entdecke ich auch zwei Weddellrobben, die sich durch ihr geflecktes Fell deutlich von den einfarbigen Krabbenfressern unterscheiden.

Gegen 11:00 Uhr fährt das letzte Zodiac zurück zum Schiff. Wir nehmen Kurs auf den landschaftlich reizvollen Bourgeois-Fjord. Viele Orte in der Marguerite Bay tragen französische Namen, vergeben von der fünften französischen Expedition unter Jean-Baptiste Charcot. Auch unser nächstes Ziel, Pourquoi-Pas-Island, ist nach seinem Expeditionsschiff benannt.

Um 14:00 Uhr beginnt die Ausbootung am Lainez Point, einer Landzunge an der Nordseite der Dalgliesh Bay. Eine breite Gletscherzunge schiebt sich hier bis zum Meer vor. Ich gehe über die steinige Endmoräne am Strand entlang. Vor dem Gletschertor liegen mehrere große, teils kunstvoll geformte Eisblöcke, sogenannte Growler, die von der Flut an Land gespült wurden.

Zwei Seebären liegen entspannt in der Sonne, gähnen ausgiebig und wirken vollkommen unbeeindruckt von unserer Anwesenheit. Es sind junge Bullen, die im antarktischen Sommer aus der Subantarktis weit nach Süden wandern und inzwischen sogar die Küsten südlich des Polarkreises erreichen. Immer wieder tauchen kleine Gruppen von Adeliepinguinen am Strand auf. Vermutlich stammen sie aus der Kolonie am Bongrain Point auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht.

Ein Pinguin wühlt sich kopfüber in den Schnee der Gletscherzunge, ein anderer steht auf einem Eis-Growler und hackt mit seinem eispickelartigen Schnabel kleine Eisstücke heraus, um Frischwasser aufzunehmen. Diese kleinen, beiläufigen Szenen wirken fast intimer als die großen Landschaften.

Am Abend fahren wir an der pittoresken Jenny Island vorbei, einem erodierten Vulkanschlot. Am Ufer liegt eine kleine Kolonie Südlicher See-Elefanten. Durch das Fernglas erkenne ich, dass es sich überwiegend um junge Bullen handelt, die sich gerade im Fellwechsel befinden und in Gruppen am Strand ruhen.

Gegen 18:15 Uhr informiert der Expeditionsleiter über die für morgen geplante Anlandung auf Stonington Island. Ergänzend geben die Experten Einblicke in die Geschichte der dortigen Forschungsstationen, die Geologie von Horseshoe Island und das Bubble-Feeding der Buckelwale, das wir vor einigen Tagen beobachten konnten.

Nach dem Abendessen folgt ein weiteres Highlight. In weichem Abendlicht nähern wir uns der britischen Forschungsstation Rothera auf Adelaide Island. Der Kapitän bringt das Schiff bis auf etwa 250 Meter an die Pier heran. So kann ich mir einen guten Eindruck von der großen Station mit ihrer Landebahn verschaffen. Kurz darauf färbt sich der Himmel langsam, und ich erlebe einen intensiven, klaren Sonnenuntergang.

Dieser Tag verbindet Geschichte, Landschaft und Tierbeobachtungen auf eine besondere Weise. Die Begegnung mit der Base Y auf Horseshoe Island und die ruhigen Momente am Lainez Point gehören zu den eindrücklichsten Erlebnissen der bisherigen Reise.

Stonington Island / südliche Marguerite Bay

Tag 10 – Dienstag, 4. Februar 2025

Der Morgen beginnt mit strahlendem Sonnenschein und klarem Himmel. Bei etwa minus fünf Grad und ruhiger See herrschen ideale Bedingungen für eine Anlandung auf Stonington Island. Die kleine Insel liegt in der südlichen Marguerite Bay und bietet noch einmal die seltene Gelegenheit, gleich zwei historische Forschungsstationen zu besichtigen.

Direkt nebeneinander liegen hier die amerikanische East Base der United States Antarctic Service Expedition und die britische Base E des British Antarctic Survey. Beide Stationen stehen unter Denkmalschutz, befinden sich jedoch in einem deutlich schlechteren Zustand als die Base Y, die ich gestern auf Horseshoe Island besucht habe. Der Zahn der Zeit und die extremen Umweltbedingungen haben hier sichtbare Spuren hinterlassen.

Von der amerikanischen East Base ist nur noch das ehemalige Laborgebäude zugänglich. Im Inneren herrscht Unordnung. Flaschen, Werkzeuge und verschiedenste Gegenstände liegen scheinbar wahllos auf Regalen verteilt. Nichts wirkt inszeniert oder museal. In der Nähe der Station stehen die rostigen Überreste von zwei Kettenfahrzeugen, die einst als Transportmittel über Eis und Schnee dienten. Sie wirken verloren und gleichzeitig wie stumme Zeugen einer anderen Epoche.

Die britische Base E ist deutlich größer und zweigeschossig. Die meisten Räume sind leergeräumt, nur vereinzelt stehen noch Möbel oder Ausstattungsgegenstände. Auch hier bewege ich mich mit Taschenlampe durch die dunklen Räume, einige davon wurden für uns zusätzlich mit LED-Leuchten ausgeleuchtet. In einem Vorraum stehen zwei große Kocher, die früher zum Schneeschmelzen dienten – für Trinkwasser, aber auch zum Baden. Allein dieser Gedanke macht deutlich, wie entbehrungsreich das Leben hier gewesen sein muss.

Die Insel liegt in einer landschaftlich reizvollen Umgebung. Von einem kleinen Hügel nahe der britischen Station habe ich einen weiten Panoramablick über die Bucht, das umliegende Eis und den antarktischen Kontinent. In der Nähe entdecke ich auch das Nest eines Skua-Paares mit einem Küken. Hinter der amerikanischen Station kalbt ein Gletscher auf dem Festland. Immer wieder hallt donnerndes Krachen durch die Bucht, wenn Eisbrocken abbrechen und ins Meer stürzen.

Zwischen den beiden Stationen liegen die Fundamente eines abgebrannten Gebäudes. Daneben befinden sich die Gräber zweier britischer Stationsmitglieder, die während eines Schlitteneinsatzes auf dem Gletscher ums Leben kamen. Die Gräber sind notdürftig mit Zeltplanen, Steinen und Holzplanken abgedeckt. Dieser Ort wirkt still und schwer. Er macht sehr deutlich, wie gefährlich und hart das Leben auf den frühen Forschungsstationen gewesen ist.

Gegen 10:15 Uhr kehrt das letzte Zodiac zum Schiff zurück. Die HANSEATIC inspiration setzt ihre Fahrt durch die südliche Marguerite Bay fort. Kapitän Wolter steuert das Schiff in ein Feld aus Meereisschollen des vergangenen Winters, das ruhig und nahezu unbewegt auf dem Wasser liegt.

Am Nachmittag beginnt das Vortragsprogramm. Zunächst höre ich einen Einführungsvortrag über die Biologie der Pinguine. Es geht um ihre Evolution, ihre anatomischen Anpassungen an das Leben im Meer, ihre Brutbiologie und die verschiedenen Arten. Bisher habe ich auf dieser Reise alle drei Bürstenschwanzpinguin-Arten gesehen. Die Hoffnung, im weiteren Verlauf der Reise auch Kaiserpinguinen zu begegnen, wächst.

Um 17:00 Uhr folgt ein Vortrag über die Antarktis als Kontinent der Extreme. Die Dimensionen, Temperaturen und klimatischen Besonderheiten, von denen berichtet wird, ordnen viele der bisherigen Eindrücke noch einmal neu ein. Dass der Referent selbst viele Jahre am Südpol überwintert hat, verleiht seinen Ausführungen zusätzliches Gewicht.

Am frühen Abend findet auf dem Pooldeck der sogenannte Winterzauber statt. Bei Livemusik und guter Stimmung gibt es kleine Köstlichkeiten aus der Bordküche. Nach den intensiven Eindrücken des Tages wirkt diese entspannte Atmosphäre fast surreal.

Stonington Island hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Die Nähe zweier verlassener Forschungsstationen, die Spuren menschlicher Geschichte und das allgegenwärtige Eis machen diesen Ort zu einem der nachdenklichsten dieser Reise.

Auf See im Bellingshausen-Meer

Tag 11 – Mittwoch, 5. Februar 2025

In der Nacht hat das Schiff deutlich gearbeitet. Es rollt kräftig, doch am Morgen beruhigt sich die Situation spürbar. Draußen ist es trüb, immer wieder ziehen Schneeschauer durch, aber wir haben gut Strecke gemacht und befinden uns nun in der offenen Bellingshausen-Meer. Ein klassischer Seetag – und nach den intensiven Tagen zuvor fühlt er sich genau richtig an.

Ich nutze diesen Tag, um zur Ruhe zu kommen und die erste, sehr erlebnisreiche Woche der Expedition Revue passieren zu lassen. Die Eindrücke sind zahlreich, fast überwältigend, und ein Seetag bietet Raum, sie innerlich zu sortieren.

Der Vormittag beginnt mit einem Vortrag über antarktische Robben. Es geht um ihre Lebensweise und die erstaunlichen Anpassungen an diesen extremen Lebensraum. Rückblickend wird mir bewusst, wie viele Arten wir bereits gesehen haben: Krabbenfresserrobben, Weddellrobben, Seeleoparden und Antarktische Seebären. Südliche See-Elefanten habe ich bisher nur aus größerer Entfernung auf Jenny Island beobachten können. Mit etwas Glück könnten wir ihnen später, am Ausgang des Rossmeeres, noch näherkommen. Eigentlich fehlt dann nur noch die seltene Rossrobbe, die sich meist im unzugänglichen Packeis aufhält.

Gegen 11:00 Uhr meldet der Kapitän über Lautsprecher einen Buckelwal vor dem Schiff. Kurz darauf sehe ich, wie ein noch junges Tier mehrfach aus dem Wasser springt. Diese Sprünge sind bei großen Furchenwalen selten und werden regelmäßig nur beim Buckelwal und beim antarktischen Zwergwal beobachtet. Vermutlich dient dieses Verhalten dazu, Hautparasiten loszuwerden. Für einen Moment steht alles still, während wir dem Wal zusehen.

Im Anschluss höre ich einen Vortrag über die Geschichte der britischen Antarktisforschung. Thema ist die Operation Tabarin, die ursprünglich als geheime Mission begann und später zum British Antarctic Survey führte. Zwei der Stationen, die im Vortrag erwähnt werden, habe ich selbst erst vor Kurzem betreten: die Base Y auf Horseshoe Island und die Base E auf Stonington Island. Die Verbindung zwischen Geschichte und eigener Erfahrung macht diesen Vortrag besonders greifbar.

Im Laufe des Tages klart das Wetter zunehmend auf, und gelegentlich zeigt sich sogar die Sonne. Am Nachmittag gehe ich in die Ocean Academy. Dort präsentiert die Biologin den „Catch of the day“. Ein lebender Krillkrebs hat die Nacht im Kühlschrank überstanden und wird nun unter dem Binokular gezeigt. Ich sehe, wie er mit seinen Schwimmbeinen arbeitet und mit dem Reusenapparat aus borstigen Fangbeinen Kieselalgen von der Unterseite des Meereises abweidet. Selbst der grünliche Inhalt seines durchscheinenden Kaumagens ist erkennbar. Auch Kieselalgen selbst lassen sich unter dem Mikroskop betrachten, mit ihren filigranen, teils skurril geformten Silikatskeletten.

Am späten Nachmittag folgt der erste geologische Vortrag. Es geht um Plattentektonik, Erdbeben und Vulkanismus – und darum, dass ohne diese Prozesse Leben auf der Erde nicht möglich wäre. Vieles davon habe ich in den vergangenen Tagen bereits gesehen, etwa auf Deception Island oder an den steil gefalteten Küsten der Antarktischen Halbinsel.

Gegen Abend informiert der Expeditionsleiter über die für morgen geplante Anlandung auf Peter-I.-Insel. Die Bedingungen sollen günstig sein. Dass dort zuletzt 1987 eine Zodiac-Anlandung gelungen ist, macht deutlich, wie außergewöhnlich diese Chance wäre. Gleichzeitig erklärt der Kapitän die aktuelle Eislage im Rossmeer. Wahrscheinlich wird ein weiter Umweg nötig sein, um mehrjähriges Packeis zu umgehen.

Für einen Moment sorgt dann eine eher ungewöhnliche Meldung für Schmunzeln: Beim Ankern vor Stonington Island hat sich ein mindestens hundert Kilogramm schwerer Stein in der Ankerfluke verfangen und ist mit nach oben gekommen – ein ganz eigener „Catch of the day“.

Am Abend gibt es eine Talkrunde an Bord. Mitglieder der Schiffsleitung berichten über Logistik, Vorratshaltung und den Hotelbetrieb auf einer so langen Expeditionsreise. Es ist faszinierend zu hören, welcher Aufwand hinter dem scheinbar reibungslosen Alltag an Bord steckt.

Dieser Seetag ist ruhig, aber keineswegs leer. Er bildet eine wichtige Zäsur zwischen den intensiven Erlebnissen der Antarktischen Halbinsel und dem, was noch vor uns liegt. Die Reise ist längst nicht mehr nur Bewegung durch Raum – sie ist auch ein innerer Prozess.

Peter I.-Insel – auf See im Bellingshausen-Meer

Tag 12 – Donnerstag, 6. Februar 2025

Der Tag beginnt trüb, aber mit vergleichsweise wenig Wind. Die See ist ruhig, ohne weiße Schaumkronen, allerdings läuft ein langer, schwerer Schwell. Wir liegen weit draußen vor Peter-I.-Insel. Die Küste ist kaum vermessen, und es besteht die Gefahr, dass Felsnadeln bis knapp unter die Wasseroberfläche reichen. Unser möglicher Anlandungspunkt liegt am Kap Ingrid.

Peter I. Øy ist ein extrem abgelegener Ort. Die Insel ist ein Schichtvulkan, der vermutlich vor einigen hundert Jahren zuletzt aktiv war. Sie liegt rund 420 Kilometer vor der Küste von Ellsworthland in der Westantarktis und etwa 1850 Kilometer von Kap Hoorn entfernt. Diese Isolation macht sie zu einer der entlegensten und schwierigsten Inseln der Welt. Entdeckt wurde sie 1821 von Fabian Gottlieb von Bellingshausen und nach Zar Peter I. benannt. Erst 1929 gelang im Rahmen einer norwegischen Walfangexpedition die erste Landung. 1987 hielten sich Wissenschaftler des norwegischen Polarinstituts hier für einige Tage auf. Aufgrund der exponierten Lage, fehlenden Küstenschutzes und häufigem Packeis ist eine Anlandung extrem selten. Im Rahmen einer Expeditionskreuzfahrt ist sie bislang nur ein einziges Mal gelungen.

Um 6:00 Uhr machen sich die Scout-Boote auf den Weg, um die Lage vor Ort zu prüfen. Es gibt zwar einen schmalen Lavastrand, der grundsätzlich für eine Anlandung geeignet wäre, doch der Schwell läuft zu hoch auf den Strand. An eine sichere Landung ist nicht zu denken. Das Scout-Team kann sich gerade einmal für etwa 90 Sekunden an Land halten. Damit ist klar: Eine Anlandung für die Gäste ist heute nicht möglich.

Stattdessen unternehmen wir eine Zodiacfahrt entlang der Küste und rund um Kap Ingrid. Die schroffe Insel wirkt abweisend und archaisch. Am Kap Ingrid fällt ein großes Felsentor ins Auge, dessen Form stark an einen Elefantenkopf erinnert. Oberhalb dieses Tors nistet eine große Kolonie Südlicher Eissturmvögel. In der Nähe des schmalen Lavastrandes entdecke ich vereinzelt Zügelpinguine, die sich dicht an den Felsen aufhalten.

Auch ohne Anlandung ist dieser Ort beeindruckend. Allein die Tatsache, diese Insel überhaupt sehen zu können, ist keineswegs selbstverständlich. In manchen Jahren ist der Eisgürtel um Peter I. Øy so breit, dass selbst eine Sichtung unmöglich bleibt.

Gegen 10:00 Uhr setzen wir unsere Fahrt fort. Kurz darauf tauchen vor dem Schiff zwei Buckelwale auf. Einer von ihnen zeigt auffallend helle, fast weiße Körperpartien an den Flanken, ein Merkmal, das häufiger bei pazifischen Populationen dieser Art vorkommt. Die Tiere begleiten uns eine Weile, bevor sie wieder im grauen Wasser verschwinden.

Am Nachmittag höre ich einen Vortrag über den Walfang im Südatlantik. Es geht um die industrielle Jagd auf Großwale und deren nahezu vollständige Ausrottung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Besonders die Walfangstationen auf Südgeorgien stehen im Fokus. Die Schilderungen des Alltags auf diesen Stationen sind bedrückend. 1964 kam der großindustrielle Walfang schließlich zum Erliegen, nicht aus Einsicht, sondern weil sich die Jagd schlicht nicht mehr lohnte – zu wenige Wale waren übrig geblieben.

Am frühen Abend gibt es ein lockeres Get-together auf den Gängen aller Decks. Bei einem kleinen Umtrunk lerne ich einige meiner Kabinennachbarn besser kennen. Nach vielen Tagen an Bord ist das inzwischen vertraut, fast familiär.

Den Abschluss des Abends bildet das Winter Film Festival Antarctica. In unterhaltsamen und teils sehr humorvollen Videoclips zeigen Überwinterungsmannschaften aus verschiedenen antarktischen Forschungsstationen ihren Alltag am Ende der Welt. Nach der Strenge der Landschaft und den geschichtlichen Rückblicken des Tages ist das ein leichter, fast befreiender Ausklang.

Auch wenn ich heute keinen Fuß auf Peter I. Øy setzen konnte, bleibt dieser Tag besonders. Die Nähe zu einem der entlegensten Orte der Erde, die raue Küste, der Schwell und das Wissen um die Seltenheit dieses Moments machen ihn zu einem festen Bestandteil meiner persönlichen Reiseerinnerung.

Zwischen Bellingshausen-Meer und Amundsen-Meer

Tag 13 – Freitag, 7. Februar 2025

Der Morgen beginnt sonnig und leicht bewölkt. Eine lange Dünung läuft unter dem Schiff hindurch, aber wir kommen gut voran und haben spürbar Strecke gemacht. Allmählich lassen wir das Bellingshausen-Meer hinter uns und erreichen den nächsten Abschnitt des Südpolarmeeres, das Amundsen-Meer. Dieser Übergang fühlt sich weniger wie eine geografische Linie an, sondern eher wie ein leises Weiterdrehen der Reise, hinaus in noch entlegenere Regionen.

Mir wird heute wieder bewusst, wie gewaltig das Südpolarmeer tatsächlich ist. Der Ozean umschließt den antarktischen Kontinent vollständig und besteht aus mehreren Randmeeren, die man im Alltag kaum auseinanderhält. Jetzt, unterwegs auf dieser Route, bekommen diese Namen plötzlich Bedeutung. Vor uns liegt später das Rossmeer, und allein die Entfernungen machen klar, dass wir uns in einer anderen Größenordnung bewegen als auf jeder gewöhnlichen Seereise.

Am Vormittag höre ich einen Vortrag über Bürstenschwanzpinguine. Ich habe Esel- und Adeliepinguine inzwischen mehrfach aus nächster Nähe erlebt, aber heute lerne ich, sie systematisch einzuordnen. Der lange, steife Schwanz, den sie beim Klettern fast wie ein drittes Bein einsetzen, erklärt plötzlich viele Beobachtungen der letzten Tage. Besonders hängen bleibt bei mir der Hinweis auf eine der größten Adeliepinguin-Kolonien der Antarktis am Cape Adare. Mit etwas Glück werden wir diese Region später erreichen – ein Gedanke, der die Vorfreude weiter schürt.

Kurz darauf folgt ein Vortrag über das Leben am Südpol. Die Schilderungen vom Alltag auf der Amundsen-Scott-Station wirken nüchtern und gleichzeitig beeindruckend. Der antarktische Sommer ist kurz, die Arbeitstage sind lang, und vieles muss in einem engen Zeitfenster erledigt werden. Mir wird klar, wie privilegiert unsere Rolle als Reisende ist, die diese Welt erleben dürfen, ohne den existenziellen Druck des Überlebensalltags zu tragen.

Währenddessen setzen wir unsere Fahrt in Richtung Ross-Meer fort. Der direkte Weg ist jedoch versperrt. Ein mächtiger Ring aus mehrjährigem Packeis zwingt uns, den Kontinent in weitem Abstand zu umrunden. Diese Umwege gehören hier einfach dazu. Sie sind kein Planungsfehler, sondern Teil der Realität dieser Reise.

Am Nachmittag verbringe ich Zeit in der Ocean Academy bei einem Geologie-Workshop. Steine, Mineralien und Strukturen, die sonst abstrakt bleiben, bekommen plötzlich einen Zusammenhang mit den Landschaften, die wir sehen. Später folgt ein Vortrag über Wale. Vieles habe ich bereits draußen erlebt: Buckelwale beim Springen, Bubble-Feeding aus nächster Nähe, kurze, pfeilschnelle Begegnungen mit Zwergwalen. Die biologischen Hintergründe ordnen diese Eindrücke ein, ohne ihnen die Faszination zu nehmen.

Am frühen Abend wird noch einmal auf den gestrigen Tag zurückgeblickt. Die nur wenige Sekunden dauernde Landung des Scout-Teams auf Peter I. Øy zeigt eindrucksvoll, wie schmal der Grat zwischen Möglichkeit und Abbruch hier ist. Auch die Geologie der Insel wird noch einmal erklärt, und ich sehe die Lavaschichten vom Kap Ingrid gedanklich wieder vor mir. Dass dieser Ort wegen seiner Form scherzhaft einen Spitznamen bekommen hat, wirkt fast surreal angesichts seiner Abgeschiedenheit.

Der Abend klingt deutlich leichter aus. Das Künstlerduo an Bord präsentiert bekannte Filmmusik, und für einen Moment fühlt sich das Schiff an wie eine kleine, schwebende Welt für sich. Draußen zieht der endlose Ozean vorbei, drinnen Musik und Gespräche. Ein klassischer Seetag – und doch einer, der sich tief in diese Reise einfügt, weil er Raum zum Verarbeiten, Einordnen und Vorausdenken lässt.

Im Amundsen-Meer – Albatrosse und Seeberge

Tag 14 – Samstag, 8. Februar 2025

Der Morgen ist trüb und windig. Über die Wasseroberfläche laufen kleine Schaumkronen, und zum ersten Mal seit einiger Zeit tauchen wieder häufiger kleine Meereisfelder auf. Draußen wirkt alles rauer und ursprünglicher als an den Tagen zuvor, ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir uns nun tief im Amundsen-Meer bewegen.

Immer wieder zeigt sich ein einzelner Meeresvogel am Schiff. Besonders beeindruckend ist der Rauchgraue Albatros, ein eleganter Segelflieger mit scheinbar mühelosem Flug. Er brütet auf Südgeorgien und kommt bis hierher zur Nahrungssuche. Meist sind es junge Tiere, deren Gefieder noch leicht gescheckt ist und denen der markante weiße Augenring noch fehlt. Diese Begegnungen wirken unscheinbar, bleiben mir aber lange im Gedächtnis, weil sie zeigen, wie weit vernetzt selbst diese abgelegenen Regionen sind.

Am Vormittag höre ich einen Vortrag über Seeberge. Mir war vorher nicht bewusst, welche Bedeutung diese unterseeischen Berge haben. In der scheinbaren Leere der Ozeane ragen sie aus der Tiefe auf und bilden eigenständige Lebensräume mit eigener Fauna und sogar spezieller Bakterienflora. Dass weltweit bereits zehntausende dieser Strukturen kartiert sind, relativiert das Gefühl von Unbekanntem, ohne ihm den Reiz zu nehmen. Gerade hier, mitten im Südpolarmeer, passt dieses Thema perfekt.

Alternativ verbringe ich Zeit in der Ocean Academy. Die Biologen haben wieder ihre Mikroskope aufgebaut, und ich schaue mir Kieselalgen und geologische Proben an. Besonders faszinierend ist der rosa gefärbte Granatsand. Auch der kürzlich gefangene Krill aus dem Planktonnetz liegt nun unter dem Binokular. Selbst ohne Leben zeigt er eindrucksvoll, wie perfekt seine Fangbeine gebaut sind, um Kieselalgen von der Unterseite des Meereises abzuweiden. Diese Details machen verständlich, warum Krill die Grundlage so vieler antarktischer Nahrungsketten ist.

Am Nachmittag wird es gesellig. Auf dem Pooldeck bereitet der Executive Chef Kaiserschmarrn zu, ein unerwartet vertrauter Genuss in dieser Umgebung. Kurz darauf folgt ein weiterer Vortrag über das Leben auf der Südpolstation, diesmal mit dem Fokus auf die Überwinterungsmannschaften. Die Bilder vom Sternenhimmel und der Aurora australis aus der monatelangen Polarnacht sind beeindruckend, aber noch eindrücklicher sind die Schilderungen medizinischer Notfälle bei Temperaturen von minus 80 Grad. Allein die Logistik, um in solchen Situationen Hilfe zu organisieren, dauert Wochen.

Am frühen Abend höre ich eine Lesung über das kulturelle Leben der Kaiserpinguine, humorvoll und musikalisch begleitet. Nach den vielen sachlichen Vorträgen der letzten Tage wirkt diese Mischung aus Leichtigkeit und Poesie überraschend stimmig.

Den Abschluss bildet der zweite Teil des Winter Film Festivals. Die Videoclips der Überwinterungsmannschaften zeigen, wie viel Kreativität und Humor nötig sind, um Monate der Isolation zu überstehen. Während draußen das Amundsen-Meer vorbeizieht, endet der Tag mit einem Lächeln – ruhig, unspektakulär und gerade deshalb sehr passend für diesen Abschnitt der Reise.

Zeitzonen, Biosecurity und historische Navigation

Tag 15 – Sonntag, 9. Februar 2025

Der Himmel ist bedeckt, das Meer ruhig. Es ist wieder ein klassischer Seetag, einer von denen, an denen nichts Spektakuläres passiert – und gerade deshalb Raum entsteht, um durchzuatmen. Seit einigen Tagen stellen wir jede Nacht die Uhr um eine Stunde zurück. Wir durchqueren wieder eine Zeitzone nach der anderen, und dieses stetige „Zurückdrehen der Zeit“ passt gut zu dem Gefühl, immer weiter aus der vertrauten Welt herauszufahren.

Wir lassen die Westantarktis nun endgültig hinter uns und nähern uns der Region des Rossmeer. Damit beginnt erneut ein fester Bestandteil jeder Expeditionsreise: der Biosecurity-Check. Ich gehe meine Ausrüstung gründlich durch – Parka, Hosenaufschläge, Klettverschlüsse, Kamerataschen, Stative, Gehstöcke und Stiefel. Alles wird kontrolliert, gebürstet, abgesaugt. Der Gedanke dahinter ist klar und sinnvoll: Keine Samen, keine Keime, nichts aus dem vergleichsweise artenreichen „Bananengürtel“ der Antarktischen Halbinsel darf in das viel empfindlichere Ökosystem der Ostantarktis gelangen. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Tierseuchen wird einem noch bewusster, wie ernst diese Regeln genommen werden müssen. Es ist bereits der zweite Biosecurity-Check dieser Reise – und es wird nicht der letzte bleiben.

Am späten Vormittag höre ich einen Vortrag über Navigation vor hundert Jahren. Robert Schwarz schildert, wie Roald Amundsen und Robert Falcon Scott den Südpol suchten – mit einfachsten Mitteln, verglichen mit heutiger Technik. Uhren, Kompasse, Sextanten, Theodoliten, Tabellen und viel Erfahrung. Besonders beeindruckt mich, mit welcher Präzision Amundsen schließlich arbeitete. Die Vorstellung, in dieser lebensfeindlichen Umgebung allein anhand von Sonne und Sternen die eigene Position zu bestimmen, wirkt heute fast unglaublich.

Der Nachmittag verläuft ruhig. In der Ocean Academy nehme ich an einem Geologie-Workshop teil, später gibt es eine Foto-Sprechstunde. In gemütlicher Runde werden Aufnahmen analysiert: Tiere, Eisformen, Landschaften. Oft reicht ein kleiner Hinweis, um plötzlich zu verstehen, was man eigentlich fotografiert hat. Diese Mischung aus Lernen und Entschleunigung passt gut zu einem Seetag.

Am späten Nachmittag folgt ein weiterer historischer Vortrag. Stefanie Zettl berichtet über eine der außergewöhnlichsten Expeditionen der Antarktisgeschichte: die Reise von Otto Nordenskjöld. Zwei Jahre im Eis, getrennte Gruppen, ein gesunkenes Schiff, improvisierte Hütten aus Steinen, Planen sowie Robben- und Pinguinhäuten – und am Ende eine Rettung, die nur durch Zufall möglich wurde. Diese Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie schmal der Grat zwischen Entdeckung und Katastrophe in der Antarktis immer war.

Am frühen Abend höre ich ein Konzert in der Observation Lounge. Opernarien von Händel bis Puccini erfüllen den Raum. Draußen hebt sich langsam der Nebel, und das Schiff gleitet an Eisbergen vorbei, die im flachen Abendlicht fast unwirklich wirken. Es ist inzwischen deutlich kälter geworden, der Wind verstärkt das Gefühl von Kälte noch einmal spürbar.

Dann ein besonderer Moment: Zum ersten Mal auf dieser Reise sehe ich den hohen, geraden Blas von Finnwalen. Kurz darauf auch den charakteristisch V-förmig geteilten Blas Südlicher Glattwale. Keine lange Beobachtung, eher flüchtige Begegnungen – aber genau solche Augenblicke machen diese Seetage so besonders.

Den Abschluss bildet eine Fashion Show an Bord. Die Crew präsentiert die Kollektionen der Boutique, locker, humorvoll und mit sichtbarem Spaß. Nach all den historischen Berichten, wissenschaftlichen Vorträgen und stillen Momenten draußen auf See ist das ein überraschend leichter Ausklang dieses ruhigen Tages im Amundsen-Meer.

Kopffüßer, Kaiserpinguine und Meeresökologie

Tag 16 – Montag, 10. Februar 2025

Der Morgen beginnt stark bewölkt, doch das Meer liegt ruhig unter einer langen, gleichmäßigen Dünung. Über Nacht haben wir erneut gut Strecke gemacht. Unser Kurs führt nun nach Südwesten, um ein ausgedehntes Meereisfeld zu umfahren. Es ist einer dieser Tage, an denen draußen wenig passiert, die Reise sich aber dennoch spürbar weiterentwickelt.

Am Vormittag höre ich einen Vortrag von Dr. Björn Berning mit dem ebenso ungewöhnlichen wie treffenden Titel „Intelligenzbestien ohne Rückgrat“. Es geht um die Evolution der Kopffüßler – Tiere, die ohne Wirbelsäule auskommen und dennoch über hochentwickelte Sinnes- und Nervensysteme verfügen. Besonders faszinierend finde ich die Bandbreite der Augenentwicklung: von einfachen lichtempfindlichen Strukturen bei Muscheln bis hin zu den komplexen Linsenaugen moderner Tintenfische. Auch Themen wie Giftigkeit, Mimikry und Farbwechsel kommen zur Sprache. Das Beispiel des Mimikry-Oktopus, der Form und Bewegung völlig unterschiedlicher Tiere nachahmen kann, bleibt mir besonders im Gedächtnis. Am Ende spannt der Vortrag den Bogen bis zu den Riesenkalmaren der Tiefsee und ihrem koordinierten Jagdverhalten – ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie viel Intelligenz sich auch jenseits klassischer Wirbeltiere entwickelt hat.

Direkt im Anschluss folgt ein Vortrag von Dr. Rolf Schiel über das harte Leben der Kaiserpinguine. Mir wird noch einmal bewusst, wie extrem deren Lebenszyklus ist: Brut mitten im antarktischen Winter, bei Dunkelheit, Sturm und Temperaturen, die weit unter minus 70 Grad fallen können. Gleichzeitig klingt der Vortrag nachdenklich, denn die Zukunft dieser Art ist alles andere als gesichert. Der Rückgang der winterlichen Meereisbedeckung macht den Kaiserpinguinen zunehmend zu schaffen. Solange wir uns in der Amundsen- und Rossmeerregion aufhalten, besteht allerdings eine realistische Chance, ihnen zu begegnen – vielleicht auf einer Eisscholle oder an einem abgelegenen Strand, da die Mauser der Altvögel inzwischen abgeschlossen sein dürfte.

Der Nachmittag verläuft ruhig und abwechslungsreich. In der Ocean Academy sehe ich eine kurze, praktische Einführung in Seemannsknoten – erstaunlich, wie wenige Handgriffe genügen, um stabile und zugleich elegante Verbindungen zu schaffen. Später gibt es erneut ein Geologie-Angebot für Interessierte, bevor Carina Gsottbauer mit einer Einführung in die Meeresökologie den Blick noch einmal weitet. Plankton, Kieselalgen, Salpen und Flügelschnecken – vieles, was man mit bloßem Auge kaum wahrnimmt, bildet die Grundlage für das gesamte marine Leben. Gerade hier, im Südpolarmeer, wird deutlich, wie sensibel und zugleich leistungsfähig dieses System ist.

Am frühen Abend öffnet das Hanse-Atrium für den Hapag-Lloyd Cruises Club Cocktail. Eine entspannte Atmosphäre, Gespräche, leises Stimmengewirr – ein sozialer Kontrast zu den eher stillen Stunden auf See.

Den Tagesabschluss bildet ein Abend am Kaminfeuer mit dem Künstler-Duo „Mr. & Mrs. Marvel“. Chansons und Songs von Jean Ferrat, Jacques Brel, Leonard Cohen und anderen begleiten den Abend. Musik, die vom Meer, vom Unterwegssein und von Sehnsucht erzählt – und damit erstaunlich gut zu diesem ruhigen Tag im Amundsen-Meer passt.

Tafeleisberge und Polargeschichte – Ankunft im Rossmeer

Tag 17 – Dienstag, 11. Februar 2025

Der Tag beginnt grau und kalt. Dichter Wolkenhimmel, ein schneidend eisiger Wind und immer wieder kurze Schneeschauer begleiten uns. Wir fahren nun regelmäßig an großen Tafeleisbergen vorbei. Einer von ihnen misst fast drei Kilometer in der Länge und ragt etwa dreißig Meter über die Meeresoberfläche hinaus. Spätestens hier wird deutlich, dass wir die Westantarktis hinter uns lassen. Mit dem heutigen Tag erreichen wir das Ross-Meer – das eigentliche Zielgebiet dieser Antarktis-Halbumrundung.

Immer wieder ziehen kleine Schwärme von Antarktis-Sturmvögeln am Schiff vorbei, dazwischen die auffallend eleganten, reinweißen Schneesturmvögel. Kurz tauchen zwei Schwertwale direkt neben dem Schiff auf, bleiben jedoch nur Sekunden und verschwinden ebenso schnell wieder in der grauen See. Es sind flüchtige Begegnungen, wie sie hier draußen typisch sind.

Am Vormittag beginnt das Vortragsprogramm mit Stefanie Zettl und dem ersten Teil ihres Vortrags über Sir Ernest Shackleton. Ich höre aufmerksam zu, während sie seinen Werdegang nachzeichnet – vom 16-jährigen Schiffsjungen auf Handelsschiffen bis zu einem der prägenden Polarforscher des frühen 20. Jahrhunderts. Seine Teilnahme an Scotts Discovery-Expedition, die spätere Nimrod-Expedition mit dem Versuch, den Südpol zu erreichen, und schließlich die legendäre Endurance-Expedition machen deutlich, warum Shackleton bis heute als Ausnahmeerscheinung gilt. Noch steht seine berühmteste Geschichte im Raum, aber der erste Teil legt bereits das Fundament für das, was folgen wird.

Im Anschluss widmet sich Dr. Rolf Schiel einem Thema, das uns auf dieser Reise immer wieder begegnet, dessen Bedeutung man aber leicht unterschätzt: dem antarktischen Krill. In seinem Vortrag wird klar, dass dieser nur wenige Zentimeter große Krebs das zentrale Bindeglied der marinen Nahrungskette ist. Vom Krill hängt letztlich alles ab – von den Pinguinen über Robben bis hin zum Blauwal. Besonders eindrücklich ist der Zusammenhang zwischen winterlichem Meereis und dem Überleben des Krills. Der Rückgang der Eisflächen wirkt sich unmittelbar auf seine Bestände aus und hat Folgen für das gesamte Ökosystem der Antarktis. Die Größenverhältnisse sind dabei fast absurd: winzige Algen, Krill, riesige Wale – eine Nahrungskette mit weltweit einzigartigen Dimensionen.

Am Nachmittag gibt es in der Ocean Academy eine offene Fragerunde zum Fahrtgebiet. Es ist angenehm, Fragen stellen zu können, die sich im Laufe der Reise angesammelt haben, und Antworten direkt von den Experten zu bekommen.

Später berichtet Matthew Gajazgo, unser neuseeländischer Begleiter für das Rossmeer-Gebiet, über seine Arbeit für den New Zealand Heritage Trust. Er erzählt von den historischen Expeditionshütten im Rossmeer, von ihrer Bedeutung und von den aufwendigen Restaurierungsarbeiten, die über Jahrzehnte hinweg durchgeführt wurden, um diese einzigartigen Zeugnisse der Polargeschichte zu erhalten. Stefanie Zettl übersetzt den Vortrag für uns. Mir wird dabei bewusst, wie fragil diese Orte sind und wie viel Aufwand nötig ist, um sie für kommende Generationen zu bewahren.

Am späten Abend klingt der Tag in lockerer Atmosphäre aus. Die Offiziere der HANSEATIC inspiration stehen hinter der Bar und mixen Cocktails. Draußen liegt das Ross-Meer still und kalt, drinnen ist es warm, gesellig und fast unwirklich gemütlich – ein starker Kontrast zu der Landschaft, durch die wir uns hier bewegen.

Auf See im Ross-Meer

Tag 18 – Mittwoch, 12. Februar 2025

Der Morgen begrüßt uns mit leicht bewölktem Himmel und einer ungewöhnlich ruhigen See. Das Wasser liegt fast glatt vor dem Schiff, nahezu eisfrei – eine Szenerie, die im Ross-Meer alles andere als selbstverständlich ist. Heute begleiten uns auffallend viele Seevögel. Immer wieder gleiten Rauchgraue Albatrosse dicht am Schiff vorbei, dazu Schneesturmvögel, Antarktis-Sturmvögel und Kap-Sturmvögel. Letztere werden von unserem Guest Relation Manager Stefan Vetter treffend als „Stracciatella-Vögel“ bezeichnet – weiß gesprenkelt auf dunklem Grund. Es macht große Freude, ihnen zuzusehen, wie sie scheinbar mühelos und mit hoher Geschwindigkeit gegen den Wind kreuzen.

Zwischendurch tauchen kleine Schwärme von Taubensturmvögeln auf. Ihr blaugraues Gefieder mit der dunklen M-förmigen Zeichnung auf der Oberseite tarnt sie perfekt gegen die Wasseroberfläche. Erst wenn man genauer hinschaut, erkennt man sie überhaupt.

Am Vormittag beginnt das Vortragsprogramm mit Robert Schwarz und seinem Beitrag über die Facetten von Eis und Schnee. Er erklärt die Struktur des Wassermoleküls, die Kristall- und Gitterstruktur von Schnee und Eis und warum Eis für unser Auge diese intensive blaue Farbe annimmt. Besonders interessant ist der Unterschied zwischen Gletschereis und Meereis – zwei Materialien, die äußerlich ähnlich wirken, sich in ihrer Entstehung und Struktur aber grundlegend unterscheiden. Viele Eindrücke der letzten Tage bekommen durch diesen Vortrag eine wissenschaftliche Einordnung.

Um 11:37 erleben wir einen dieser Momente, die man nicht planen kann und die trotzdem in Erinnerung bleiben: die Überschreitung der Datumsgrenze. Wir wechseln von der westlichen in die östliche Hemisphäre – und damit entfällt der morgige Kalendertag vollständig. Ein ganzer Tag verschwindet einfach. Dieses kuriose Ereignis wird mit einem kleinen Ross-Meer-Aperitif auf dem Pooldeck begangen. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen man sich der eigenen Position auf diesem Planeten sehr bewusst wird.

Am Nachmittag spricht Carina Gsottbauer über das Leben im Meer unter dem antarktischen Eis. Sie beschreibt die erstaunlichen Anpassungen der Organismen an diesen extremen Lebensraum, etwa durch Frostschutzproteine. Besonders faszinierend ist der sogenannte Riesenwuchs vieler wirbelloser Tiere sowie das enorme Alter mancher Arten. Dass einige Schwämme in diesen kalten Gewässern über 15.000 Jahre alt werden können, wirkt fast surreal und relativiert das menschliche Zeitgefühl noch einmal ganz erheblich.

Im „Wissen vor Sieben“ gibt Expeditionsleiter Torsten Prietz schließlich einen Ausblick auf die kommenden Tage. Morgen früh wollen wir Franklin Island erreichen – unser erstes konkretes Ziel in der Ross-Meer-Region. Anschließend ist geplant, weiter in Richtung Ross-Eisschelf zu fahren, um einen Blick auf diese gewaltige, rund 600 Kilometer lange Eisbarriere zu werfen. Mit diesem Ausblick endet ein ruhiger, fast meditativer Seetag, an dem sich das Ross-Meer von seiner überraschend sanften Seite gezeigt hat.

Franklin Island, Cape Bird und das Ross-Eisschelf

Tag 19 – Freitag, 14. Februar 2025
(Donnerstag, 13. Februar 2025 entfiel durch das Überschreiten der Datumsgrenze)

Der Tag beginnt sonnig, aber sehr windig. Kleine Schaumkronen stehen auf den Wellen, als wir gegen 7:00 Uhr Franklin Island erreichen. Die Insel liegt ausgesprochen exponiert im Ross-Meer und erinnert mich in ihren Bedingungen sofort an Peter I.-Island. Das Scout-Boot mit Expeditionsleiter und Staff-Kapitän prüft die Situation an der Küste. Schnell wird klar, dass die Brandung am vorgesehenen Landeplatz zu hoch ist. Auch am Side-Gate des Schiffes läuft der Schwell so stark, dass an eine sichere Ausbootung nicht zu denken ist. Eine Anlandung ist unter diesen Bedingungen ausgeschlossen. Auf der Brücke wird daher umgehend an einem Plan B gearbeitet.

Wir lassen Franklin Island hinter uns und nehmen Kurs weiter nach Süden, zur Ross-Insel. Dort soll ein neuer Anlandungsversuch am Cape Bird unternommen werden. Während der Fahrt zeigt Robert Schwarz am Vormittag im Hanse-Atrium den dritten Teil des Winter Film Festival Antarctica und verkürzt damit die Wartezeit bis zum nächsten Höhepunkt dieses Tages.

Gegen 13:00 Uhr erreichen wir Cape Bird. Der Himmel ist nun leicht bedeckt, die See ruhig – ideale Voraussetzungen für eine Anlandung. Am Cape Bird befindet sich eine der größten Adeliepinguin-Kolonien der Region mit über 100.000 Brutpaaren. Die eigentliche Brutzeit ist jedoch bereits abgeschlossen. Zu sehen sind nur noch einige Kindergärten fast flügger Küken sowie zahlreiche Südpolarskuas.

Die Kolonieflächen heben sich farblich deutlich von der Umgebung ab. Der ockergelbe Ton bildet einen starken Kontrast zum schwarzen Lava- und Ascheboden. Diese Färbung ist das Ergebnis jahrhundertelanger Guanoablagerungen. Am Ende der Brutsaison finden sich hier viele Überreste von Küken, die den Raubmöwen zum Opfer gefallen sind, ebenso wie Kadaver aus früheren Jahren, die sich in diesem Klima nur extrem langsam zersetzen. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine aktuelle Krankheit oder eine außergewöhnliche Katastrophe in der Kolonie.

Die fast flüggen Küken tragen teils bizarre Federkleider, die an Barockperücken oder Punkfrisuren erinnern. Sie werden nur noch sporadisch von den Altvögeln gefüttert. Taucht ein erwachsener Pinguin aus dem Meer auf, wird er sofort von bettelnden Küken umringt. Die wenigen verbliebenen Kindergärten wirken insgesamt gut genährt, und der Großteil dieser Küken wird in den nächsten Tagen den Weg ins Meer antreten.

Neben diesen Eindrücken gibt es auch schwer erträgliche Szenen. Die Raubmöwen finden reichlich Nahrung, und ein schwer verletztes Küken ist dem Zugriff nur vorübergehend entkommen. Solche Momente machen deutlich, wie unerbittlich der Alltag in einer Pinguinkolonie ist.

Ein Aufstieg auf einen Hang oberhalb der Kolonie lohnt sich. Unterwegs komme ich an einer kleinen neuseeländischen Forschungshütte vorbei. Von oben bietet sich ein weiter Blick über das Gebiet und auf das Meer.

Um 18:30 Uhr heißt es zwar „Last Zodiac“, doch der Tag ist noch lange nicht vorbei. Kapitän Wolter kündigt an, nach dem Abendessen am Cape Crozier vorbeizufahren und anschließend Kurs auf das Ross-Eisschelf zu nehmen. Dort befindet sich im Winter eine Kaiserpinguin-Kolonie, auch wenn wir sie zu dieser Jahreszeit nicht sehen werden.

Gegen 21:00 Uhr erreichen wir die Schelfeiskante im Abendlicht. Der Anblick ist überwältigend. Am Cape Crozier geht das Festeis der Ross-Insel in das Ross-Eisschelf über. Hier ist die Eiskante nur etwa zehn Meter hoch, weiter östlich erreicht sie Höhen von 30 bis 50 Metern. Gerade wegen dieser geringeren Höhe können wir weit über die vollkommen ebene Fläche des Eisschelfs blicken. Immer wieder brechen hier große Stücke ab und treiben als mächtige Tafeleisberge langsam nach Norden.

Im goldenen Licht steigt Seerauch von der Wasseroberfläche vor der Eiskante auf. Das Meer ist wärmer als die Luft, und es bilden sich dichte, mystische Nebelschleier. Gleichzeitig wirbelt katabatischer Wind Schnee über die Oberfläche des Schelfeises. Schneeteufel tanzen über die weiße Ebene.

Es ist einer dieser Abende, an denen man kaum Worte findet. Die Dimensionen, das Licht und die Stille des Ross-Eisschelfs gehören zu den eindrucksvollsten Momenten dieser gesamten Reise.

Cape Evans und Cape Royds – zwei Hütten, zwei Schicksale

Tag 20 – Samstag, 15. Februar 2025

Gegen 6:00 Uhr erreichen wir Cape Evans. Die Wolkendecke reißt zunehmend auf und gibt nach und nach den Blick auf den Gipfel des Mount Erebus frei, der majestätisch über der Ross-Insel thront. Schon dieser erste Anblick macht klar, dass uns heute ein besonderer Tag erwartet.

Am Cape Evans steht die Expeditionshütte von Robert Falcon Scotts Terra-Nova-Expedition. Sie wurde im Januar 1911 errichtet und diente Scott als Ausgangsbasis für seinen verhängnisvollen Marsch zum Südpol. Später nutzte auch die Rossmeer-Mannschaft von Shackletons Endurance-Expedition diese Hütte als Stützpunkt.

Matthew Gajazgo, unser neuseeländischer Begleiter und Vertreter des New Zealand Department of Conservation, hat die Schlüsselgewalt über alle historischen Hütten auf Ross Island und im Victorialand. Er öffnet für uns die Tür und achtet akribisch darauf, dass wir die Hütte nur mit gründlich gereinigten Stiefeln betreten. Vor allem darf kein Schnee hineingetragen werden, damit dieses kulturhistorisch bedeutende Denkmal in der extrem trockenen antarktischen Luft erhalten bleibt.

Der Moment, in dem ich die Hütte betrete, ist überraschend emotional. Im Halbdunkel gelange ich zunächst in den Küchen- und Mannschaftsbereich. Ein leicht rauchiger Geruch liegt noch in der Luft, und alles wirkt, als hätten die Männer die Hütte erst vor kurzer Zeit verlassen. Die Enge ist sofort spürbar. Jeder Quadratzentimeter wurde genutzt, nichts ist zufällig angeordnet. Entsprechend dürfen immer nur wenige Personen gleichzeitig hinein, und wir warten draußen geduldig, bis wieder jemand herauskommt.

Im vorderen Bereich der Hütte befanden sich Küche und Unterkünfte der Mannschaft. Provisorisch gestapelte Kisten trennten diesen Bereich von den Offizieren. In deren Abteil stehen mehrere Etagenbetten, auf denen noch immer die berühmten Fellschlafsäcke liegen – Felle nach innen, Haut nach außen. In der Mitte der Hütte befindet sich die Messe mit einem großen Tisch, an dem gemeinsam gegessen und diskutiert wurde. Hier wurde auch Scotts Geburtstag gefeiert. Ich stelle mir unweigerlich vor, wie hier gesprochen, gelacht und vielleicht auch gestritten wurde.

Die Hütte ist in mehrere kleine Kammern gegliedert. Es gibt ein Chemielabor, Pontings Dunkelkammer und Scotts persönlichen Bereich. Auf seinem kleinen Besprechungstisch liegt noch der ausgestopfte Balg eines Kaiserpinguins. Auch Wilsons Sanitätsbereich ist erhalten. In den ehemaligen Stallungen liegen die Überreste eines Schlittenhundes, noch mit Halsband. In einer Ecke ist ein großer Stapel Weddellrobben-Blubber gelagert, der vermutlich als Brennstoff diente.

Inzwischen ist der Himmel fast wolkenlos, und der rauchende Mount Erebus liegt frei vor uns – ein eindrucksvoller Anblick. Oberhalb der Hütte steige ich auf einen kleinen Hügel. Dort steht ein Gedenkkreuz für drei Mitglieder der Rossmeer-Mannschaft von Shackletons Aurora-Expedition. Von hier oben reicht der Blick weit über die Landschaft bis hin zum Vulkan. Zwischen Hügel und Hütte liegt das Skelett eines weiteren angeketteten Schlittenhundes, der damals wegen des überstürzten Abzugs der Expedition getötet werden musste.

Scott führte zwei Antarktisexpeditionen durch: die Discovery-Expedition und später die Terra-Nova-Expedition. Während der Terra-Nova-Zeit wurde im antarktischen Winter die Kaiserpinguinkolonie am Cape Crozier besucht, um Erkenntnisse über die Fortpflanzung dieser Tiere zu gewinnen. Damals war das Wissen darüber erstaunlich gering. Die Expeditionsteilnehmer brachten unter extremen Bedingungen Eier nach England, die vom British Museum of Natural History später als wertlos eingestuft wurden. Apsley Cherry-Garrard schildert diese Reise eindrücklich in seinem Buch The Worst Journey in the World.

Der anschließende Marsch zum Südpol ist eine Kette tragischer Fehlentscheidungen. Scott verzichtete auf Hundeschlitten, setzte stattdessen auf Motorschlitten und Ponys. Die Motorschlitten versagten, die Ponys mussten geschlachtet werden, und die Männer zogen ihre Schlitten schließlich selbst. Scott erweiterte die Polmannschaft kurzfristig, ohne die Ausrüstung anzupassen. Brennstoff ging verloren, Depots lagen ungünstig. Am Ende starben Scott, Wilson und Bowers nur wenige Kilometer vor dem rettenden Depot in ihrem Zelt. Evans war bereits zuvor gestorben, Oates wählte den Freitod, um seine Kameraden zu entlasten. Die Bergungsmannschaft ließ das Zelt stehen und errichtete ein hohes Schneegrab darüber.

Durchgefroren, aber tief beeindruckt kehren wir mittags an Bord zurück. Die Pause ist kurz, denn das Wetter ist außergewöhnlich gut. Kapitän und Expeditionsleiter entscheiden, die für morgen geplante Anlandung am Cape Royds auf den heutigen Nachmittag vorzuziehen. Ein zusätzlicher Grund: Heute ist der 151. Geburtstag von Sir Ernest Shackleton.

Gegen 15:00 Uhr beginnt die Ausbootung in der Backdoor Bay, einer kleinen Nachbarbucht von Cape Royds. Von dort wandern wir über eine flache, vulkanische Landschaft zum Kap hinüber. Der Blick auf den Mount Erebus begleitet uns dabei ständig.

Am Cape Royds steht die historische Hütte von Shackletons Nimrod-Expedition. Sie wurde in England vorgefertigt und hier aufgebaut. Mit ihren etwa sieben mal achteinhalb Metern ist sie erstaunlich klein. Von hier aus startete Shackleton 1907 seinen Versuch, den Südpol zu erreichen. Er brach etwa 175 Kilometer vor dem Ziel ab, um das Leben seiner Männer nicht zu gefährden – eine Entscheidung, die seinen Führungsstil eindrucksvoll zeigt.

Die Hütte diente außerdem als Basis für die Erstbesteigung des Mount Erebus und für die Expedition zum Magnetischen Südpol, der 1909 erreicht wurde. Wieder achten wir streng auf saubere Stiefel. Im Inneren wirkt alles, als sei es erst kürzlich verlassen worden. Wäsche hängt noch an einer Leine, auf den einfachen Bettgestellen liegen Rentierfell-Schlafsäcke. Shackleton hatte einen eigenen kleinen Bereich, der ursprünglich als Dunkelkammer gedacht war. Im Hauptraum hängen Porträts von König Edward VII. und Königin Alexandra.

Am Cape Royds befindet sich außerdem die südlichste bekannte Adeliepinguin-Kolonie. Lange galt sie als die südlichste Pinguinkolonie überhaupt, bis mithilfe von Satellitenaufnahmen weiter südlich eine Kaiserpinguin-Kolonie entdeckt wurde. Die Brutzeit der Adeliepinguine hier ist bereits vorbei. Die Jungtiere haben größtenteils das Meer erreicht, und die Alttiere kehren zur Mauser zurück.

Um 19:00 Uhr verlassen wir Cape Royds. Zwei der bedeutendsten historischen Expeditionshütten der Antarktis an einem einzigen Tag besucht zu haben, fühlt sich wie ein Privileg an. Dieser Tag ist ohne Zweifel eines der großen Highlights dieser Reise.

Scott Base und Hut Point – Moderne Forschung und frühe Polargeschichte

Tag 21 – Sonntag, 16. Februar 2025

Ein sonniger, aber extrem kalter Morgen erwartet uns. Bei rund −10 °C fahren wir in den McMurdo-Sund hinein und nehmen Kurs auf unser nächstes Ziel: die neuseeländische Scott Base. Trotz des klaren Wetters ist die Kälte bei dem kräftigen Wind sofort spürbar.

Am Horizont erkenne ich bereits das Flugfeld der amerikanischen McMurdo Station. Mehrere Flugzeuge stehen dort in Parkposition – ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir uns hier in einem der logistischen Zentren der Antarktis befinden.

Die Gebäude der Scott Base selbst dürfen wir leider nicht betreten. Stattdessen unternehmen wir einen Rundgang um das Stationsgelände. Dabei besuchen wir eine weitere historische Stätte: die Hütte der Transantarctic Expedition von Sir Edmund Hillary und Sir Vivian Fuchs aus den Jahren 1955 bis 1959. Erstaunlich, wie groß der Unterschied zu den Hütten von Scott und Shackleton ist – und das, obwohl sie zeitlich weniger als 50 Jahre auseinanderliegen. Die Hillary-Fuchs-Hütte wirkt vergleichsweise modern, funktional und deutlich komfortabler. Sie ist besser ausgestattet als so manche heutige Forschungsstation an der Antarktischen Halbinsel.

Während unseres Aufenthalts nimmt der Wind stark zu. Schließlich muss die Landungsstelle verlegt werden. An der gegenüberliegenden Schelfeiskante werden tatsächlich zwei Kaiserpinguine gesichtet. Sie sind allerdings weit entfernt, lassen sich nur kurz blicken und verschwinden rasch wieder im Wasser. Trotzdem: Das sind unsere ersten Kaiserpinguine auf dieser Reise – ein besonderer Moment.

Die Rückfahrt zu Schiff gestaltet sich anspruchsvoll. Vor allem die letzten Zodiacs haben mit Wind und Seegang zu kämpfen. Einige Mitreisende kommen durchnässt, vereist und ordentlich durchgeschüttelt wieder an Bord.

Gegen 14:00 erreichen wir im McMurdo-Sund den südlichsten Punkt unserer gesamten Reise: 77° 51,5′ S. Allein diese Zahl macht deutlich, wie weit wir inzwischen vorgedrungen sind.

Nach einer kurzen Mittagspause entscheiden Kapitän und Expeditionsleiter, am Nachmittag noch am Hut Point anzulanden. Dort befindet sich eine weitere historische Stätte: die Discovery-Hütte, die Robert Falcon Scott bereits 1902 errichten ließ. Es ist die erste der vier großen historischen Hütten im Rossmeer-Gebiet, die wir auf dieser Reise besuchen.

Die Discovery-Hütte erwies sich damals als schlecht beheizbar und wurde daher weniger als Wohnhütte genutzt, sondern vor allem als Lagerraum und Versammlungsort. Die Expeditionsmitglieder nannten sie ironisch das „Royal Theatre“. Im Vergleich zur Terra-Nova-Hütte oder zur Nimrod-Hütte ist sie spärlich eingerichtet. Überall stehen Kisten, in den Regalen liegen rostige Konservendosen, und in einem Nebenraum hängen noch die mumifizierten Überreste zweier geschlachteter Schafe. Die Atmosphäre ist rau, nüchtern und wenig wohnlich.

In der Nähe der Hütte steht auf einem kleinen Hügel ein Gedenkkreuz für den Matrosen George T. Vince. Er kam am 11. März 1902 ums Leben, als ihn ein Sturm von einem Eiskliff ins Meer riss. Auch dieser Ort erinnert eindrücklich daran, wie gefährlich das Leben und Arbeiten hier war.

Ordentlich durchgefroren kehre ich am Abend an Bord zurück. Doch der Tag hält noch einen letzten Höhepunkt bereit. Während wir langsam durch den McMurdo-Sund fahren, taucht im goldenen Abendlicht eine Familie von Rossmeer-Schwertwalen auf. Sie schwimmen längsseits der HANSEATIC inspiration – im Hintergrund der Mount Erebus. Ein Bild, das sich einprägt.

Der Mount Erebus ist mit 3.794 Metern der höchste Berg der Region und der einzige aktive Vulkan der Ostantarktis. Es handelt sich um einen sogenannten Stratovulkan mit einem permanenten Lavasee tief im Krater. Dieser Lavasee hat einen Durchmesser von etwa 65 Metern und erreicht Temperaturen um 980 °C. Der Vulkan zeigt täglich mehrere kleinere Eruptionen.

Durch das Fernglas erkenne ich sogar die meterhohen Eiskamine, die sich über den Fumarolen unterhalb des Kraterrandes gebildet haben. Schließlich endet dieser außergewöhnliche Tag mit einer beeindruckenden Abendstimmung im McMurdo-Sund – ruhig, klar und von einer fast unwirklichen Schönheit.

Im Meereis vor Victorialand – Begegnung mit Kaiserpinguinen

Tag 22 – Montag, 17. Februar 2025

Ein sonniger, wolkenfreier Morgen. Hinter uns liegt Ross Island in voller Pracht, und über dem Mount Erebus steigt ein kleines Rauchwölkchen auf – ein stiller Hinweis auf den einzigen aktiven Vulkan der Ostantarktis. Der Plan für heute ist klar: Wir fahren ins Meereis, um nach Kaiserpinguinen zu suchen. Nach den drei sehr intensiven Expeditionstagen zuvor fühlt sich dieser Tag bewusst ruhiger an. Zeit zum Durchatmen, zum Sichten und Sortieren der umfangreichen Fotoausbeute, für Sport an Bord oder für Gespräche mit den Experten in der Ocean Academy.

Gegen 8:00 erreichen wir ein großes Feld aus aufgebrochenem, einjährigem Meereis. Zwischen den einzelnen Schollen bildet sich bereits wieder frisches Eis. Zunächst liegt es als dünner, fast ölig wirkender Film auf der Wasseroberfläche – sogenanntes Nilas-Eis. Mit der Zeit entstehen daraus runde Eisscheiben, die aneinanderreiben, sich tellerförmig abrunden und einen aufgeworfenen Rand bekommen: Pfannkucheneis.

Dieses Pfannkucheneis wächst weiter zusammen, schließt sich allmählich zu einer durchgehenden Eisfläche und nimmt zunehmend an Dicke zu. Mit zusätzlichem Schneeauftrag entsteht schließlich eine dichte, weiße Meereisdecke – ein faszinierender Prozess, den wir aus nächster Nähe beobachten können.

Und dann ist es so weit: Audienz bei den Majestäten der Antarktis. Zwei Kaiserpinguine stehen auf einer Eisscholle. Kapitän Wolter manövriert die HANSEATIC inspiration äußerst vorsichtig näher heran, sodass wir die beiden Tiere aus kurzer Distanz beobachten können. Sie zeigen keinerlei Scheu. Es handelt sich um frisch gemauserte Altvögel, die nun noch einmal für etwa sechs Wochen ihre Energiereserven auffüllen, bevor für sie die nächste Brutsaison beginnt.

Wir entdecken noch drei weitere Kaiserpinguine, an die wir uns ebenfalls langsam heranschleichen können. Zusätzlich sehen wir Weddell-Robben und Krabbenfresser-Robben, die entspannt auf den Eisschollen in der Sonne liegen. Auch vereinzelte Adelie-Pinguine tauchen auf – einmal treibt sogar eine kleine „Pinguinfähre“ mit zwei Adeliepinguinen direkt an unserem Schiff vorbei.

Plötzlich ragen dunkle Köpfe aus dem Treibeis: Schwertwale. Sie strecken ihre Köpfe weit aus dem Wasser, offenbar um ihre Umgebung zu sondieren und nach möglicher Beute Ausschau zu halten. Dieses Verhalten nennt man „Spy-Hopping“. Ein eindrucksvoller Moment, der zeigt, wie lebendig dieses scheinbar so lebensfeindliche Umfeld ist.

Es ist ein wunderbarer Vormittag im Meereis vor der Scott Coast – ruhig, intensiv und unvergesslich.

Zur Mittagszeit passieren wir mehrere prächtige Tafeleisberge. Inzwischen hat der Wind wieder deutlich aufgefrischt. Auf den kurzen Wellen bilden sich Schaumkronen, Gischtfahnen ziehen über die Wasseroberfläche.

Am Nachmittag folgt ein Vortrag von Dr. Björn Berning mit dem Titel „Fossilien in Aktion“. Der passionierte Paläontologe zeigt, wie Wissenschaftler aus einzelnen Knochen oder Zähnen auf Körperform, Lebensweise und sogar auf das Verhalten ausgestorbener Tiere schließen können. Er berichtet von berühmten Fossilienlagerstätten wie Holzmaden bei Stuttgart oder der Grube Messel bei Darmstadt, wo hervorragend erhaltene Fossilien gefunden wurden. Auch der Archaeopteryx aus den Solnhofener Platten kommt zur Sprache – ein gefiederter, flugfähiger Saurier, der eine Schlüsselrolle in der Evolutionsforschung spielt.

Besonders eindrucksvoll ist das Beispiel des Oviraptors. Lange hielt man ihn für einen Eiräuber, weil seine Skelette häufig zusammen mit Eiern gefunden wurden. Erst spätere Funde zeigten, dass er tatsächlich ein Nestbauer war und aktiv Brutpflege betrieb. Selbst aus in Bernstein eingeschlossenen Insekten lassen sich Rückschlüsse auf Verhalten ziehen – etwa Paarung oder Eiablage, eingefroren in einem Moment der Erdgeschichte.

Um 18:15 gibt es wieder „Wissen vor Sieben“, in dem der Expeditionsleiter die Ziele für den kommenden Tag vorstellt. Am Abend folgt um 21:15 Kino im Hanse-Atrium: Frank Hurleys Stummfilm South, eine eindrucksvolle Dokumentation über Sir Ernest Shackletons legendäre Antarktis-Expedition von 1914 bis 1917.

Ein ruhiger, intensiver Tag im Eis – mit Begegnungen, die man nie vergisst.

Franklin Island und Drygalski-Eiszunge

Tag 23 – Dienstag, 18. Februar 2025

Gegen 7:00 erreichen wir Franklin Island – und heute haben wir wirklich außergewöhnliches Glück. Sonnenschein, Windstille und ein nahezu spiegelglattes Meer: Bedingungen, wie man sie vor dieser exponierten Insel nur äußerst selten erlebt. Schon bei der Annäherung ist klar, dass dieser Morgen etwas Besonderes werden wird.

Franklin Island wurde von Sir James Clark Ross entdeckt und nach Sir John Franklin benannt, der damals Gouverneur von Van-Diemens-Land, dem heutigen Tasmanien, war. Franklin erlangte später traurige Berühmtheit, als er mit beiden Schiffen, der HMS Erebus und der HMS Terror, bei der Suche nach der Nordwestpassage in der kanadischen Arktis ums Leben kam.

Auf Franklin Island befindet sich eine große Brutkolonie von rund 60.000 Adelie-Pinguin-Paaren. Am Strand ruhen zahlreiche Weddell-Robben, träge ausgestreckt auf dem dunklen Untergrund. An der winterlichen Festeiskante an der Südküste der Insel befindet sich außerdem eine Kolonie von Kaiserpinguinen, deren Brutsaison inzwischen vollständig abgeschlossen ist. Die Frage steht im Raum: Werden wir vielleicht doch noch einem Kaiserpinguin an Land begegnen?

Wir haben Glück. Direkt an der Landungsstelle, an einem Schneehang zwischen mausernden Adeliepinguinen, steht ein einzelner Kaiserpinguin. Auch er beginnt gerade mit der Mauser. Fast regungslos verharrt er dort, den Kopf in typischer Schlafhaltung auf die Schulter gelegt. Nur gelegentlich richtet er sich minimal auf, um sein Gefieder zu ordnen. Ein stiller, eindrucksvoller Moment.

Auch bei den Adelie-Pinguinen ist die Brutsaison beendet. Es sind nur noch wenige flügge Nachzügler zu sehen, ansonsten dominieren mausernde Alttiere das Bild. In einigen Wochen wird der Kolonieplatz vollständig verlassen sein. Am Strand liegen weiterhin zahlreiche Weddell-Robben, scheinbar völlig unbeeindruckt von unserer Anwesenheit.

Unsere Landungsstelle liegt unterhalb eines Eiskliffs. In den ausgehöhlten Brandungskehlen hängen beeindruckende Vorhänge aus Eiszapfen, die im Sonnenlicht glitzern und dem Ort eine fast märchenhafte Atmosphäre verleihen.

Am frühen Mittag nehmen wir Kurs in südöstlicher Richtung auf die Drygalski-Eiszunge. Diese Gletscherzunge ist etwa 24 Kilometer breit und ragt rund 70 Kilometer weit ins Meer hinaus. Auf dem Weg dorthin durchfahren wir erneut ein großes Meereisfeld und entdecken auch hier mehrere Kaiserpinguine, die auf einzelnen Eisschollen stehen oder sitzen.

Gegen 17:00 erreichen wir schließlich die Drygalski-Eiszunge. Wie ein massives Eisschelf schiebt sich die Gletscherzunge mit einer Höhe von etwa 30 Metern über dem Meeresspiegel in die See. Durch die ständige Brandung werden an der Kante immer neue Hohlräume ausgewaschen, aus denen sich eindrucksvolle Tore und Bögen aus blau schimmerndem Eis formen.

Um 18:15 findet wieder das „Wissen vor Sieben“ statt. Expeditionsleiter und Experten blicken gemeinsam auf die Erlebnisse des gestrigen und heutigen Tages zurück und geben eine Vorschau auf das morgige Ziel Coulman Island.

Den Abschluss dieses außergewöhnlich gelungenen Tages bildet ein Digestif, kredenzt von den Köchen der HANSEATIC inspiration – der sogenannte „Köche-Dinner-Digestif“. Ein ruhiger Ausklang nach einem Tag, der mit perfekten Bedingungen, eindrucksvollen Tierbegegnungen und großartigen Eislandschaften in Erinnerung bleiben wird.

Coulman Island / Victorialand

Tag 24 – Mittwoch, 19. Februar 2025

Der Morgen beginnt trüb. Der Himmel ist geschlossen, und nur der untere Teil von Coulman Island ist durch den Nebel erkennbar. Trotz Hochsommer zeigt das Thermometer etwa minus zehn Grad. Wir nähern uns der Insel durch aufgebrochenes Meereis. Coulman Island ist ein alter Schildvulkan, rund 2000 Meter hoch, vollständig von einem mächtigen Eispanzer überzogen.

Das Treibeis wird rasch dichter, zu dicht, um mit dem Schiff weiter vorzudringen. Deshalb ändere ich gemeinsam mit Kapitän und Expeditionsteam den Kurs. Zunächst folgen wir der Südseite der Insel, anschließend der Ostseite, immer entlang der Treibeisgrenze nach Norden.

Der heutige Tag steht ganz im Zeichen der Kaiserpinguine. Am Nordende von Coulman Island befindet sich eine große Kaiserpinguin-Kolonie, und die Chancen stehen gut, hier erneut Tiere im Treibeis zu entdecken. Immer wieder tauchen einzelne Kaiserpinguine auf, scheinbar verloren in der endlosen Weite des Packeises, allein auf kleinen Schollen stehend.

Zwischendurch passieren wir beeindruckende Eisberge. Einer erinnert mit seinen Torbögen und filigranen Formen an einen Palast aus Eis. Bei einigen Eisbergen ist die Schichtung besonders gut zu erkennen: tiefblaues Gletschereis, darüber aufgelagerter weißer Schnee und Firn.

Wir halten uns weiter am Rand des Treibeises und fahren langsam nordöstlich. Im offenen Wasser lässt sich sehr gut beobachten, wie neues Meereis entsteht. Ein dünner, fast ölig wirkender Eisfilm legt sich auf die Wasseroberfläche und glättet sie – das sogenannte Nilas-Eis. Daneben wirken die noch eisfreien Flächen deutlich unruhiger.

Um 11:30 höre ich den zweiten Teil des Vortrags von Stefanie Zettl über Sir Ernest Shackleton. Sie schildert eindrucksvoll die Endurance-Expedition und den dramatischen Verlauf nach dem Einschluss des Schiffes im Packeis. Besonders bewegend ist die Schilderung der monatelangen Lager auf den Treibeisschollen, der Fahrt nach Elephant Island und schließlich der legendären Reise Shackletons mit der James Caird nach Südgeorgien. Die Rettung aller Männer nach 128 Tagen auf Elephant Island bleibt eine der größten Leistungen der Polargeschichte. Das berühmte Zitat von Apsley Cherry-Garrard fasst Shackletons Vermächtnis treffend zusammen.

Gegen 12:30 gibt es einen Pølser-Lunch auf dem Pooldeck, begleitet von Musik. Danach setzen wir unsere Fahrt nordwärts fort, weiterhin entlang der Treibeisgrenze. Der Himmel bleibt grau, gelegentlich ziehen kurze Schneeschauer durch.

Die HANSEATIC inspiration schlängelt sich vorsichtig durch das Eis. Im Laufe des Nachmittags sehe ich viele Kaiserpinguine, insgesamt sicher mehrere Dutzend. Manche stehen einzeln auf Schollen, andere zu zweit oder zu dritt. Dazwischen tauchen immer wieder Adeliepinguine auf, ebenso Weddell-Robben und Krabbenfresser-Robben, die reglos auf dem Eis ruhen.

An einigen Meereisschollen fallen intensiv gelb-braune Verfärbungen auf. Sie stammen von Kieselalgen, die sich an der Eisunterseite ansiedeln und die wichtigste Nahrungsgrundlage für den Krill bilden.

Um 18:15 informiert der Expeditionsleiter über die Pläne für den nächsten Tag. Geplant sind die Possession Islands und Cape Adare mit der historischen Borchgrevink-Hütte. Wenn alles klappt, werde ich dort erstmals auf dieser Reise das ostantarktische Festland betreten.

Possession Islands – Cape Adare / Victorialand

Tag 25 – Donnerstag, 20. Februar 2025

Unser letzter Tag am antarktischen Kontinent. Gegen 7:00 Uhr erreichen wir die kleine Inselgruppe der Possession Islands. Am frühen Morgen ist der Himmel noch stark bewölkt, doch immer wieder brechen einzelne Lichtstrahlen durch die Wolkendecke und geben dem Szenario etwas Feierliches. Vor uns liegt ein kleines Archipel, bestehend aus zwei größeren Inseln – Possession Island und Foyn Island – sowie mehreren steilen Felstürmen, die wie dunkle Nadeln aus dem Meer ragen.

Am Side Gate steht hoher Schwell, und vor der Küste von Possession Island brandet die See kräftig. Der Strand ist zudem von zahlreichen Growlern übersät. Unter diesen Bedingungen ist an eine sichere Anlandung nicht zu denken. Stattdessen unternehmen wir eine ausgedehnte Zodiac-Fahrt entlang der steilen Küste. Die hohen Basaltklippen wirken massiv und abweisend. Besonders eindrucksvoll ist das spektakuläre Doppeltor am Kristensen Rock. Mehrere Felstürme ragen hier aus dem Wasser, Überreste alter Vulkanschlote. Einer von ihnen, der Dixon Rock, erinnert mit seiner Form tatsächlich an einen Elefanten.

Vor dem Strand von Possession Island patrouilliert ein Seeleopard. Er lauert auf die wenigen Adeliepinguine, die noch zwischen Kolonie und Meer unterwegs sind. Gleichzeitig scheint er großes Interesse an unseren Zodiacs zu haben und kommt neugierig näher. Schon vom Boot aus nehmen wir den Kolonieplatz wahr – unverkennbar begleitet vom intensiven Geruch der Pinguinkolonie. Auch einige Weddellrobben strecken neugierig ihre Köpfe aus dem Wasser.

Ein besonders schönes Bild bietet sich, als auf einem intensiv blau leuchtenden Eisberg drei Adeliepinguine ruhen – wie bewusst in Szene gesetzt.

Gegen 11:00 Uhr sind wir wieder vollständig an Bord und setzen Kurs auf Cape Adare. Etwa 60 Seemeilen liegen vor uns. Während der Fahrt reißt die Wolkendecke zunehmend auf. Zum ersten Mal sehe ich den mächtigen Eispanzer und die bis über 4000 Meter hohen Berge des ostantarktischen Kontinents in ihrer ganzen Monumentalität. Wir umrunden einen großen, gekippten Tafeleisberg mit eindrucksvollen Brandungskehlen und Höhlen, in die die Wellen des Rossmeeres mit meterhohen Gischtfontänen einschlagen.

Gegen 16:00 Uhr erreichen wir Cape Adare. Die Wetter- und Seebedingungen sind gut genug für eine Anlandung, auch wenn ordentlicher Schwell steht und der Strand erneut von Growlern bedeckt ist. Direkt an der Landungsstelle tauchen zwei äußerst neugierige Seeleoparden auf. Sie patrouillieren vor dem Strand, beobachten die Zodiacs aufmerksam und scheinen ebenso an uns interessiert zu sein wie an potenzieller Beute. Der große, vom Rumpf deutlich abgesetzte Kopf und das weit aufreißbare Maul verleihen ihnen ein fast urzeitliches, saurierhaftes Aussehen. Ich erfahre, dass sich Seeleoparden in jungen Jahren überwiegend von Krill ernähren und erst später auf Pinguine und Jungrobben als Hauptnahrung umsteigen.

Cape Adare ist ein geschichtsträchtiger Ort. Hier errichtete der Norweger Carsten Borchgrevink, der am 24. Januar 1895 als erster Mensch überhaupt den antarktischen Kontinent betreten hatte, seine Expeditionshütte. In ihr fand 1899 die erste Überwinterung auf dem antarktischen Festland statt.

Vom Landungsstrand bis zur Hütte gehe ich etwa 15 Minuten. Unser neuseeländischer „Hüttenwirt“ Matthew Gajazgo hat einige Mühe, das eingefrorene Schloss zu öffnen. Die Hütte ist noch nicht vollständig restauriert; viele Ausrüstungsgegenstände wurden vor Jahren zur Restaurierung nach Neuseeland gebracht. Trotzdem vermittelt der Innenraum einen Eindruck von der Enge und den primitiven Bedingungen dieser ersten Überwinterung.

Cape Adare ist zugleich Heimat der größten Adeliepinguin-Kolonie der Antarktis. Über 250.000 Brutpaare leben hier. Auf dem Höhepunkt der Brutzeit bedeutet das rund eine Million Tiere. Der flache Kiesstrand ist von einer dicken, ockerfarbenen Guanoschicht überzogen. Überall liegen auch tote Pinguine, doch es handelt sich größtenteils um Kadaver aus früheren Jahren. Tote Jungtiere aus dieser Saison sind vergleichsweise selten. Jetzt sind nur noch einige hundert mausernde Altvögel in der Kolonie zu sehen – die letzten Nachzügler. In wenigen Wochen wird auch dieser Ort vollständig verlassen sein.

Mitten in einer Gruppe mausernder Adeliepinguine entdecke ich einen einzelnen Kaiserpinguin. Auch er befindet sich in der Mauser. Es handelt sich um ein Jungtier aus der Brutsaison 2023, das gerade sein unscheinbares Jugendgefieder ablegt. Noch wirkt der Kopf blass grauweiß, sodass man ihn aus der Entfernung leicht mit einem Adeliepinguin verwechseln könnte. Unter dem grauen Federkleid kommt jedoch bereits das tiefschwarze Kopfgefieder des erwachsenen Kaiserpinguins zum Vorschein. Sobald die Mauser abgeschlossen ist, werden auch die gelb-orangen Halsflecken sichtbar sein.

Diese Anlandung ist die letzte unserer Antarktisreise – umso schöner, dass sie gelungen ist. Mit ihr erreichen wir erneut einen besonderen Meilenstein: Auf keiner bisherigen Antarktis-Halbumrundung konnten alle geplanten historischen Hütten besucht werden. Wir haben tatsächlich alle erreicht: die BAS-Base Y auf Horseshoe Island, die britische BAS-Base E und die amerikanische East Base auf Stonington Island, die Nimrod-Hütte am Cape Royds, die Terra-Nova-Hütte am Cape Evans, die Hillary-Fuchs-Station bei der Scott Base, die Discovery-Hütte am Hut Point und nun zum Abschluss die Borchgrevink-Hütte am Cape Adare.

Um 19:30 Uhr heißt es endgültig „Last Zodiac“. Nach diesem ausgefüllten letzten Tag am ostantarktischen Kontinent beginnt für uns der stetige Weg nach Norden. Noch liegen einige Tage auf See durch das Rossmeer und den Südpazifik vor uns – und anschließend die geheimnisvollen Inseln der neuseeländischen Subantarktis.

Am Abend klingt dieser besondere Tag mit einer künstlerischen Darbietung von Piano-Entertainer Stefan Hillebrand aus: bekannte Lieder aus den 1920er- und 1930er-Jahren unter dem Titel „In der Bar zum Krokodil“.

Auf See im Somov-Meer

Tag 26 – Freitag, 21. Februar 2025

Am Cape Adare haben wir gestern das nächste und letzte Randmeer des antarktischen Südpolarmeeres erreicht: das Somov-Meer. Damit haben wir auf dieser Reise vier Randmeere durchquert – das Bellingshausen-Meer, das Amundsen-Meer, das Ross-Meer und nun ein Stück des Somov-Meeres. Der Morgen beginnt neblig und grau. Gegen neun Uhr passieren wir noch einmal ein größeres Treibeisfeld, vermutlich das letzte dieser Reise. Auch hier stehen vereinzelt Adeliepinguine auf Eisschollen, dazwischen ruhen Krabbenfresser-Robben.

Der Tag ist ein klassischer Seetag, ruhig im Ablauf, mit Zeit zum Nachdenken und Einordnen. Am Vormittag höre ich einen Vortrag über Erich Dagobert von Drygalski und die erste deutsche Antarktisexpedition mit der „Gauss“. Der Fokus liegt auf Geophysik und Kartographie, auf wissenschaftlicher Arbeit unter extremen Bedingungen. Es wird deutlich, wie sehr diese frühen Expeditionen noch vom Durchhaltewillen Einzelner lebten und wie begrenzt die technischen Möglichkeiten damals waren.

Später folgt ein Vortrag über die bauliche Entwicklung der Südpolstation seit 1956. Die Bilder der alten, inzwischen völlig vom Schnee verschluckten Station wirken fast surreal. Gänge, die langsam einstürzten, zurückgelassene Gegenstände, eingefrorene Relikte aus einer anderen Zeit. Es ist schwer vorstellbar, dass hier über Jahrzehnte Menschen gearbeitet und gelebt haben. Die heutige Station auf Stelzen wirkt im Vergleich beinahe futuristisch.

Am Nachmittag klart es etwas auf, das Meer bleibt bewegt, aber gut beherrschbar. Man spürt, dass wir uns nun endgültig auf dem Weg nach Norden befinden. Die Antarktis liegt noch hinter uns, aber innerlich beginnt sich der Abschied bereits anzukündigen.

Am späten Nachmittag höre ich einen letzten Vortrag über den Königspinguin und seinen außergewöhnlich langen Brutzyklus. Auch wenn wir auf den kommenden subantarktischen Inseln vermutlich keine Brutkolonien sehen werden, rundet dieses Thema den biologischen Bogen der Reise ab.

Am Abend stellt der Expeditionsleiter die Balleny-Inseln vor, die wir am nächsten Morgen erreichen wollen. Schroffe, kaum zugängliche Inseln, stark vergletschert, ein letzter Ausläufer der Antarktis im Rossmeer. Ob eine Zodiacfahrt möglich sein wird, hängt allein von Wetter und Seegang ab.

Spät am Abend taucht am Horizont bereits Sturge Island auf, die größte der Balleny-Inseln. Ein dunkler, massiver Umriss im Dunst. Ein stiller Moment an Deck. Noch einmal Antarktis – oder zumindest ihr äußerster Rand.

Balleny Islands – letzter Blick auf die Antarktis

Tag 27 – Samstag, 22. Februar 2025

Seit der Nacht liegen wir im Windschatten von Sturge Island, der größten Insel der Balleny Islands. Die Insel erhebt sich über 1.500 Meter aus dem Meer, und man spürt deutlich, wie sehr sie das Wetter beeinflusst. Der Kapitän nutzt diesen Schutz geschickt, um uns eine ruhigere Nacht zu ermöglichen.

Der Morgen beginnt trüb, stark bewölkt und windig. Gegen sechs Uhr erreichen wir Sabrina Island. Schon auf den ersten Blick ist klar, dass hier heute nichts möglich ist: Wind und Schwell sind zu stark, eine Ausbootung kommt nicht in Frage. Stattdessen sucht der Kapitän weiter nach einer geschützten Stelle – und findet sie schließlich bei Buckle Island. Dort öffnet sich eine kleine Bucht, in der die Bedingungen gerade so ausreichen, um mit den Zodiacs hinauszufahren.

Während wir uns der Insel nähern, reißt die Wolkendecke stellenweise auf. Das Licht fällt schräg auf die Gletscherabbrüche, die plötzlich dramatisch aus dem Dunkel hervortreten. Eiswände leuchten, Schatten wandern über die Flanken, und für einen Moment wirkt alles überraschend plastisch und nah. Es ist kein spektakulärer Höhepunkt im klassischen Sinn – aber ein sehr stimmiger Abschluss dieses antarktischen Abschnitts.

Hier überschreiten wir um 11:51 Uhr ein letztes Mal den südlichen Polarkreis, diesmal in nördlicher Richtung. Spätestens in diesem Moment wird mir klar, dass wir die Antarktis nun endgültig hinter uns lassen. Keine weiteren Anlandungen, kein weiteres Eis, das man betreten wird. Was bleibt, sind Eindrücke, Bilder – und dieses eigenartige Gefühl zwischen Dankbarkeit und Abschied.

Am Vormittag stehen Dr. Björn Berning und Christian Eckert in der Ocean Academy für Gespräche zur Verfügung. Ich nutze die Zeit, um Fragen loszuwerden, die sich erst nach den vielen Erlebnissen der letzten Wochen richtig formulieren lassen. Es ist auffällig, wie sich das eigene Verständnis verändert hat: Dinge, die zu Beginn der Reise abstrakt wirkten, haben jetzt plötzlich ein konkretes Bild im Kopf.

Mittags fahren wir entlang der Küste von Young Island. Die Insel zeigt sich schroff, abweisend, fast vollständig von einer mächtigen Eiskappe bedeckt. Wieder tauchen vermehrt Seevögel auf. Kleine Buntfuß-Sturmschwalben begleiten das Schiff, erstaunlich zierlich und wendig. Immer wieder ziehen Schwärme von Silbersturmvögeln vorbei.

Dann erscheint der erste deutliche Vorbote der Subantarktis: ein Schwarzbrauen-Albatros. Er gleitet scheinbar mühelos am Wind entlang, ohne einen einzigen Flügelschlag, so dicht über der Wasseroberfläche, dass es aussieht, als würden die Flügelspitzen das Meer berühren. Nach all den Tagen im Eis fühlt sich das wie ein Übergang an – als würde ein neues Kapitel beginnen.

Am Nachmittag folgt ein Vortrag von Carina Gsottbauer über Plastikmüll im Meer. Nach allem, was wir gesehen haben, wirkt das Thema besonders eindringlich. Die Antarktis erscheint so unberührt, so fern von menschlichen Einflüssen – und doch ist auch sie längst Teil dieser globalen Problematik.

Am frühen Abend liest Kapitän Ulf Wolter aus seinem Programm „Wracks am Ende der Welt“, musikalisch begleitet von Stefan Hillebrand. Es passt erstaunlich gut zu diesem Tag, der ohnehin von Rückblick und Übergang geprägt ist.

Später ziehen wir an einem letzten großen Eisberg vorbei. Ein mächtiges Tor ist aus dem Eis herausgearbeitet, fast wie ein bewusst gesetzter Abschiedsgruß. Danach liegt vor uns nur noch offenes Wasser.

Am Abend öffnet sich ein letztes Mal das Hanse-Atrium für eine künstlerische Darbietung. Mr. & Mrs. Marvel spielen Lieder von Edith Piaf, Charles Aznavour und Ella Fitzgerald. Während die Musik durch den Raum klingt, wird mir endgültig bewusst: Die Antarktis liegt hinter uns. Was bleibt, ist nicht nur Erinnerung, sondern ein tiefes inneres Nachwirken dieser Reise.

Auf See im Süd-Pazifik

Tag 28 – Sonntag, 23. Februar 2025

Der Morgen beginnt ruhig. Die Sonne steht noch tief und schickt einzelne Lichtstrahlen durch die dünne Wolkendecke. Das Meer läuft in einer langen, gleichmäßigen Dünung. Für den Süd-Pazifik, der sonst oft ruppig und unberechenbar ist, sind das beinahe freundliche Bedingungen. Das Schiff liegt stabil im Wasser, und man merkt, dass wir gut Strecke nach Norden machen.

Am Vormittag steht erneut die Biosecurity-Kontrolle an. Vor der Einreise in die neuseeländische Subantarktis muss sämtliche Ausrüstung überprüft werden. Parkas, Stiefel, Klettverschlüsse, Kamerataschen – alles wird noch einmal kontrolliert und gereinigt. Die Prozedur ist inzwischen Routine, aber ihre Bedeutung ist uns allen bewusst: Der Schutz der extrem empfindlichen Inselökosysteme hat Vorrang.

Später am Vormittag folgt ein Vortrag von Dr. Rolf Schiel zur Bestimmung von Meeresvögeln. Viele der Arten begleiten uns schon seit Tagen, andere tauchen nur kurz am Horizont auf. Die Unterscheidung zwischen Albatrossen und Sturmvögeln, ihre Flugbilder und charakteristischen Merkmale werden anhand konkreter Beobachtungen erklärt. Währenddessen ziehen draußen immer wieder Vögel dicht über die Wasseroberfläche, als wollten sie das Gesagte unmittelbar bestätigen.

Am Nachmittag treffe ich mich in der Observation Lounge zur British Teatime. Scones mit clotted cream und Marmelade, dazu Tee – ein fast schon surrealer Kontrast zu der Weite des Südpazifiks draußen. Inzwischen frischt der Wind deutlich auf. Die Dünung wird steiler, das Schiff beginnt wieder stärker zu arbeiten. Man spürt, dass wir uns weiterhin in einem der stürmischsten Seegebiete der Erde bewegen.

Später am Tag folgt ein geologischer Vortrag von Dr. Björn Berning über die Besiedlung abgelegener Inseln. Es geht um Wege, wie Pflanzen und Tiere selbst die entlegensten Orte der Erde erreichen können – durch Wind, Wasser oder als „blinde Passagiere“ auf anderen Organismen. Viele Beispiele stammen aus Inselregionen, die wir auf dieser Reise noch erreichen werden.

Am Abend versammeln sich viele Gäste im Hanse-Atrium zu einem Gespräch mit Kapitän und Expeditionsleiter. Fragen zur Route, zur bisherigen Reise und zu den kommenden Etappen stehen im Mittelpunkt. Draußen hat der Wind weiter zugelegt, und der Südpazifik zeigt wieder mehr von seinem typischen Gesicht.

Ein Seetag ohne Anlandung – aber ein wichtiger Übergangstag. Die Antarktis liegt nun endgültig achteraus, und der Fokus richtet sich immer stärker auf die bevorstehenden Inseln der neuseeländischen Subantarktis.

Erste Vorboten der Subantarktis

Tag 29 – Montag, 24. Februar 2025

Es ist inzwischen deutlich milder geworden. Wir haben die Antarktis endgültig hinter uns gelassen und befinden uns wieder in Regionen mit Plusgraden. Der Wind hat über Nacht etwas nachgelassen, das Schiff läuft ruhig in einer langen Dünung. Der Süd-Pazifik zeigt sich heute von seiner vergleichsweise freundlichen Seite.

Am Vormittag schaue ich mir in der Ocean Academy die Ausstellung der eingereichten Bilder aus dem Fotowettbewerb an. Viele Mitreisende haben ihre besten Aufnahmen abgegeben, und es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich dieselben Orte und Momente festgehalten wurden. Ich bleibe bei einigen Fotos länger stehen – sie rufen Erinnerungen an Situationen wach, die ich selbst erlebt habe, aber ganz anders wahrgenommen habe.

Um 10:30 höre ich den Vortrag von Stefanie Zettl: „Roald Amundsen – Leben zwischen Zielstrebigkeit und Besessenheit“. Sie zeichnet das Bild eines Mannes, der kompromisslos plante und handelte. Amundsen erscheint als kühler Rechner, der nichts dem Zufall überließ. Nach seiner Zeit auf der Belgica-Expedition folgte mit der Durchquerung der Nordwestpassage sein erstes großes Meisterstück. Der ursprüngliche Plan, den Nordpol zu erreichen, scheiterte an den Meldungen von Cook und Peary. Auf Cooks Rat hin verlagerte Amundsen sein Ziel in die Antarktis – zunächst im Geheimen, sogar vor der eigenen Mannschaft. Erst nach Beginn der Reise informierte er sie über den wahren Kurs.

Mit der Fram erreichte er das Ross-Eisschelf und errichtete Framheim als Basis. Der Marsch zum Pol war minutiös vorbereitet. Amundsen erreichte den Südpol im Dezember 1911, errichtete dort ein Zelt und hinterließ einen Brief für den norwegischen König. Scott, der später eintraf, wurde so unfreiwillig zum Überbringer dieser Nachricht. Während ich zuhöre, wird mir noch einmal klar, wie unterschiedlich die Charaktere der großen Polarforscher waren – und wie sehr diese Unterschiede über Erfolg oder Scheitern entschieden.

Während der Weiterfahrt tauchen immer wieder Seevögel hinter dem Schiff auf. Besonders beeindruckt mich der Südliche Königsalbatros. Ohne einen einzigen Flügelschlag zieht er seine Bahnen dicht über der Wasseroberfläche. Seine Ruhe und Eleganz wirken fast zeitlos. Auch Graukopf-Albatrosse erscheinen gelegentlich und begleiten uns ein Stück des Weges.

Am Nachmittag, um 16:30, besuche ich den Vortrag von Carina Gsottbauer: „Pelagial – Leben im Freiwasser“. Sie beschreibt den offenen Ozean als scheinbar leeren Raum, der in Wirklichkeit voller spezialisierter Lebensformen steckt. Von der Oberfläche bis in große Tiefen gibt es klar abgegrenzte Zonen mit ganz eigenen Strategien zum Überleben. Besonders eindrucksvoll finde ich das Beispiel der Portugiesischen Galeere, die mit ihrem segelartigen Schwimmkörper über die Wasseroberfläche treibt und deren Nesselgift auch für den Menschen gefährlich werden kann.

Am frühen Abend informieren Expeditionsleiter und Kapitän über den weiteren Reiseverlauf. Für morgen ist die Annäherung an die Campbell-Inseln geplant, doch Wind und Welle nehmen bereits wieder zu. Ich merke, dass wir uns wieder in einem dynamischeren Seegebiet bewegen.

Der Abend klingt musikalisch aus. Mr. & Mrs. Marvel nehmen uns mit auf eine Reise in die Strandurlaube der 1970er Jahre. Spät in der Nacht, gegen 23:30, werde ich durch eine Durchsage geweckt: Im Süden zeigt sich eine Aurora australis. Ich ziehe mich schnell an und gehe an Deck. Zwischen Wolkenlücken leuchtet das Südlicht, darüber steht klar das Kreuz des Südens. Mit bloßem Auge wirkt alles eher zart, fast zurückhaltend – erst auf den Fotos zeigen sich die kräftigen Farben. Ein stiller, intensiver Moment, der diesen Tag auf See perfekt abschließt.

Campbell Island – erste Begegnung mit der Subantarktis

Tag 30 – Dienstag, 25. Februar 2025

Gegen 7:00 erreichen wir Campbell Island. Nicht viele Menschen haben diese entlegene Insel mit eigenen Augen gesehen. Mir geht immer wieder durch den Kopf, wie isoliert dieser Ort ist – würde man hier ein Loch durch den Erdmittelpunkt bohren, käme man irgendwo in der Gegend von Hannover wieder an.

Wir umrunden die Insel in einem Abstand von etwa einer halben Seemeile. Die Küste wirkt wild und abweisend, mit steilen Felskliffs, Türmen und Nadeln, gegen die die Brandung mit voller Wucht schlägt. Immer wieder schießen meterhohe Gischtfahnen an den Felswänden empor. Eine Vielzahl von Seevögeln begleitet uns: Südliche Königsalbatrosse, Schwarzbrauen-, Graukopf- und Rußalbatrosse sowie der endemische Campbell-Albatros, der nur hier brütet. Dazu kommen zahlreiche Sturmvögel, darunter Riesensturmvögel, Dunkelsturmtaucher und Kapsturmvögel.

Auf den mit Tussockgras bewachsenen Hängen der Insel nisten in den höheren Lagen viele Südliche Königsalbatrosse. Durch das Fernglas sind sie als kleine weiße Punkte zu erkennen, verteilt über die Hänge. Es ist faszinierend, diese Vögel in ihrem eigentlichen Lebensraum zu sehen – weit entfernt von allem, was man als Zivilisation bezeichnen würde.

Die Sonne bricht zeitweise durch die Wolken und taucht die Küste in ein warmes, fast goldenes Licht. Der Wind ist allerdings kräftig. Als wir aus dem Windschutz des Nordendes der Insel herausfahren, erwischt uns eine größere Welle. Alle, die auf dem Inspiration Walk stehen, bekommen eine ordentliche Gischt-Dusche ab – inklusive der Kameras. Kurz darauf nehmen Wind und Seegang weiter zu, das Schiff rollt und stampft spürbar. Beim Bewegen an Bord gilt jetzt ganz klar: eine Hand gehört immer dem Schiff.

Um 10:30 Uhr höre ich den Vortrag von Robert Schwarz über Polarlichter. Er zeigt beeindruckende Bilder vom Südpol und erklärt anschaulich, wie Polarlichter entstehen. Geladene Teilchen aus dem Sonnenwind treffen auf die Erdatmosphäre und regen dort Atome zum Leuchten an. Je nach beteiligtem Gas entstehen unterschiedliche Farben: Grün und Rot bei Sauerstoff, Rot, Blau und Violett bei Stickstoff. Besonders interessant finde ich den Hinweis, dass unser Auge schwache Polarlichter oft nur grau wahrnimmt, während Kameras – vor allem die von Smartphones – die Farben deutlich sichtbar machen können. Da wir uns auf unserer Weiterfahrt durch das sogenannte Polarlichtoval bewegen und die Nächte wieder dunkler werden, besteht durchaus die Chance, in den kommenden Tagen noch einmal Polarlichter zu sehen.

Am Nachmittag klart der Himmel zeitweise weiter auf und bietet gutes Licht für die Beobachtung der Seevögel. Immer wieder ziehen kleine Schwärme von Sturmtauchern am Schiff vorbei, zwischendurch erscheint ein mächtiger Riesensturmvogel. Wenn er dicht am Schiff entlanggleitet, erkennt man gut die große Nasenröhre auf dem Oberschnabel – ein beeindruckendes Tier mit über zwei Metern Spannweite.

Um 16:30 Uhr besuche ich den Vortrag von Dr. Björn Berning über Moostierchen. Er beschreibt diese winzigen Organismen als Beispiele höchster Komplexität auf kleinstem Raum. Die einzelnen Tiere sind meist kleiner als ein Millimeter, doch gemeinsam bilden sie riesige Kolonien mit Millionen von Individuen. Obwohl alle das gleiche Erbgut besitzen, übernehmen verschiedene Zooide unterschiedliche Aufgaben. Diese Arbeitsteilung macht viele Kolonien so komplex, dass man sie fast als Super-Organismen bezeichnen könnte. Ein Thema, das zunächst unscheinbar wirkt, sich aber als erstaunlich faszinierend entpuppt.

Im „Wissen vor Sieben“ erfahren wir mehr über die subantarktischen Inseln Neuseelands und die Albatrosarten, die wir heute gesehen haben. Am Abend sollen wir die Auckland Islands erreichen, wo wir Schutz vor dem angekündigten Sturm suchen wollen.

Den Abschluss des Tages bildet Teil V des „Winter Film Festival Antarctica“ im Hanse-Atrium. Spät am Abend lockert sich die Wolkendecke noch einmal. Für kurze Zeit zeigt sich ein klarer Sternenhimmel. Auf dem Achterdeck erklärt Robert Schwarz einigen von uns die Sterne und Sternbilder. Ich erkenne die Milchstraße, das Kreuz des Südens, Orion sowie die Große und Kleine Magellan-Wolke. Zwischendurch schiebt sich immer wieder eine Wolke vor den Himmel, man wartet geduldig auf die nächste Lücke. Auch ein schwaches Schimmern von Polarlicht ist erneut zu sehen – ein stiller, würdiger Abschluss dieses Tages vor Campbell Island.

Abwettern vor den Auckland Islands

Tag 31 – Mittwoch, 26. Februar 2025

Durch den Windschatten von Auckland Island konnten wir eine vergleichsweise ruhige Nacht verbringen. Schon am Morgen wird deutlich, wie wichtig dieser Schutz ist. Auckland Island ist die Hauptinsel der Inselgruppe, südlich davon liegt Adams Island, während Enderby Island den nördlichsten Punkt bildet. Daneben gehören noch zahlreiche kleinere und kleinste Inseln zu diesem abgelegenen Archipel.

Kapitän Ulf Wolter steuert das Schiff in Richtung Sandy Bay bei Enderby Island, unserem möglichen Landungspunkt. Ich stehe an Deck und beobachte die Situation, aber schnell ist klar: An eine Ausbootung ist nicht zu denken. Wind und Seegang lassen keinen sicheren Zodiac-Betrieb zu. Im Laufe des Vormittags frischt der Wind weiter auf, und so bleiben wir im Windschatten von Auckland Island und pendeln entlang der Ostküste zwischen Norden und Süden.

Um 10:15 Uhr höre ich einen Vortrag von Carina Gsottbauer über ihre Zeit als Hundeschlittenführerin in Nordnorwegen. Sie berichtet sehr persönlich von einer kompletten Wintersaison, von der Arbeit mit den Hunden, der Kälte, der Dunkelheit und dem Alltag jenseits touristischer Klischees. Ein spannender Einblick in ein Leben, das viel näher an der Natur stattfindet, als man es gewohnt ist.

Am Vormittag widmet sich Geologe Dr. Björn Berning einem besonderen Fundstück dieser Reise: dem sogenannten „Stonington Stone“. Dieser große Stein wurde vom Anker vor Stonington Island am Südende der Marguerite Bay aus der Tiefe an die Oberfläche geholt. Heute wird er weiter untersucht und zerteilt – ein greifbares Relikt aus einem der entlegensten Winkel der Erde.

Für mich ist dieser Tag auch eine gute Gelegenheit, das bisher Erlebte Revue passieren zu lassen. Viele nutzen die Zeit, um ihre Fotos zu sichten oder zu sortieren. In der Ocean Academy halten die Experten Sprechstunde. Vormittags lasse ich bei Dr. Rolf Schiel einige fotografierte Vögel bestimmen. Am Nachmittag erklärt Dr. Björn Berning Gesteine und Mineralien, während Robert Schwarz Fragen zu astronomischen Themen beantwortet.

Zwischendurch lohnt sich immer wieder ein Blick nach draußen. Die Küste von Auckland Island liegt mystisch im Nebel, die dunklen Hänge verschwimmen mit den tiefhängenden Wolken. Offenbar gibt es reichlich Nahrung an der Meeresoberfläche, denn immer wieder tauchen große Schwärme von Dunkelsturmtauchern auf, die sich hier von oberflächennahen Krebstieren ernähren.

Um 16:45 besuche ich den Vortrag von Benjamin Schröter. Er berichtet über sein Forschungsprojekt zu GPS-Messungen rund um die südafrikanische Antarktis-Forschungsstation SANAE IV. Sehr anschaulich schildert er seine Expeditionen nach Dronning-Maud-Land in Zusammenarbeit mit der TU Dresden, dem Alfred-Wegener-Institut und dem südafrikanischen Antarktisprogramm. Besonders eindrucksvoll sind seine Schilderungen des Alltagslebens auf der Station, fernab jeder Komfortzone.

Den Abschluss des Tages bildet um 21:30 eine Lesung von Stefanie Zettl. Sie liest „Das Lachen der Pinguine“, eine Geschichte von Arabella Meran, musikalisch begleitet von Stefan Hillebrand am Piano. Ein ruhiger, stimmungsvoller Ausklang eines Tages, der ganz im Zeichen des Wartens, des Beobachtens und des Innehaltens steht.

Snares Islands – Beobachtungen aus der Distanz

Tag 32 – Donnerstag, 27. Februar 2025

Gegen 9:00 erreichen wir die Snares Islands. Es ist wieder stark windig, der Seegang ordentlich, aber zwischendurch bricht die Sonne durch die Wolken und beleuchtet die schroffen Felsnadeln vor der Insel sowie die sattgrünen Hänge. Trotz des Wetters ist es ein eindrucksvoller Anblick. Die Snares Islands dürfen nicht betreten werden – weder an Land noch per Zodiac. Wir dürfen uns den Inseln ausschließlich vom Schiff aus nähern.

Ähnlich wie die Auckland Islands sind auch die Snares dicht bewachsen. Die strauchartigen Eisenholzbäume erreichen hier allerdings nur Höhen von etwa zwei bis drei Metern. Die Insel wirkt kompakt, urtümlich und vollkommen unberührt.

Besonders spannend ist für mich der Blick auf die Tierwelt. Auf den Snares Islands lebt der endemische Snares-Pinguin, der zur Gruppe der Schopfpinguine gehört. Diese Pinguine erkennt man an den gelben Schmuckfedern am Kopf. Zur gleichen Gattung zählen auch der Felsenpinguin der Falklandinseln und der Goldschopfpinguin Südgeorgiens.

Leider dürfen wir uns der Insel nur bis auf eine Seemeile nähern. Dennoch kann ich mit dem Fernglas und dem Teleobjektiv eine größere Gruppe von Snares-Pinguinen an einer Felswand erkennen. Es ist faszinierend, diese Tiere in einem Lebensraum zu sehen, der praktisch frei von menschlichen Eingriffen geblieben ist.

Ein besonders schöner Vogel, der hier brütet, ist der Buller-Albatros. Er ähnelt dem Graukopf-Albatros, besitzt jedoch eine auffällige weiße Kopfhaube. Immer wieder gleiten diese großen Vögel elegant am Schiff vorbei.

Die Zahl der Seevögel ist überwältigend. Ich sehe Dunkelsturmtaucher, Riesensturmvögel, Graukopf- und Schwarzbrauen-Albatrosse, Buller-Albatrosse, Königsalbatrosse – und zwischendurch taucht sogar ein Snares-Pinguin kurz neben dem Schiff auf. An den steilen, grün bewachsenen Hängen lassen sich mit dem Fernglas nistende Albatrosse als kleine weiße Punkte erkennen. Besonders faszinierend sind die Lummensturmvögel, die scheinbar mühelos zwischen Luft und Wasser wechseln. Sie fliegen über der Oberfläche und „fliegen“ ebenso elegant unter Wasser – fast so, als gäbe es keine Grenze zwischen den Elementen. Nicht umsonst gelten sie als Modell für ein mögliches Bindeglied zwischen flugfähigen Vorfahren und den Pinguinen.

Die Snares Islands wirken in ihrer Abgeschiedenheit außergewöhnlich ursprünglich. Sie gehören zu den ganz wenigen neuseeländischen Inseln, die niemals von eingeschleppten Säugetieren wie Ratten oder Katzen besiedelt wurden. Entsprechend intakt ist das ökologische Gleichgewicht.

Nach der Umrundung der Inseln nehmen wir wieder Kurs nach Norden, mit Ziel Oban auf Stewart Island. Um 11:30 gibt es ein Precap zu Stewart Island. Dort sind mehrere Wanderungen geplant, durch den Ort und durch neuseeländischen Wald. Ich hoffe ein wenig, dass wir Glück haben und vielleicht einem Kiwi begegnen. Auf Stewart Island lebt eine eigene Unterart dieses eigentlich nachtaktiven Vogels – und gelegentlich lässt er sich sogar tagsüber blicken.

Oban / Stewart Island – Ankommen in Neuseeland

Tag 33 – Freitag, 28. Februar 2025

Ein windstiller, sonniger Morgen. Zum Sonnenaufgang fährt die HANSEATIC inspiration in die Bucht von Oban ein. Schon beim ersten Blick wird klar, warum der Maori-Name von Stewart Island „Rakiura“ lautet – „glühender Himmel“. Das Licht liegt weich über der Bucht, das Wasser ist ruhig, die Stimmung fast schon sommerlich.

Für 8:00 ist der Einreisebeamte angekündigt, der aus Bluff eingeflogen wird. Ab 8:45 dürfen wir schließlich von Bord gehen und Oban auf eigene Faust erkunden. Nach den intensiven Tagen auf See fühlt sich dieser erste Schritt an Land besonders gut an.

Oban ist ein kleiner, sehr gepflegter Ort mit rund 400 Einwohnern, malerisch an einer geschützten Bucht gelegen. Es ist ruhig, überschaubar und wirkt sofort freundlich. Die Menschen begegnen uns offen und herzlich, man fühlt sich willkommen. In der Umgebung gibt es schöne Sandstrände und kleine Badebuchten. Einige von uns wagen tatsächlich ein Bad im etwa 12 °C kühlen Wasser. Am feuchten Sand entdecke ich frische Kiwi-Spuren aus den frühen Morgenstunden – ein stiller Hinweis darauf, dass wir hier wirklich in einer besonderen Natur angekommen sind.

Im Ort selbst gibt es kleine Souvenirshops, Cafés, zwei Kirchen und ein Museum. Alles ist überschaubar, nichts wirkt touristisch überladen. Die Vorgärten der Häuser sind üppig bepflanzt, subtropisch, überall blüht es. Es ist ein angenehmer Kontrast zur kargen Welt der Antarktis, die noch vor wenigen Tagen unser Alltag war.

Mehrere Wanderungen werden angeboten, begleitet von den Experten. Ich entscheide mich für eine Tour über den Golden Bay Track. Der Weg führt über Holzstege durch dichten Wald, unter großen Baumfarnen hindurch. Auch das Unterholz besteht fast ausschließlich aus Farnen in allen Größen und Formen. Es ist schattig, grün, feucht – ein völlig anderes Klima, eine andere Welt.

In Neuseeland gibt es eine außergewöhnlich hohe Zahl endemischer Tierarten, vor allem bei den Vögeln. Viele kommen nur auf sehr kleinen Inseln vor. Gleichzeitig wird hier sehr deutlich, welche Folgen eingeschleppte Tierarten hatten. Ziegen und Schweine haben die Vegetation verändert, Ratten und Hauskatzen haben die bodenbrütenden Vögel massiv dezimiert. Auch die urtümliche Brückenechse wurde fast ausgerottet und lebt heute nur noch auf wenigen, streng geschützten Inseln.

Neuseeland war ursprünglich nahezu säugetierfrei – die einzige einheimische Säugetierart ist eine kleine Fledermaus. In den letzten 300 Jahren wurden jedoch zahlreiche Säuger eingeschleppt: unter anderem Igel, verschiedene Marderarten und besonders problematisch der australische Fuchs-Kusu. Dieses eigentlich possierlich wirkende Beuteltier richtet enorme Schäden in der Vogel- und Insektenwelt an und lässt sich bislang nicht wieder ausrotten. Deshalb wird heute extrem genau kontrolliert, was ins Land gebracht wird.

Viele der vorgelagerten Inseln dürfen nach der erfolgreichen Entfernung von Ratten und Katzen nicht mehr betreten werden. Selbst Forschern ist der Zutritt oft nur mit Sondergenehmigung erlaubt. Entlang der Wanderwege sehe ich immer wieder Fallen, die zur Kontrolle von Ratten, Mardern und Kusus aufgestellt sind.

Im Wald begleiten uns zahlreiche Vogelstimmen. Besonders häufig höre ich den Tui und den Neuseeland-Glockenvogel. Im Unterholz huschen die kleinen Fächerschwanzvögel umher, die immer wieder ihren charakteristischen Schwanz auffächern. Mit etwas Glück kann ich sogar einen Kaka sehen, den neuseeländischen Waldpapagei – ein naher Verwandter des Kea.

Zwischendurch öffnen sich immer wieder Ausblicke auf kleine Buchten mit klarem, türkisfarbenem Wasser. Nach dieser Wanderung wird sehr verständlich, warum der Farn als Nationalsymbol Neuseelands gilt.

Die Zeit vergeht an diesem warmen, ruhigen Tag viel zu schnell. Um 16:30 Uhr heißt es zum letzten Mal auf dieser Reise „Last Zodiac“. Im goldenen Abendlicht verlässt die HANSEATIC inspiration Stewart Island – ein stiller, würdiger Abschied.

Um 18:15 Uhr folgt das letzte „Wissen vor Sieben“, ein gemeinsames Recap aller Experten, diesmal bewusst locker und humorvoll. Anschließend verabschiedet sich das gesamte Expeditions-Team von uns.

Am Abend findet im Hanse-Atrium der „Captain’s Farewell Cocktail“ statt. Spätestens jetzt wird es emotional. Der Shanty Crew Chor tritt auf, musikalisch begleitet von Stefan Hillebrand. Währenddessen wird die von Ramona Harttig und Kadettin Rayna Heupel kunstvoll bemalte Seekarte dieser Reise verlost. Auch weitere einzigartige, von der Crew gefertigte Erinnerungsstücke kommen zugunsten des Antarctic Heritage Trust und der Crewkasse unter den Hammer.

Ein würdiger Abschluss einer außergewöhnlichen Reise.

Letzter Seetag im Süd-Pazifik – Abschied auf dem Meer

Tag 34 – Samstag, 1. März 2025

Der letzte Tag auf See. Ein sonniger, nahezu windstiller Morgen nach einem glühenden Sonnenaufgang. Die See liegt ruhig, und die Albatrosse sitzen wie Enten auf dem Wasser. Wir fahren entlang der Ostküste Neuseelands, die unter einer ausgedehnten Wolkenbank verborgen liegt. Unwillkürlich denke ich daran, wie die ersten Maori dieses Land gesehen haben müssen, als sie es entdeckten und Aotearoa nannten – das Land unter der großen weißen Wolke.

Auch heute gibt es noch einmal ein volles Bordprogramm, zugleich liegt aber schon ein leiser Abschied in der Luft. Die Rückreise rückt näher, und irgendwann müssen auch die Koffer gepackt werden – eine Aufgabe, die sich nicht länger aufschieben lässt.

Am Vormittag zeigen Videografin Ramona Harttig und Fotograf Scott Kahrens den Expeditionsfilm. In den Bildern ziehen noch einmal Landschaften, Eis, Tierbeobachtungen und viele besondere Momente dieser Reise vorbei. Es ist bewegend, die vergangenen Wochen in komprimierter Form noch einmal zu erleben.

Mittags folgt ein „Pool-Apero“ mit Königskrabben und Champagner, musikalisch begleitet auf dem Pooldeck. Die Stimmung ist gelöst, fast feierlich. Immer wieder lohnt es sich, den Blick über das Meer schweifen zu lassen. Die Ostküste Neuseelands ist reich an Walarten, und auch heute zeigen sich wieder kleinere Gruppen von Delfinen, vor allem Dunkeldelfine. Sie tauchen neben dem Schiff auf, springen, drehen sich in der Luft und begleiten uns für eine Weile – ein letzter, lebendiger Gruß des Ozeans.

Am Nachmittag nähern wir uns unserem Ziel. Gegen 16:30 erreichen wir den Hafen von Lyttelton, den Endpunkt dieser außergewöhnlichen Reise. Nach der behördlichen Freigabe des Schiffes erfolgt die Einreisekontrolle für uns alle im Hanse-Atrium. Anschließend besteht die Möglichkeit, mit einem Shuttlebus in die kleine Hafenstadt Lyttelton zu fahren und den Abend dort ruhig ausklingen zu lassen.

Ein stiller Abschluss nach Wochen voller Eindrücke – und das Gefühl, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.

Ankunft in Neuseeland – Abschied von der Expedition

Tag 35 – Sonntag, 2. März 2025

Heute endet unsere Antarktis-Halbumrundung – die längste Reise, die man mit der Expeditionsflotte unternehmen kann, ohne zwischendurch einen Hafen zum Treibstoffaufnehmen anzulaufen. Fünf Wochen lang war die HANSEATIC inspiration mein Zuhause. Aus Mitreisenden sind vertraute Gesichter geworden, aus Gesprächen Bekanntschaften, aus manchen echte Freundschaften. Und trotzdem endet auch diese Reise irgendwann – so wie die berühmten „schönsten Wochen im Jahr“.

Nach der Verabschiedung an Bord und der Ausschiffung werden die meisten von uns mit Bussen nach Christchurch gebracht. Einige haben einen frühen Rückflug und müssen direkt zum Flughafen fahren. Ein anderer Teil der Reisegruppe hat einen späteren Abflug und kann noch an einem gemeinsamen Mittagessen sowie einer orientierenden Stadtrundfahrt teilnehmen.

Nach dem sehr langen Rückflug werde ich erst am nächsten Tag wieder in Deutschland ankommen – am Ende einer Reise durch nahezu alle Längengrade und Zeitzonen der Welt. Andere Mitreisende reisen noch weiter durch Neuseeland oder bleiben für weitere Etappen auf dem Schiff. Aber die Welt ist klein – irgendwann wird es ein Wiedersehen geben.

Fazit – was bleibt nach der Halbumrundung der Antarktis?

Nach fünf Wochen auf See, zahlreichen Anlandungen, langen Seetagen und vielen Entscheidungen, die erst unter realen Bedingungen getroffen wurden, bleibt vor allem ein klares Bild davon, was eine Antarktis-Halbumrundung tatsächlich ist – und was nicht.

Diese Reise war keine Abfolge garantierter Höhepunkte. Sie war geprägt von Wind, Eis, Sicht, Seegang und logistischen Abwägungen. Manche Ziele konnten erreicht werden, andere nur aus der Distanz betrachtet, wieder andere entfielen vollständig. Genau diese Abhängigkeit von äußeren Bedingungen ist kein Mangel, sondern der Kern einer echten Expeditionsreise.

Besonders deutlich wurde für mich, wie stark sich diese Route von klassischen Antarktisreisen unterscheidet. Die Halbumrundung führt durch sehr unterschiedliche Regionen des Südpolarmeeres, verbindet historische Stätten der Polargeschichte mit kaum besuchten Küstenabschnitten und schließt die subantarktischen Inseln bewusst mit ein. Der Schwerpunkt liegt weniger auf einzelnen ikonischen Motiven, sondern auf dem Gesamtbild einer extremen, weitgehend unbeeinflussten Welt.

Was diese Reise erfordert, ist Zeit, Geduld und die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Wer feste Erwartungen an konkrete Anlandungen, Tierbeobachtungen oder Abläufe hat, wird hier schnell an Grenzen stoßen. Wer jedoch verstehen möchte, wie Polarreisen unter realen Bedingungen funktionieren, erhält eine außergewöhnlich dichte und ehrliche Erfahrung.

Für mich war diese Halbumrundung keine Reise im klassischen Sinn, sondern eine langfristige Auseinandersetzung mit Raum, Distanz, Geschichte und Naturkräften. Sie hat keine einfachen Antworten geliefert – aber ein tiefes Verständnis dafür, was Expedition in der Antarktis wirklich bedeutet.

➡️ Wie läuft eine Antarktis Halbumrundung ab?

➡️ Wie anspruchsvoll ist eine Antarktis Halbumrundung?

➡️ Was unterscheidet die Antarktis Halbumrundung von einer klassischen Antarktisreise?

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Roland Kock in der Antarktis

Roland Kock

Ihr persönlicher Experte für Expeditionsreisen in die Arktis und Antarktis

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