
Diese Antarktis-Kreuzfahrt habe ich nicht als Beobachter von außen erlebt, sondern Tag für Tag an Bord eines Expeditionsschiffes. Meine Antarktis Kreuzfahrt Erfahrungen basieren auf einer Reise im November 2024 mit Hapag-Lloyd Cruises an Bord der HANSEATIC nature.
Vom Einschiffen in Südamerika über die Falklandinseln und Südgeorgien bis zur antarktischen Halbinsel war ich Teil einer Expedition, die vollständig von Wetter, Eis, Seegang und operativen Entscheidungen bestimmt wurde. Keine Route, kein Tagesablauf und keine Anlandung war garantiert.
Dieser Erfahrungsbericht folgt dem tatsächlichen Ablauf der Expedition – chronologisch und ohne Beschönigung. Er zeigt, wie eine Antarktis-Kreuzfahrt unter realen Bedingungen verläuft: mit Seetagen unter anspruchsvollen Bedingungen, kurzfristigen Planänderungen, abgesagten Anlandungen und intensiven Naturerlebnissen.
Route: Montevideo – Falklandinseln – Südgeorgien – Antarktis – Ushuaia
Reederei: Hapag-Lloyd Cruises
Schiff: HANSEATIC nature
Reisezeit: November 2024
Inhalt
Anreise nach Montevideo und Einschiffung
Tag 1 – Mittwoch, 06. November 2024
Der Tag beginnt mit der Ankunft in Montevideo, dem Ausgangspunkt dieser Reise. Die Einschiffung ist organisatorisch klar strukturiert, da die Gäste je nach Ankunftszeit unterschiedlich betreut werden. Früh ankommende Reisende nehmen zunächst an einem Ausflug in die historische Altstadt teil, der auch entlang der Rambla führt, der Uferpromenade am Río de la Plata. Später eintreffende Gäste fahren direkt in das Stadtzentrum.
Ich werde nach meiner Ankunft zunächst in ein Restaurant im Zentrum gebracht, wo sich im Laufe des Mittags alle neuen Passagiere versammeln. Das gemeinsame Mittagessen dient nicht nur der Verpflegung, sondern auch dem ersten Ankommen in der Gruppe. In ruhiger Atmosphäre ergeben sich erste Gespräche, viele Gäste lernen sich hier zum ersten Mal kennen. Die Umgebung ist geprägt von kolonialen Gebäuden, ergänzt durch moderne Architektur. Montevideo wirkt dabei ruhig und geordnet, weniger hektisch als andere südamerikanische Großstädte.
Nach dem Mittagessen bleibt Zeit, erste Eindrücke der Stadt zu sammeln. Montevideo liegt am nördlichen Ufer des Río de la Plata und ist mit rund 1,3 Millionen Einwohnern das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Uruguays. Die Stadt hat in den vergangenen Jahrzehnten einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, was sich im Stadtbild ebenso widerspiegelt wie in der Infrastruktur. Der Hafen ist belebt, mehrere Frachtschiffe und Fähren liegen an den Kais.
Am Nachmittag geht es schließlich zum Hafen. Dort liegt die HANSEATIC nature bereit. Das Einschiffen verläuft ohne Hektik und folgt einem klaren Ablauf. Nach dem Betreten des Schiffes erfolgt der Kabinenbezug, anschließend bleibt Zeit, sich an Bord zu orientieren und erste Wege kennenzulernen. Nach und nach füllt sich das Schiff, ohne dass Unruhe entsteht.
Am frühen Abend findet die obligatorische Sicherheitsunterweisung im HanseAtrium statt. Die Abläufe an Bord sowie die grundlegenden Sicherheitsmaßnahmen werden erläutert. Damit sind die letzten organisatorischen Vorbereitungen abgeschlossen.
Gegen 20:30 Uhr heißt es schließlich Leinen los. Die HANSEATIC nature verlässt den Hafen von Montevideo und nimmt Kurs auf die offene See. Viele Gäste verfolgen das Ablegen von den Außendecks oder von ihren Kabinen aus. Das Schiff fährt zunächst durch den Río de la Plata, bevor wir den offenen Atlantik erreichen. Vor uns liegen mehrere Seetage, ehe wir die Falklandinseln anlaufen. Mit dem Auslaufen beginnt die eigentliche Reise, der Übergang vom urbanen Startpunkt in Südamerika hin zur Weite des Südatlantiks.
Seetag Richtung Falklandinseln
Tag 2 – Donnerstag, 07. November 2024
Der erste vollständige Seetag beginnt mit einem klaren Morgen. Die Sonne steht bereits hoch, der Himmel ist leicht bewölkt, und der Wind ist deutlich spürbar. Mit Windstärke 7 zeigt sich der Südatlantik von Beginn an präsent. Für viele ist dieser Tag der erste echte Kontakt mit den Bewegungen des Schiffes. Das Rollen und Stampfen ist gut wahrnehmbar, bleibt aber kontrollierbar. Für mich ist es ein idealer Einstieg, um ein Gefühl für das Schiff, seine Stabilität und den Rhythmus an Bord zu entwickeln.
Bereits um 08:00 Uhr öffnet der Fitnessbereich. Wer möchte, kann sich dort mit den Einrichtungen vertraut machen. Die Fitnesstrainerin stellt die Geräte vor und erläutert das Kursangebot, das von Yoga bis zu funktionellem Training reicht. Der frühe Programmpunkt wird von einigen Gästen genutzt, andere beobachten lieber von Deck aus das offene Meer und die ersten längeren Wellenzüge.
Um 09:00 Uhr versammelt sich das Expeditionsteam auf dem Pooldeck. Dort erhalten wir unsere Expeditionsausrüstung, bestehend aus einer wetterfesten Jacke und Gummistiefeln. Mit der Übergabe dieser Ausrüstung wird deutlich, dass der Schwerpunkt dieser Reise nicht auf dem Bordleben allein liegt, sondern auf den geplanten Aktivitäten an Land. Ab diesem Moment fühlt sich die Reise endgültig wie eine Expedition an.
Gegen 10:30 Uhr folgt die offizielle Vorstellung der Bordteams. Der General Expedition Manager stellt zunächst die Fotografen, Friseurinnen und Beauty-Spezialistinnen vor, bevor anschließend das eigentliche Expeditionsteam präsentiert wird. Dazu gehören die Expeditionsleiterin, die Guest Relation Managerin, mehrere Expedition Guides, Field Staff sowie Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Die Zusammensetzung des Teams macht deutlich, wie breit das Wissen an Bord aufgestellt ist und wie viele Aufgaben parallel abgedeckt werden.
Noch vor dem Mittagessen öffnet um 11:30 Uhr erstmals die Ocean Academy. Dieser Bereich ist als zentraler Treffpunkt für Wissen und Austausch konzipiert. Ich nutze die Gelegenheit, um erste Gespräche mit Mitgliedern des Expeditionsteams zu führen. Es werden praktische Hinweise gegeben, etwa zur richtigen Nutzung der Wanderstöcke oder zum Einstellen der Ferngläser. Gleichzeitig wird erklärt, wie die kommenden Tage strukturiert sein können und welche Abläufe an Land typisch sind.
Am Nachmittag steht um 15:00 Uhr ein Ärztetreffen auf dem Programm. Die Schiffsärztin stellt sich vor und erläutert die medizinische Ausstattung an Bord. Es wird deutlich, dass mehrere Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen mitreisen. Im Anschluss haben wir die Möglichkeit, das Hospital zu besichtigen. Dieser Programmpunkt vermittelt Sicherheit, gerade mit Blick auf die abgelegenen Regionen, die wir in den kommenden Wochen bereisen werden.
Ab 15:30 Uhr ist die Ocean Academy erneut geöffnet. Ich verbringe dort einige Zeit, beobachte Gespräche zwischen Gästen und Experten und gehe zwischendurch nach draußen auf das Deck. Mehrere Seevögel begleiten das Schiff über längere Zeit. Darunter sind Schwarzbraunalbatrosse und ein Riesensturmvogel, die mühelos im Wind gleiten und die Aufwinde nutzen, die durch das fahrende Schiff entstehen.
Am späten Nachmittag folgt ein Vortrag über die Falklandinseln, die in Argentinien als Malvinas bezeichnet werden. Der Vortrag liefert einen ersten historischen und politischen Überblick und bereitet inhaltlich auf den bevorstehenden Landgang vor. Damit erhält der Tag einen klaren thematischen Rahmen, der über den reinen Seetag hinausgeht.
Den Abschluss bildet am Abend der Kapitäns-Cocktail. Dabei werden die Offiziere vorgestellt, und es ergibt sich die Gelegenheit zu ersten persönlichen Gesprächen. An Bord befinden sich auf dieser Reise 146 Gäste, betreut von 171 Besatzungsmitgliedern. Dieses Verhältnis ist bereits am ersten Seetag spürbar. Abläufe wirken aufmerksam, Wege kurz, Anfragen werden unmittelbar aufgenommen. Mit den ersten gemeinsam zurückgelegten Seemeilen stellt sich langsam ein Bordalltag ein, der von Struktur, Vorbereitung und einer ruhigen Atmosphäre geprägt ist.
Ankommen an Bord und erste Schritte in den Expeditionsalltag
Tag 3 – Freitag, 08. November 2024
Der Tag beginnt ruhig und strukturiert. Gegen 7:30 Uhr gehe ich zum Frühstück. Durch die großen Panoramafenster fällt der Blick auf den offenen Ozean, der an diesem Morgen ruhig und weit wirkt. Der Himmel ist klar, das Licht weich. Das Schiff läuft gleichmäßig, die Bewegungen sind deutlich geringer als am Vortag. Es ist ein Seetag, der Zeit lässt.
Um 08:00 Uhr treffe ich mich auf dem Pooldeck zur morgendlichen Yogastunde. Eine leichte Brise weht über das Deck, während wir uns langsam bewegen und ankommen. Der Wind ist moderat, das Meer zeigt sich freundlich. Die Stunde dient weniger sportlicher Herausforderung als vielmehr dazu, sich auf den Tag einzustellen und den Körper an den Rhythmus an Bord zu gewöhnen.
Ab 08:30 Uhr findet eine umfangreiche Sicherheitsübung eines Teils der Besatzung statt. Im Poolbereich werden verschiedene Notfallszenarien simuliert. Auch wenn das Schwimmbad währenddessen nicht genutzt werden kann, vermittelt die Übung einen Eindruck davon, wie ernst das Thema Sicherheit an Bord genommen wird. Die Abläufe wirken eingespielt und routiniert. Für mich ist es beruhigend zu sehen, wie klar Verantwortlichkeiten und Prozesse geregelt sind.
Um 10:00 Uhr besuche ich einen Vortrag über die Flora der Falklandinseln. Die Biologin erläutert anschaulich, wie sich Pflanzen an das raue Klima der Inseln angepasst haben. Besonders das Tussockgras steht im Mittelpunkt, das nicht nur landschaftsprägend ist, sondern auch eine wichtige ökologische Rolle spielt. Der Vortrag liefert einen ersten thematischen Zugang zu den Inseln, die wir in wenigen Tagen erreichen werden.
Kurz darauf folgt um 11:30 Uhr ein weiterer Vortrag, der den Blick deutlich weitet. Ein Geschichtsexperte spricht über die Antarktis, ihre Dimensionen und die frühen Entdecker, die diesen Kontinent erkundet haben. Die schiere Größe der Antarktis wird dabei greifbar. Der Kontinent erstreckt sich über eine Fläche von rund 14 Millionen Quadratkilometern. Während des Vortrags wird mir bewusst, wie klein die menschliche Präsenz in diesem Raum ist und wie sehr die kommenden Wochen von Natur und Bedingungen bestimmt sein werden.
Nach dem Mittagessen, das ruhig und ohne Zeitdruck verläuft, nutze ich den Nachmittag für sportliche Aktivität. Um 16:30 Uhr nehme ich am Core Training teil. Unter Anleitung der Fitnesstrainerin liegt der Fokus auf Stabilität und Körperspannung. Die Bewegung tut gut, gerade an einem Seetag, an dem man sich sonst viel in geschlossenen Räumen aufhält.
Ebenfalls am Nachmittag besuche ich einen Vortrag über Seevögel. Es geht um Arten, die uns auf dieser Reise begleiten werden, um ihre Flugtechnik, ihr Verhalten und ihre Rolle im Ökosystem des Südlichen Ozeans. Einige der Vögel, die wir bereits am Vortag gesehen haben, werden hier noch einmal eingeordnet. Der Vortrag schärft den Blick für Details, die man draußen auf Deck sonst leicht übersieht.
Am frühen Abend gehe ich in die Observation Lounge. Bei einem Aperitif lasse ich den Tag ausklingen. Die Lounge bietet einen freien Blick nach draußen, während drinnen leise Klaviermusik den Raum füllt. Gespräche drehen sich um Vorträge, um das Bordleben und um die Erwartungen an die kommenden Tage. Die Stimmung ist gelöst, der Seetag hat seinen Rhythmus gefunden.
Das Abendessen verbringe ich im Restaurant. Die Atmosphäre ist ruhig, fast familiär. Nach dem Essen gehe ich noch eine Weile über das beleuchtete Außendeck. Das Meer liegt dunkel und weit vor uns, nur das Geräusch der Wellen begleitet den Gang. Später schaue ich noch im HanseAtrium vorbei, wo Musik aus vergangenen Jahrzehnten den Raum erfüllt. Der Tag endet so, wie er begonnen hat: ruhig, strukturiert und ganz im Zeichen des Unterwegsseins auf dem offenen Ozean.
Ruhiger Seetag mit Blick auf Falklandinseln und Antarktis
Tag 4 – Samstag, 09. November 2024
Der Tag beginnt mit einem ausgedehnten Frühstück. Noch vor den ersten Programmpunkten nehme ich mir Zeit, aus dem Panoramafenster auf das Meer zu schauen. Die See liegt ruhig, der Himmel ist klar, das Schiff läuft gleichmäßig. Nach den vergangenen Tagen stellt sich langsam ein Bordrhythmus ein, der den Seetag nicht als Lücke, sondern als festen Bestandteil der Reise begreifbar macht.
Um 08:00 Uhr treffe ich mich auf dem Pooldeck zur morgendlichen Stretching-Einheit. Die Übungen sind ruhig angelegt und dienen vor allem dazu, den Körper zu mobilisieren. Die Bewegungen des Schiffes sind bei Windstärke 4 gut spürbar, aber nicht störend. Nach einer kurzen Pause folgt um 09:00 Uhr ein Thera-Band-Training. Hier liegt der Fokus stärker auf Kräftigung und Balance. Gerade auf See wird deutlich, wie wichtig Körperspannung und Stabilität im Alltag an Bord sind.
Im Anschluss öffnet die Ocean Academy für Fragen und kurze Gespräche. Viele Gäste nutzen die Gelegenheit, sich noch einmal gezielt zu informieren. Um 11:00 Uhr beginnt eine zentrale Einweisung für die kommenden Tage: die Einführung in die IAATO-Regeln sowie die Abläufe der Zodiac-Fahrten für die Falklandinseln, Südgeorgien und die Antarktis. Als Teil einer IAATO-konformen Expedition gelten strenge Vorgaben im Umgang mit der sensiblen Umwelt.
Die Expeditionsleiterin erläutert ausführlich die Prinzipien der Biosicherheit. Es geht um Verhaltensregeln an Land, Abstände zu Tieren, den Umgang mit Ausrüstung und Kleidung. Besonders eindrücklich ist die Konsequenz, mit der diese Regeln umgesetzt werden müssen. Jede Anlandung erfordert Disziplin und Aufmerksamkeit. Ergänzend werden Hinweise zur aktuellen Situation rund um das Vogelgrippevirus gegeben. Auch die praktischen Abläufe kommen nicht zu kurz. Der Staff Captain erklärt detailliert, wie das sichere Ein- und Aussteigen in die Zodiacs erfolgt. Diese Kombination aus Theorie und Praxis macht deutlich, dass die Expedition nicht improvisiert, sondern klar strukturiert ist.
Am Nachmittag, um 14:30 Uhr, folgt eine weitere Informationsveranstaltung zur Biosicherheit. Nun geht es noch einmal ins Detail. Kleidung, Taschen, Rucksäcke und Schuhe müssen vor jeder Anlandung gründlich gereinigt werden. Jeder Klettverschluss, jede Naht und jede Sohle wird kontrolliert. Der Aufwand ist beträchtlich, wirkt aber nachvollziehbar. Ziel ist es, keinerlei fremde Samen, Erde oder Organismen in diese empfindlichen Regionen einzubringen. Diese Maßnahmen sind Voraussetzung dafür, dass die Tier- und Pflanzenwelt auch in Zukunft geschützt bleibt.
Gegen 18:00 Uhr stellt das Expeditionsteam die bevorstehenden Ziele auf den Falklandinseln vor. New Island, Westpoint Island und Stanley werden einzeln erläutert. Dabei geht es nicht um Versprechen, sondern um Rahmenbedingungen. Welche Tierarten dort vorkommen können, wie die Landschaft geprägt ist und welche Besonderheiten zu beachten sind. Die Vorschau hilft dabei, die kommenden Tage einzuordnen und Erwartungen realistisch zu halten.
Der Tag endet ohne großes Abendprogramm. Gespräche drehen sich um die vielen Informationen, die wir erhalten haben, und um die bevorstehenden Anlandungen. Der heutige Seetag ist geprägt von Vorbereitung. Er macht deutlich, dass eine Expeditionsreise nicht nur aus Erlebnissen besteht, sondern aus Regeln, Abläufen und Verantwortung. Mit jeder Seemeile rücken die Falklandinseln näher, und gleichzeitig wird klarer, welche Anforderungen diese Reise an jeden Einzelnen stellt.
New Island und Westpoint Island – Falklandinseln
Tag 5 – Sonntag, 10. November 2024
Gegen 7:00 Uhr am Morgen erreichen wir New Island, eine der westlichsten Inseln des Falkland-Archipels. Das Schiff geht vor Anker, und kurze Zeit später beginnen die Vorbereitungen für die erste Anlandung. Die Zodiaks werden zu Wasser gelassen, und mit dem ersten Transfer wird deutlich, dass nun der eigentliche Expeditionscharakter dieser Reise beginnt.
Schon bei der Anfahrt an Land fällt der kleine Strand ins Auge, ebenso ein altes Schiffswrack, das direkt in der Bucht liegt. Es handelt sich um ein Schiff aus dem Zweiten Weltkrieg, das ursprünglich als Minensucher gebaut wurde und später im Robben- und Walfang eingesetzt war, bevor es vor New Island strandete. Das Wrack ist heute Teil der Landschaft und erinnert an die lange Nutzungsgeschichte dieser abgelegenen Region.
New Island wird ausschließlich für Forschungszwecke genutzt und ist frei von eingeschleppten Tieren. Diese strikte Kontrolle macht die Insel zu einem Rückzugsort für zahlreiche Vogelarten. Schon beim Betreten des Strandes wird klar, dass hier ein sensibles Gleichgewicht herrscht. Pinguine, Albatrosse und Kormorane brüten ungestört, die Wege sind klar markiert, und jede Bewegung erfolgt mit Bedacht.
Unweit der Anlandestelle steht ein Steinhaus, das an eine außergewöhnliche Episode aus dem 18. Jahrhundert erinnert. Vier Seemänner und ein Hund überlebten hier zwei Jahre lang unter extremen Bedingungen. In einem kleinen Museum erfahre ich mehr über diese Geschichte sowie über den Walfang, der die Falklandinseln über lange Zeit geprägt hat. Auf der gegenüberliegenden Seite der Insel befand sich einst die einzige Walfangstation von New Island. Heute sind davon nur noch Überreste zu sehen. In der Bucht, in der wir gelandet sind, wurden früher vor allem Robben und Pinguine gejagt, um ihr Fett zu Tran zu verarbeiten.
Trotz eines kleinen Flugplatzes ist die Versorgung der Insel stark eingeschränkt. Die Landebahn wird nur selten genutzt, da Wind und Wetter Landungen schwierig machen. Dennoch wird deutlich, mit welchem Stolz die wenigen Landungen hier durchgeführt werden. New Island wirkt abgeschieden, ruhig und vollständig von der Natur bestimmt.
Der Weg über die Insel führt uns schließlich zu einer Brutkolonie, die sich als das eigentliche Highlight des Vormittags erweist. Auf einem windigen Pfad erreichen wir eine Stelle, an der Albatrosse, Kormorane und Pinguine Seite an Seite brüten. Der Anblick ist überwältigend. Die großen Vögel kämpfen sichtbar mit Start und Landung, während die Pinguine erstaunlich geschickt die steilen Hänge erklimmen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie mühsam und zugleich präzise diese Tiere ihre Brutplätze erreichen.
In der Kolonie herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Albatrosse kehren vom Meer zurück und versuchen, zwischen Felsen und Nestern zu landen. Pinguine bewegen sich zielstrebig zwischen den Brutplätzen. Auch Blauaugenkormorane sitzen dicht an dicht auf ihren Nestern. Ihre auffälligen Augen sind aus der Nähe gut zu erkennen. Beim Landen wirken sie oft unbeholfen, fast chaotisch, was für einige amüsante Momente sorgt. Gleichzeitig wird deutlich, wie perfekt diese Tiere an ihre Umgebung angepasst sind.
Am frühen Nachmittag verlassen wir New Island. Das Wetter bleibt heiter, der Wind nimmt etwas zu. Gegen 14:00 Uhr nähern wir uns Westpoint Island. Bereits während der Anfahrt halte ich mich auf dem Außendeck auf. Rund um das Schiff fliegen zahlreiche Seevögel, darunter erneut Schwarzbrauenalbatrosse, Kormorane und Sturmvögel. Ihre Flugmanöver wirken mühelos, selbst bei zunehmendem Wind.
Westpoint Island liegt am nordwestlichsten Ende der westlichen Falklandinseln. Die Insel ist etwa 15 Quadratkilometer groß und wird von steilen Klippen dominiert. Besonders markant ist der Devil’s Nose, die mit rund 350 Metern höchste Klippe der Falklandinseln. Dahinter sind Cliff Mountain und Mount Misery zu erkennen, die höchsten Erhebungen der Insel.
In der geschützten Bucht, in der wir ankern wollen, macht uns der Wind zunächst Schwierigkeiten. Die See ist unruhig, und das Manövrieren der Zodiaks erfordert mehrere Anläufe. Es wirkt kurzzeitig chaotisch, doch schließlich hält der Anker, das Schiff liegt stabil, und die Zodiak-Operation kann beginnen. Nach Farbgruppen aufgerufen, begeben wir uns in den Gummistiefelraum und von dort an die Ausstiegsplattform.
An Land werden wir vom Expeditionsteam empfangen. In kleinen Gruppen machen wir uns auf den Weg über die Insel. In der Bucht befindet sich ein kleines Settlement, in dem Thies und seine Frau Kiki leben. Sie bewirtschaften im Auftrag des Eigentümers die gesamte Insel und kümmern sich um das Land und die Tiere. Von hier aus führt ein mit Flaggen markierter Weg zur Albatros- und Pinguinkolonie auf der anderen Seite des Hügels.
Der Weg ist anspruchsvoll. Zunächst geht es steil bergauf in Richtung eines Windrades, dann über mehrere Schafgatter hinweg. Die Strecke misst rund 2,5 Kilometer, fühlt sich bei Sonnenschein, Wind und Steigung jedoch deutlich länger an. Viele von uns sind zu warm angezogen, was den Aufstieg zusätzlich anstrengend macht.
In der Kolonie angekommen, macht sich der typische Geruch von Guano bemerkbar, noch bevor die Tiere selbst sichtbar werden. Das Tussockgras ist hoch, fast undurchdringlich. Erst beim Betreten des Grasdschungels öffnen sich kleine Pfade, die direkt zu den Nestern führen. Zwischen Erdhügeln und Gras sitzen Felsenpinguine auf ihren Eiern. Albatrosse gleiten so dicht über unsere Köpfe hinweg, dass man instinktiv den Kopf einzieht.
Das Starten und Landen fällt den Albatrossen sichtbar schwer. Ihre Stärke liegt nicht im Muskel-Flug, sondern im Gleiten. Über dem Meer können sie stundenlang mit minimalem Kraftaufwand fliegen, doch am Boden wirken sie oft unbeholfen. Kein Wunder, dass ihre Brutplätze immer an exponierten Stellen liegen, von denen aus sie direkt in den Wind starten können. Ebenso beeindruckend ist die Kletterfähigkeit der Felsenpinguine. Es bleibt kaum vorstellbar, wie sie diese Höhen überwinden, bis man es selbst beobachtet.
Schließlich heißt es Abschied nehmen. Der Rückweg führt uns wieder hinunter zur Anlandestelle. Dort werden wir mit Kaffee und Keksen empfangen. Die Teatime bei Kiki und Thies bildet einen ruhigen Abschluss dieses intensiven Tages. Zwei Anlandungen, zwei sehr unterschiedliche Inseln und eine Fülle an Eindrücken machen diesen Tag zu einem der prägendsten der bisherigen Reise.
Stanley – Falklandinseln
Tag 6 – Montag, 11. November 2024
Am frühen Morgen, gegen 08:00 Uhr, liegt die HANSEATIC nature im äußeren Hafen von Stanley vor Anker. Die Einfahrt verläuft ruhig, auch wenn auf der Brücke zuvor konzentriert gearbeitet wird. Die Bedingungen sind anspruchsvoller als an den Tagen zuvor, doch alles läuft reibungslos. Für den heutigen Landgang nutzen wir erstmals und zugleich letztmalig auf dieser Reise die Tenderboote. Diese pendeln in unregelmäßigen Abständen zwischen Schiff und der Public Jetty im Zentrum von Stanley.
Bereits beim Anlegen fällt auf, dass die Pier von Mähnenrobben und südamerikanischen Seelöwen besetzt ist. Die Tiere liegen vor allem am äußeren Ende der Mole, sodass das Passieren problemlos möglich bleibt. Die Nähe zwischen Stadt, Hafenbetrieb und Tierwelt ist hier unmittelbar spürbar und wirkt völlig selbstverständlich.
Nach dem Anlanden besuche ich zunächst das Besucherzentrum am Hafen. Dort verschaffe ich mir einen Überblick über die Umgebung und die Möglichkeiten des Tages. Anschließend mache ich mich zu Fuß auf den Weg in Richtung Gypsy Cove. Der Weg führt zunächst an einem Friedhof vorbei, der einen stillen Einblick in die Geschichte der Falklandinseln gibt. Kurz darauf komme ich am Wrack der Lady Elisabeth vorbei, einem großen Segelschiff aus dem 19. Jahrhundert, das seit Jahrzehnten schräg im Wasser liegt und deutlich von Wind, Wetter und Zeit gezeichnet ist.
Die Wanderung führt weiter hinaus auf eine kleine Halbinsel. Hier teilt sich die Gruppe. Einige Gäste biegen direkt nach Gypsy Cove ab, andere setzen den Weg bis zum Engineer Point fort. Ich entscheide mich für den längeren Weg. Von dort bietet sich ein weiter Blick über die Küste und das Meer. Mit etwas Geduld lassen sich hier auch Magellanpinguine beobachten, die in diesem Gebiet leben.
Währenddessen treffen später ankommende Gäste an der Pier ein und beginnen ihre Erkundung der Stadt Stanley. Die Hauptstadt der Falklandinseln ist überschaubar, aber reich an Geschichte. Beim Rundgang stoße ich auf die Jubilee Villas aus dem Jahr 1887, deren viktorianische Architektur bis heute gut erhalten ist. Auch die Christ Church Cathedral von 1892 fällt sofort ins Auge, nicht zuletzt wegen des markanten Walknochenbogens vor dem Gebäude.
Ich gehe weiter zum Whalebone Arch, einem Symbol für die lange Walfangtradition der Inseln, und schaue im West Store vorbei, einem der bekanntesten Geschäfte der Stadt. Die St. Mary’s Church, das Philatelic Bureau und das Museum liegen ebenfalls auf dem Weg. Das Museum bietet einen kompakten, aber eindrucksvollen Überblick über die Geschichte, das Leben und die Tierwelt der Falklandinseln. Besonders präsent ist die Erinnerung an die Zeit des Walfangs sowie an die Seeschlachten des Ersten Weltkriegs, die in dieser Region stattfanden.
Auch das War Memorial und die Denkmäler für die Seeschlachten von 1914 sind Teil des Rundgangs. Das Government House mit seiner eleganten Fassade vermittelt einen Eindruck der kolonialen Vergangenheit. Auf dem Rückweg schlendere ich durch die ruhigen Straßen oberhalb der Ross Road. Alternativ hätte sich auch ein Besuch in einem der Pubs angeboten, etwa in der Victory Bar, wo einige Gäste bei einem Getränk pausieren und den Vormittag ausklingen lassen.
Im Museum höre ich später noch einem Vortrag über die Tierwelt, die Geschichte und das heutige Leben in Stanley zu. Dabei wird deutlich, welche Rolle die Inseln als Walfanghafen spielten und wie sehr historische Ereignisse bis heute nachwirken. Parallel besteht die Möglichkeit zu einer privaten Geländewagenrundfahrt über die Insel, doch die meisten Gäste entscheiden sich für den Shuttlebus nach Gypsy Cove.
Am Nachmittag fahre auch ich nach Gypsy Cove. Die Bucht ist bekannt für ihren weißen Quarzsandstrand und die geschützte Lage. Die Landschaft wirkt offen und weit. Ich gehe durch die Dünen und halte Ausschau nach Magellanpinguinen. Die Brutsaison hat gerade erst begonnen, sodass nur vereinzelt Tiere in ihren Bruthöhlen zu sehen sind. Dennoch ist die Nähe zu den Pinguinen eindrucksvoll. Sonne und Wolken wechseln sich ab, die Luft ist klar, und der Spaziergang entlang des Strandes bildet einen ruhigen Kontrast zum Vormittag in der Stadt.
Am Abend kehren wir zum Schiff zurück. Die See liegt ruhig, der Wind ist mild. Die HANSEATIC nature gleitet sanft über das Wasser, die Wellen sind niedrig, das Geräusch der See gleichmäßig. Es kündigen sich zwei weitere Seetage an, auf denen wir Kurs auf Südgeorgien nehmen werden. Beim Abendessen lasse ich den Tag Revue passieren. Die Mischung aus Stadt, Geschichte, Natur und Tierbeobachtungen macht Stanley zu einem besonderen Zwischenstopp auf dieser Reise.
Seetag Richtung Südgeorgien
Tag 7 – Dienstag, 12. November 2024
Der Seetag beginnt aktiv. Um 08:00 Uhr treffe ich mich im Fitnessbereich zu einer Sporteinheit mit Aniko. Das Training ist intensiv und darauf ausgelegt, den Kreislauf in Schwung zu bringen. Direkt im Anschluss folgt ein gezieltes Bauchmuskeltraining. Schon während der Übungen wird klar, dass sich dieser Programmpunkt am nächsten Tag bemerkbar machen wird. Der Morgen ist geprägt von Bewegung und einem klaren Wachwerden nach den ereignisreichen Tagen auf den Falklandinseln.
Nach dem Frühstück gehe ich ins HanseAtrium. Dort beginnt ein Vortrag über Wale in der Antarktis. Der Referent vermittelt fundierte Einblicke in die verschiedenen Arten, ihre Wanderungen und ihr Verhalten in den kalten Gewässern des Südpolarmeeres. Die Größe und Anpassungsfähigkeit dieser Tiere wirken beeindruckend, besonders im Kontext der Regionen, in die wir unterwegs sind. Im Anschluss gibt es weitere Informationen rund um die Ocean Academy und ihre Angebote, die sich inzwischen als fester Bestandteil des Bordalltags etabliert haben.
Am Vormittag folgt ein weiterer Vortrag, diesmal über Pinguine. Dabei geht es um die unterschiedlichen Arten, ihre Lebensräume und ihr Verhalten. Viele Details sind neu, etwa wie stark sich die einzelnen Arten in Größe, Brutverhalten und Nahrungssuche unterscheiden. Im Laufe der Reise werden wir insgesamt sieben verschiedene Pinguinarten sehen. Zu diesem Zeitpunkt ist das noch eine Aussicht, die neugierig macht und die kommenden Tage gedanklich vorbereitet.
Nach dem Mittagessen verbringe ich Zeit an der frischen Luft. Auf dem Nature Walk findet ein Workshop statt, der dazu einlädt, die Umgebung bewusst wahrzunehmen. Unter dem Titel „Mit allen Sinnen genießen“ geht es weniger um Fakten als um Beobachtung. Wind, Licht, Geräusche und Bewegung des Meeres stehen im Vordergrund. Dieser Programmpunkt bildet einen ruhigen Gegenpol zu den Vorträgen und macht den Seetag auf eine andere Weise erlebbar.
Am Nachmittag folgt ein Vortrag über die historischen Expeditionen von Amundsen und Scott. Die Erzählungen zeichnen ein eindrückliches Bild der frühen Polarforschung. Es geht um Ausrüstung, Entscheidungen und die extremen Bedingungen, unter denen diese Expeditionen stattfanden. Die Schilderungen machen deutlich, wie grundlegend anders das Reisen in diese Regionen noch vor gut hundert Jahren war und wie sehr sich heutige Expeditionen auf diesen Erfahrungen aufbauen.
Im Anschluss nehme ich an einer Pilates-Einheit im Fitnessraum teil. Nach den intensiveren Trainingseinheiten am Morgen liegt der Fokus nun stärker auf kontrollierten Bewegungen und Stabilität. Auch dieser Programmpunkt fügt sich nahtlos in den strukturierten Tagesablauf ein, der Bewegung, Wissen und Erholung miteinander verbindet.
Am frühen Abend findet ein Recap zu den Falklandinseln statt. Die Experten fassen die wichtigsten Inhalte der vergangenen Tage zusammen. Die Themen reichen von Landschaft und Geologie bis hin zu Tierbeobachtungen, insbesondere den Magellanpinguinen und den Besonderheiten der Strände mit ihrem hellen Quarzsand. Dieser Rückblick hilft dabei, die vielen Eindrücke noch einmal zu ordnen, bevor der nächste Abschnitt der Reise beginnt.
Später werden die Clubmitglieder zu einem Cocktail in der Ocean Academy eingeladen. Parallel dazu ziehe ich mich in eine ruhigere Ecke zurück, bevor der Abend mit einer Gesprächsrunde ausklingt. In entspannter Atmosphäre berichten der Kapitän und der General Expedition Manager aus ihrem Berufsalltag und von ihren Erfahrungen in der Antarktis. Die Gespräche sind persönlich gehalten und geben Einblicke in die Perspektive derjenigen, die diese Routen regelmäßig befahren.
Der Tag endet ruhig. Draußen zieht der Südatlantik gleichmäßig vorbei, die Temperaturen sind spürbar gesunken, und die Distanz zu Südgeorgien wird mit jeder Seemeile kleiner. Dieser Seetag dient weniger der Erholung als der Vorbereitung. Inhaltlich, körperlich und gedanklich richtet sich der Blick nun klar auf das nächste große Ziel der Reise.
Seevögel und erste Buckelwale vor Südgeorgien
Tag 8 – Mittwoch, 13. November 2024
Die Nacht ist unruhig verlaufen. Das Schiff arbeitet deutlich in der See, die Bewegungen sind spürbar und begleiten den Schlaf. Am Morgen gehe ich den Tag zunächst ruhig an. Beim Frühstück blicke ich hinaus auf das offene Meer, während zahlreiche Seevögel das Schiff begleiten. Trotz der Bewegung liegt eine gelassene Stimmung an Bord, als hätte sich jeder inzwischen an den Rhythmus der See angepasst.
Um 08:00 Uhr beginnt der Tag für viele mit Bewegung. Auf dem Pooldeck leite Aniko eine dynamische Einheit mit Sonnengruß an. Die Übungen bringen Kreislauf und Muskulatur in Schwung. Eine Stunde später folgt eine Rückenübungseinheit, die gezielt kräftigt und nach der bewegten Nacht spürbar gut tut. Der Vormittag ist geprägt von Aktivität, ohne Hektik.
Gegen 10:30 Uhr ertönt der Generalalarm. Für die Besatzung steht eine umfassende Sicherheitsübung an. Ich beobachte die Abläufe aus einiger Entfernung. Die Koordination wirkt routiniert, jeder Handgriff sitzt. Die Übung zeigt eindrucksvoll, wie klar die Zuständigkeiten geregelt sind und wie professionell das Team auf mögliche Notfälle vorbereitet ist. Für mich ist dieser Programmpunkt ein weiteres Zeichen dafür, wie ernst Sicherheit auf dieser Reise genommen wird.
Kurz nach der Übung richtet sich die Aufmerksamkeit nach draußen. In der Ferne tauchen die Shag Rocks auf, die sogenannten Kormoranfelsen. Schon von weitem sind sie gut zu erkennen, weiß gefärbt vom Guano der unzähligen Seevögel. Rund um das Schiff fliegen Riesensturmvögel, Belcher-Sturmvögel, Schneesturmvögel und Schwarzbrauenalbatrosse. Die Luft ist erfüllt von Bewegung, und der typische Geruch der Brutkolonien liegt in der Luft.
Plötzlich nähern sich drei Buckelwale dem Schiff. Sie tauchen direkt vor dem Bug auf, gleiten ruhig durch die Wellen und verschwinden wieder unter der Oberfläche. Diese Begegnung ist einer jener Momente, die sich nicht planen lassen. Die Tiere wirken entspannt, beinahe neugierig, und begleiten uns für kurze Zeit. Das Zusammenspiel aus Felsen, Vögeln und Walen erzeugt ein Bild, das sich tief einprägt.
Nach dieser Beobachtung ändern wir den Kurs endgültig in Richtung Südgeorgien. Die Ankunft ist für den nächsten Morgen geplant. Die Vorfreude ist deutlich spürbar. Gespräche drehen sich nun fast ausschließlich um das, was uns dort erwartet. Nach dem Mittagessen folgt eine weitere Biosecurity-Kontrolle. Kleidung und Ausrüstung werden erneut überprüft, um sicherzustellen, dass keinerlei unerwünschte Organismen an Land gelangen. Diese wiederholten Kontrollen sind inzwischen selbstverständlich geworden und unterstreichen den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur.
Am Nachmittag besuche ich einen Vortrag über Robben. Dabei geht es um ihre Lebensweise, ihre Anpassungen an das Leben im Wasser und die Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen. Die Einordnung hilft, die Tiere, denen wir in Südgeorgien begegnen werden, besser zu verstehen. Viele der Informationen lassen sich bereits mit den Beobachtungen der vergangenen Tage verbinden.
Der Abend verläuft ruhig. Der Wellengang hat nachgelassen, das Schiff liegt stabiler im Wasser. Beim Abendessen stehen frische Meeresfrüchte im Mittelpunkt, begleitet von einer entspannten Atmosphäre. Später findet eine kleine Modenschau statt, bei der Mitglieder der Besatzung Kleidungsstücke aus der Bordboutique präsentieren. Der Programmpunkt wirkt ungezwungen und sorgt für ein paar leichte Momente zum Tagesausklang.
Der Tag endet mit dem Blick hinaus in die Abenddämmerung. Südgeorgien liegt nun in greifbarer Nähe. Nach Tagen auf See, intensiven Vorträgen und ersten Tierbegegnungen richtet sich der Fokus klar auf das nächste große Etappenziel dieser Reise.
Fortuna Bay und Grytviken – Südgeorgien
Tag 9 – Donnerstag, 14. November 2024
Gegen 06:00 Uhr erreichen wir Fortuna Bay. Schon bei der Annäherung wird deutlich, warum dieser Ort zu den eindrucksvollsten Anlandestellen Südgeorgiens zählt. Die Bucht öffnet sich weit, dahinter steigen grüne Hänge an, die in schneebedeckte Gipfel übergehen. Nach dem Anlanden beginne ich eine rund drei Kilometer lange Wanderung über eine saftig grüne Wiese, die von kleinen, moorigen Tümpeln durchzogen ist. In diesen Mulden liegen immer wieder Seelefanten, träge und kaum gestört von unserer Anwesenheit.
Das Ziel der Wanderung ist eine Kolonie von Königspinguinen. Mit etwa 5.000 Brutpaaren gehört sie nicht zu den größten auf Südgeorgien, doch ihre Lage ist außergewöhnlich. Im Hintergrund dominiert der Bertrab-Gletscher, darüber ragen die Gipfel der Allardyce-Range auf, teils über 2.000 Meter hoch. Bei fast wolkenlosem Himmel entsteht ein Kontrast aus Grün, Weiß und Grau, der sich nur schwer in Worte fassen lässt. Zwischen den adulten Pinguinen stehen zahlreiche braun gefiederte Jungtiere aus dem Vorjahr, die sogenannten Kaffeewärmer. Sie wirken auf den ersten Blick größer als ihre Eltern und fallen durch ihr dichtes Daunengefieder auf.
Während ich die Kolonie beobachte, werden auch die unterschiedlichen Phasen des Brutgeschehens sichtbar. Einige Pinguine balzen, andere verteidigen ihre Partner mit kräftigen Flossenhieben. Wieder andere stehen regungslos und balancieren ihr Ei auf den Füßen, geschützt unter einer Hautfalte des Unterbauchs. Etwa alle zwanzig Minuten wird das Ei kurz angehoben, um es zu belüften. Aus der Distanz lässt sich dieses Verhalten gut erkennen, auch wenn wir den vorgeschriebenen Abstand zur Kolonie konsequent einhalten, um keine Unruhe zu verursachen.
Die Wanderung durch Fortuna Bay ist mehr als eine Tierbeobachtung. Sie vermittelt ein unmittelbares Gefühl für die Dimensionen und die Abgeschiedenheit Südgeorgiens. Die Kombination aus Landschaft, Tierwelt und Stille macht diesen Ort besonders. Nach einiger Zeit fällt der Abschied schwer, doch die Rückkehr zum Schiff steht an, denn über Mittag nehmen wir Kurs auf Grytviken.
Gegen 14:00 Uhr erreichen wir die ehemalige Walfangstation. Bevor wir an Land dürfen, kommen zunächst die zuständigen Behörden an Bord. Pässe und Schiff werden kontrolliert, anschließend folgt eine erneute, sehr gründliche Biosecurity-Kontrolle. Kleidung, Rucksäcke, Gummistiefel und jede noch so kleine Tasche werden überprüft. Teilweise kommen Pinzette und Lupe zum Einsatz, um auch kleinste Pflanzenreste zu entfernen. Erst nach Abschluss dieser Prozedur beginnt die Ausbootung.
Schon während der Zodiacfahrt ist Grytviken deutlich wahrnehmbar. Der typische Geruch der ehemaligen Walfangstation liegt in der Luft. Wir landen neben einem verrosteten Wrack aus der Zeit des industriellen Walfangs und betreten das Gelände der Station. Die Gebäude sind gut erhalten und vermitteln einen direkten Eindruck davon, wie hier einst gearbeitet wurde. Nach einer kurzen Orientierung beginne ich eine Wanderung auf den angrenzenden Hügel. Der Aufstieg ist steil, doch der Blick von oben lohnt sich. Von hier aus überblicke ich das gesamte Areal von Grytviken, die Bucht und auf der anderen Seite des Höhenzugs auch Maiviken.
Im Museum nehme ich an einer Führung teil, die sich intensiv mit der Geschichte des Walfangs beschäftigt. Die Zahlen sind erschütternd. In Spitzenzeiten wurden hier bis zu 25 Finnwale pro Tag verarbeitet. Werkzeuge wie die große Knochensäge, die im Museum ausgestellt ist, verdeutlichen die industrielle Effizienz dieser Station. Knochenmehl, Tran und Fleisch wurden systematisch verwertet. Die Geschichte von Grytviken zeigt eindrücklich, welche Auswirkungen menschliche Ausbeutung auf die Natur hatte. Heute wirkt der Ort wie ein Mahnmal, eingebettet in eine Landschaft, die sich die Natur Stück für Stück zurückerobert.
Nach dem Museumsbesuch gehe ich zur kleinen Kirche von Grytviken. Im Inneren steht ein Harmonium, das Sir Ernest Shackleton vermutlich selbst gespielt hat. Wir hören ein kurzes Konzert, das dem Raum eine besondere Stimmung verleiht. Wenig später stehe ich am Grab von Shackleton, das sich auf dem kleinen Friedhof der Station befindet. Hier halte ich inne. Shackleton erreichte Grytviken nach seiner legendären Rettungsfahrt, die ihm und seiner Mannschaft das Überleben sicherte. Sein Grab ist schlicht, aber symbolisch stark. Es erinnert an Entschlossenheit, Verantwortung und Führungsstärke unter extremen Bedingungen.
Der Besuch in Grytviken verbindet Natur, Geschichte und persönliche Reflexion auf eine besondere Weise. Am Ende des Tages bleibt der Eindruck eines Ortes, der sowohl für die glorreichen als auch für die dunklen Kapitel der Polargeschichte steht. Fortuna Bay und Grytviken zeigen zwei sehr unterschiedliche Seiten Südgeorgiens, die sich an diesem Tag zu einem der eindrucksvollsten Erlebnisse der bisherigen Reise verbinden.
Gold Harbour und Cooper Bay – Südgeorgien
Tag 10 – Freitag, 15. November 2024
Am Morgen liegt die HANSEATIC nature vor Anker in Gold Harbour. Die Bedingungen könnten kaum besser sein. Die Sonne scheint, der Wind ist schwach, und die Bucht liegt ruhig vor uns. Schon vom Schiff aus eröffnet sich der Blick auf den Bertrab-Gletscher, der sich im Hintergrund über die Landschaft erhebt und die Szenerie dominiert. Mit dem Anlanden beginnt einer jener Tage, an denen sich Südgeorgien in seiner ganzen Intensität zeigt.
Ich gehe an Land und folge der Küstenlinie in Richtung Strand. Vor mir öffnet sich ein Bild, das in seiner Dichte kaum zu erfassen ist. Tausende Königspinguine verteilen sich über den gesamten Strandbereich. Sie stehen dicht gedrängt, bewegen sich in breiten Strömen zwischen Wasser und Kolonie oder verharren regungslos neben ihren Jungtieren. Die Geräuschkulisse ist allgegenwärtig, ohne chaotisch zu wirken. Rufe, Bewegungen und das stetige Kommen und Gehen prägen den Ort.
Je weiter ich den Strand entlanggehe, desto deutlicher wird die Dimension dieser Kolonie. Zwischen den Königspinguinen tauchen immer wieder Eselspinguine auf. Sie bewegen sich schneller, wirken geschäftiger und kontrastieren mit der ruhigen Präsenz der größeren Königspinguine. Am Ende des Strandes liegt eine Gruppe männlicher südlicher Seeelefanten. Die Tiere sind massiv, ihre Körper wirken schwer und träge. Ihre Größe ist beeindruckend. Einzelne Bullen richten sich auf, stoßen Laute aus oder markieren ihr Revier. Wir haben das seltene Glück, eine Paarung zu beobachten. Die Szene wirkt archaisch und kraftvoll und macht deutlich, wie unmittelbar hier Natur erlebt werden kann.
Der Bertrab-Gletscher bildet während des gesamten Landgangs eine ständige Kulisse. Seine Eisflächen ziehen sich über die Berghänge und reichen bis tief ins Tal. Der Gletscher ist nicht nur landschaftlich prägend, sondern auch ein sichtbarer Hinweis auf die klimatischen Prozesse, die Südgeorgien formen. Die Kombination aus Eis, grünen Flächen und Tierwelt verleiht Gold Harbour eine besondere Tiefe.
Nach einiger Zeit kehre ich zum Schiff zurück. Über Mittag setzen wir die Reise fort und nehmen Kurs auf Cooper Bay. Dort gehen wir nicht an Land, sondern erkunden die Küste mit den Zodiaks. Schon bei der Annäherung wird deutlich, dass sich die Tierwelt hier unterscheidet. Die felsigen Küsten sind dicht besiedelt.
Während der Zodiacfahrt gleiten wir langsam entlang der Uferlinie. In den Felsen sitzen zahlreiche Macaroni-Pinguine. Ihre gelben Kopffedern sind schon aus der Entfernung gut zu erkennen. Sie bewegen sich in großen Gruppen, rufen laut und wirken deutlich lebhafter als die Pinguine in Gold Harbour. Dazwischen tauchen immer wieder Eselspinguine und vereinzelt Zügelpinguine auf. Die Vielfalt der Arten ist beeindruckend, ebenso ihre Anpassung an die steilen, unzugänglichen Küstenabschnitte.
Zwischen den Pinguinkolonien liegen Pelzrobben und Seeelefanten. Einige ruhen regungslos, andere heben kurz den Kopf, wenn wir vorbeifahren. Die Nähe vom Wasser aus ermöglicht einen anderen Blickwinkel als an Land. Die Tiere wirken weniger scheu, die Beobachtung erfolgt ruhig und ohne Störung. Die Zodiacfahrt erlaubt es, Buchten und Felsformationen zu erreichen, die zu Fuß nicht zugänglich wären.
Am späten Nachmittag kehren wir zum Schiff zurück. Die Sonne steht noch hoch, das Licht ist weich. Auf dem Pooldeck sammle ich mich mit anderen Gästen und lasse den Tag Revue passieren. Gold Harbour und Cooper Bay haben zwei sehr unterschiedliche Seiten Südgeorgiens gezeigt. Die Weite und Monumentalität einer großen Kolonie am Strand und die lebendige Dichte an einer felsigen Küste.
Am Abend kündigt der Kapitän über die Lautsprecheranlage eine unruhige Nacht an. Die Wetterprognose spricht von zunehmendem Wind und Wellenhöhen bis zu fünf Metern. Während die Sonne langsam hinter den Bergen verschwindet, verändert sich die Stimmung. Der heutige Tag war intensiv, voller Eindrücke und Begegnungen. Mit dem Wissen um die bevorstehende Nacht zieht sich langsam Ruhe an Bord ein.
Seetag Richtung antarktische Halbinsel
Tag 11 – Samstag, 16. November 2024
Die Nacht ist geprägt von starkem Seegang. Das Schiff arbeitet deutlich in der See, hohe Wellen lassen kaum längere Ruhephasen zu. Am Morgen ist sofort spürbar, dass wir uns nun endgültig im Einflussbereich des Südpolarmeeres befinden. Der Tag beginnt ruhig, jeder bewegt sich vorsichtig durch die Gänge, passt sich dem Rhythmus des Schiffes an und richtet sich auf einen anspruchsvollen Seetag ein.
Um 08:00 Uhr treffe ich mich im Sports Club zum „Functional Mobility“-Training. Die Einheit wird von Aniko geleitet und ist trotz – oder gerade wegen – der Bedingungen fordernd. Das Schiff rollt und stampft, jede Bewegung erfordert zusätzliche Konzentration. Balance und Körperspannung sind heute wichtiger als Kraft. Dennoch gelingt es, die Muskulatur zu aktivieren und den Kreislauf in Schwung zu bringen.
Direkt im Anschluss folgt um 09:00 Uhr ein weiteres Workout, das sogenannte „Booty Workout“, ebenfalls auf demselben Deck. Auch diese Einheit wird durch den Seegang deutlich anspruchsvoller. Übungen, die an Land routiniert wären, verlangen hier volle Aufmerksamkeit. Der Vormittag ist körperlich fordernd, vermittelt aber gleichzeitig ein Gefühl von Aktivität und Kontrolle in einer Umgebung, die sich nicht kontrollieren lässt.
Um 10:00 Uhr begebe ich mich ins HanseAtrium. Dort findet ein Vortrag über Südgeorgien statt, der sich mit der Geologie dieser abgelegenen Insel befasst. Die Präsentation ordnet die Landschaften, die wir in den vergangenen Tagen erlebt haben, geologisch ein und erklärt, warum Südgeorgien mit seinen schroffen Gebirgszügen eine Sonderstellung einnimmt. Die Inhalte helfen dabei, die Eindrücke von Gold Harbour, Cooper Bay und den Gletschern noch besser zu verstehen.
Um 11:30 Uhr folgt ein weiterer Expertenvortrag, der sich mit der antarktischen Nahrungskette beschäftigt. Es geht um die komplexen Beziehungen zwischen Krill, Fischen, Vögeln, Robben und Walen. Die Zusammenhänge sind eng, und kleine Veränderungen können große Auswirkungen haben. Gerade auf einer Reise, auf der man täglich Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum sieht, bekommen diese Informationen eine besondere Relevanz.
Am Nachmittag, um 15:00 Uhr, höre ich einen Vortrag über Sir Ernest Shackleton. Die Geschichte seiner Expeditionen und insbesondere seiner Rettungsfahrt wirkt unter den aktuellen Bedingungen noch eindrucksvoller. Während draußen Windgeschwindigkeiten von rund 55 Knoten herrschen und das Schiff immer wieder von den Wellen erfasst wird, wird deutlich, welchen extremen Strapazen die frühen Entdecker ausgesetzt waren – ohne den Schutz und die Technik, die heute selbstverständlich sind.
Im Laufe des Tages nimmt der Seegang weiter zu. Die HANSEATIC nature wird kräftig durchgeschüttelt. Gläser, Teller und lose Gegenstände werden gesichert, auch in den Kabinen achten alle darauf, dass nichts verrutschen kann. Die Crew arbeitet routiniert und vorausschauend. Türen werden gesichert, Hinweise gegeben, Wege angepasst. Trotz der Bedingungen bleibt der Betrieb an Bord organisiert und ruhig.
Um 16:00 Uhr gehe ich in die Ocean Academy. Dort werden Wasserproben unter dem Mikroskop betrachtet. Trotz des starken Rollens gelingt es, Einblicke in die mikroskopische Welt des antarktischen Ozeans zu gewinnen. Winzige Lebewesen werden sichtbar, die die Grundlage des gesamten Ökosystems bilden. Der Kontrast zwischen der rauen See draußen und dieser filigranen Welt im Inneren des Schiffes ist bemerkenswert.
Draußen scheinen sich vor allem die Kapsturmvögel an den Bedingungen zu erfreuen. Sie begleiten das Schiff, nutzen den starken Wind mühelos und gleiten dicht über die Wellen. Ihr ruhiger Flug steht im starken Gegensatz zur Bewegung des Schiffes und unterstreicht, wie perfekt diese Vögel an die Bedingungen angepasst sind.
Am späten Nachmittag findet ein Rückblick auf die vergangenen Tage in Südgeorgien statt. Gleichzeitig gibt der Kapitän einen Ausblick auf die kommenden Etappen Richtung antarktische Halbinsel. Wetter, Eisbedingungen und mögliche Anlandungen werden thematisiert. Es wird klar, dass ab jetzt jeder Tag noch stärker von äußeren Bedingungen bestimmt sein wird.
Den Abend verbringe ich in der Observation Lounge. Dort sorgen leise Pianoklänge für eine ruhige Atmosphäre. Alternativ gibt es im HanseAtrium Livemusik, doch ich entscheide mich für den Blick nach draußen. Die See bleibt unruhig, das Licht ist gedämpft, und das Schiff arbeitet weiter gegen Wind und Wellen an. Dieser Seetag ist kein Erholungstag. Er markiert den Übergang in eine neue Phase der Reise, in der das Ziel Antarktis nicht nur geografisch, sondern auch atmosphärisch näher rückt.
Letzte Vorbereitung auf die Antarktis
Tag 12 – Sonntag, 17. November 2024
Die Nacht verläuft erneut unruhig. Der Seegang bleibt stark, hohe Wellen lassen das Schiff kontinuierlich arbeiten. Am Morgen ist die Bewegung allgegenwärtig, und jeder Schritt durch die Gänge erfordert Aufmerksamkeit. Der Blick nach draußen zeigt eine graue, bewegte See. Wir befinden uns nun klar im Übergangsbereich zur Antarktis, und die Bedingungen machen deutlich, dass sich die Reise in eine neue Phase bewegt.
Um 08:00 Uhr treffe ich mich im Sports Club zur morgendlichen Stretching-Einheit. Die Übungen sind bewusst ruhig gehalten, doch durch das Rollen des Schiffes wird selbst einfaches Dehnen anspruchsvoll. Balance und Körperspannung stehen im Vordergrund. Direkt im Anschluss, um 09:00 Uhr, folgt eine Einheit zur Wirbelsäulengymnastik. Auch hier machen die anhaltenden Wellen jede Bewegung intensiver. Gleichzeitig wird deutlich, wie sinnvoll diese Programme auf See sind, um beweglich zu bleiben und Verspannungen entgegenzuwirken.
Ursprünglich war für den Vormittag eine weitere Biosicherheitskontrolle vorgesehen. Aufgrund der Bedingungen an Bord wird diese jedoch auf den Nachmittag verschoben. Stattdessen begebe ich mich zu einem Vortrag über die mikroskopisch kleine Welt in einem Wassertropfen. Es geht um Viren, Algen und kleinste Organismen, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind, aber eine zentrale Rolle im marinen Ökosystem spielen. Die vorgestellten Zahlen zu Menge und Vielfalt dieser Organismen wirken beinahe abstrakt und verdeutlichen, wie komplex selbst die kleinsten Bestandteile der antarktischen Nahrungskette sind.
Am Nachmittag, um 15:00 Uhr, besuche ich einen Vortrag zur Geschichte der deutschen Antarktisforschung. Dabei geht es um frühe Expeditionen, wissenschaftliche Zielsetzungen und die besonderen Herausforderungen, denen Forscher in dieser extremen Umgebung ausgesetzt waren. Die Inhalte reichen von historischen Entwicklungen bis zu modernen Forschungsansätzen. Der Vortrag ordnet die Antarktis nicht nur als Reiseziel, sondern als bedeutenden wissenschaftlichen Raum ein.
Um 15:30 Uhr wechsle ich in die Ocean Academy. Dort findet ein Mikroskopier-Workshop statt. Trotz des starken Seegangs gelingt es, Wasserproben unter dem Mikroskop zu betrachten. Winzige Krebstiere, Algen und andere Mikroorganismen werden sichtbar. Die Erläuterungen machen klar, wie eng diese Lebewesen mit dem gesamten Nahrungsnetz verbunden sind. Der direkte Blick auf diese Strukturen ergänzt die theoretischen Vorträge des Tages auf anschauliche Weise.
Gegen 16:30 Uhr findet schließlich die letzte umfassende Biosicherheitskontrolle statt. Noch einmal werden Kleidung, Schuhe, Taschen und Ausrüstung sorgfältig überprüft. Jeder Klettverschluss, jede Naht und jede Sohle wird kontrolliert. Diese Maßnahme markiert einen wichtigen Übergangspunkt. Mit Abschluss dieser Kontrolle ist klar, dass wir uns unmittelbar vor dem Eintritt in die antarktischen Schutzgebiete befinden. Die Konsequenz, mit der diese Vorgaben umgesetzt werden, unterstreicht den hohen Stellenwert des Umweltschutzes auf dieser Reise.
Am Abend ziehe ich mich in die Observation Lounge zurück. Dort sorgt leise Klaviermusik für eine ruhige Atmosphäre. Alternativ gibt es im HanseAtrium Livemusik, doch ich entscheide mich für den Blick nach draußen. Die See bleibt rau, der Himmel ist bedeckt, und das Schiff arbeitet weiterhin gegen Wind und Wellen an. Gespräche drehen sich zunehmend um die bevorstehende Ankunft an der antarktischen Halbinsel und um die Frage, welche Bedingungen uns dort erwarten werden.
Dieser Seetag ist geprägt von Vorbereitung, Wissen und Geduld. Die Kombination aus starkem Seegang, intensiven Vorträgen und den letzten organisatorischen Maßnahmen macht deutlich, dass wir uns dem eigentlichen Kern dieser Reise nähern. Die Antarktis liegt nicht mehr nur als abstraktes Ziel vor uns, sondern rückt spürbar näher.
Point Wild (Elephant Island) – Antarktis
Tag 13 – Montag, 18. November 2024
Nach den stürmischen Vortagen verläuft die Nacht deutlich ruhiger. Der Seegang ist moderat, das Schiff arbeitet zwar noch, liegt aber spürbar stabiler im Wasser. Am Morgen ist sofort klar, dass wir uns nun im eigentlichen Zielgebiet der Reise befinden. Die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt, der Himmel ist bedeckt, und die Atmosphäre wirkt rau und gleichzeitig konzentriert. Der heutige Tag ist als halber Seetag geplant, mit einem historischen Höhepunkt am Nachmittag.
Um 08:00 Uhr beginne ich den Tag im Sports Club mit einem Ganzkörperstretching. Die Einheit ist dynamisch, aber bewusst so angelegt, dass sie auch bei Bewegung des Schiffes gut durchführbar ist. Direkt im Anschluss folgt eine zusätzliche Einheit mit Fokus auf die Bauchmuskulatur. Die körperliche Aktivität hilft, den Tag wach und gesammelt zu beginnen, bevor das inhaltliche Programm startet.
Um 10:00 Uhr höre ich einen Vortrag über die Geologie der Antarktis. Es geht um die Entstehung der Gesteine, tektonische Prozesse und die lange geologische Geschichte dieses Kontinents. Die Antarktis wird dabei nicht als weiße Fläche betrachtet, sondern als komplexer, dynamischer Raum, dessen heutiges Erscheinungsbild Ergebnis von Millionen Jahren Veränderung ist. Der Vortrag liefert eine gute inhaltliche Grundlage für das, was uns landschaftlich in den kommenden Tagen erwartet.
Gegen 11:30 Uhr versammeln wir uns im HanseAtrium zu einer Besprechung der geplanten Aktivitäten. Die Expeditionsleiterin erläutert die nächsten Schritte und geht insbesondere auf die für den Nachmittag geplante Zodiacfahrt bei Elephant Island ein. Ziel ist Point Wild, ein geschichtsträchtiger Ort an der Nordküste der Insel. Die Stimmung ist gespannt, denn vielen ist die historische Bedeutung dieses Ortes bewusst.
Am Nachmittag erreichen wir Elephant Island. Point Wild liegt als schmale Landspitze vor uns, umgeben von dunklen Felsen, Schnee und Brandung. Hier strandete im April 1916 die Mannschaft der Endurance-Expedition unter der Leitung von Ernest Shackleton. Die Männer verbrachten viereinhalb Monate unter extremen Bedingungen an diesem Ort, lebten in Behausungen aus Eis und Schnee und ernährten sich von Robben und Pinguinen, während Shackleton mit wenigen Gefährten Hilfe holte.
Die geplante Zodiacfahrt muss jedoch kurzfristig abgesagt werden. Wind und Welle sind zu stark, eine sichere Ausbootung ist nicht möglich. Die Entscheidung wird klar und sachlich kommuniziert. Die Enttäuschung ist spürbar, bleibt aber begrenzt. Zu deutlich ist, dass Sicherheit in dieser Region oberste Priorität hat. Mit Ferngläsern beobachten wir Point Wild aus der Distanz. Auch aus der Entfernung ist die Büste sichtbar, die an die Rettung der gestrandeten Männer erinnert. Der Ort wirkt karg, ungeschützt und lebensfeindlich. Allein dieser Blick genügt, um die Dimension der damaligen Situation zu begreifen.
Stattdessen wird ein Alternativprogramm angeboten. Am Nachmittag gehe ich auf die Lido-Terrasse, wo eine Vogelbeobachtung stattfindet. Mit fachkundiger Begleitung werden die Vögel bestimmt, die unser Schiff umkreisen. Albatrosse und Sturmvögel nutzen den Wind mühelos und begleiten uns über längere Zeit. Die Beobachtung wirkt ruhig und konzentriert, fast meditativ.
Plötzlich entsteht Unruhe an Deck. In unmittelbarer Nähe des Schiffes tauchen Finnwale auf. Etwa zehn Tiere bewegen sich parallel zu unserem Kurs. Die Größe der Wale ist beeindruckend, ihre schlanken Körper gleiten kraftvoll durch das Wasser. Immer wieder tauchen Rücken und Finnen auf, bevor die Tiere wieder unter der Oberfläche verschwinden. Die Begegnung ist intensiv und unerwartet. Für viele an Bord wird sie zu einem der eindrücklichsten Momente der gesamten Reise.
Im Anschluss höre ich einen Vortrag über Deception Island. Die Insel wird als vulkanisch aktiver Ort vorgestellt, geprägt von einem gefluteten Krater und einer außergewöhnlichen geologischen Struktur. Der Vortrag weckt große Neugier auf die geplante Anlandung und hilft, die Besonderheiten dieses Ortes einzuordnen. Danach folgt ein Precap, in dem die kommenden Tage vorgestellt werden. Die Route, mögliche Anlandungen und Wetterfenster werden besprochen. Die Antarktis bleibt unberechenbar, doch die Vorfreude ist deutlich spürbar.
Am Abend sind alle Gäste zu einem besonderen Programmpunkt eingeladen. Im HanseAtrium richten die Offiziere selbst eine Bar ein und servieren Cocktails. Die Atmosphäre ist ungezwungen, Gespräche entstehen schnell. Es geht um das Leben an Bord, um Erfahrungen in der Antarktis und um persönliche Geschichten aus der Seefahrt. Später tritt die Crewband auf. Die Stimmung wird ausgelassen, Gäste und Besatzung stehen gemeinsam auf der Tanzfläche.
Der Tag endet spät. Er beginnt mit Geschichte, führt über Naturbeobachtungen und endet in Gemeinschaft. Auch wenn Point Wild nicht betreten werden konnte, bleibt dieser Tag als einer der emotionalsten und eindrucksvollsten der bisherigen Reise in Erinnerung.
Halfmoon Island und Whalers Bay (Deception Island) – Antarktis
Tag 14 – Dienstag, 19. November 2024
Der Morgen beginnt grau und windig. Über Nacht hat der Wind nicht nachgelassen, die See bleibt bewegt. Noch vor der Anlandung nutze ich die Möglichkeit einer kurzen sportlichen Einheit, um in den Tag zu kommen. Das Schiff liegt bereits vor Anker in der Bucht von Halfmoon Island. Draußen fegt der Wind ungebremst über das Wasser und macht deutlich, dass wir uns mitten im antarktischen Sommer bewegen, der alles andere als mild ist.
Gegen 08:00 Uhr beginnt das Ausbooten. Die Zodiaks tanzen auf den Wellen, kalter Wind schlägt uns ins Gesicht, und die Gischt macht schnell klar, dass dies keine komfortable Anlandung wird. Die Fahrt führt uns zu einer Halbinsel mit markanten, steil aufragenden Felsnadeln. Schon aus der Entfernung sind kleine Kolonien von Zügelpinguinen zu erkennen, die sich an den steinigen Hängen festklammern. Diese Pinguine wirken erstaunlich souverän in dieser unwirtlichen Umgebung. Trotz Wind und Kälte bewegen sie sich sicher über Felsen und Schneefelder.
Nach der Anlandung bewege ich mich vorsichtig über einen steinigen Sattel. Der Wind bleibt konstant stark, zeitweise muss man sich regelrecht dagegen stemmen. Von erhöhten Punkten aus eröffnen sich Blicke auf weitere Pinguinkolonien, die sich über die Hänge verteilen. Die Landschaft wirkt karg, fast monochrom, und gerade dadurch besonders eindrucksvoll. Hier zeigt sich die Antarktis von ihrer rauen, kompromisslosen Seite.
In Strandnähe entdecke ich auf einem kleinen Schneefeld eine Weddell-Robbe. Es ist die erste Begegnung mit dieser Robbenart auf dieser Reise. Sie liegt ruhig da, hebt kurz den Kopf und wirkt völlig unbeeindruckt von unserer Anwesenheit. Die charakteristischen Merkmale sind gut zu erkennen: der rundliche Kopf, die kurze Schnauze und das gefleckte Fellmuster. Im Vergleich zu anderen Robbenarten wirkt sie kompakter und weniger stromlinienförmig. Diese kurze Begegnung ist still und unspektakulär, gerade deshalb aber sehr eindrucksvoll.
Der Rückweg erfolgt erneut mit den Zodiaks. Die Fahrt zurück zum Schiff ist nass und windig, doch routiniert. An Bord angekommen, werden Kleidung und Ausrüstung verstaut, und es bleibt Zeit, sich aufzuwärmen. Kurz darauf lichtet das Schiff den Anker und nimmt Kurs auf Deception Island.
Während der Überfahrt gleiten wir durch ein Gebiet mit zahlreichen Eisbergen. Kleine und große Eisformationen treiben ruhig im Wasser, ihre Oberflächen schimmern in verschiedenen Blau- und Weißtönen. Das Licht der tief stehenden Sonne betont ihre Konturen und verleiht ihnen eine fast skulpturale Wirkung. Diese Passage wirkt ruhig und meditativ, ein deutlicher Kontrast zum windigen Landgang am Morgen.
Am Nachmittag erreichen wir Deception Island und fahren mit den Zodiaks in die Caldera. Schon die Einfahrt ist beeindruckend. Die Insel ist ein aktiver Vulkan, dessen Krater vom Meer geflutet wurde. In Whalers Bay gehen wir an Land. Die Überreste der ehemaligen Walfangstation liegen verstreut am Strand. Rostige Tanks, zerfallene Gebäude und verlassene Strukturen erzählen von harter Arbeit und einer Zeit intensiver Ausbeutung. Die Natur beginnt, sich diesen Ort langsam zurückzuholen.
Beim Rundgang stoße ich in einer Gruppe von Eselspinguinen auf ein außergewöhnliches Tier. Ein fast vollständig weiß gefärbter Pinguin fällt sofort ins Auge. Es handelt sich um ein Tier mit Leuzismus, einer genetischen Veränderung, bei der die Pigmentierung stark reduziert ist. Anders als beim Albinismus sind noch geringe Pigmente vorhanden, was zu diesem auffällig hellen Erscheinungsbild führt. Der Pinguin bewegt sich selbstverständlich innerhalb der Gruppe und scheint von den Artgenossen vollständig akzeptiert zu werden.
Von Whalers Bay aus gehe ich weiter in Richtung Ronald Hill. Der Weg bietet weite Ausblicke über die Caldera, hinunter zum Croner Lake und über die vulkanisch geprägte Landschaft. Schwarzer Sand, helle Schneeflächen und dampfende Erde bilden eine ungewöhnliche Kulisse, die sich deutlich von den bisherigen Anlandungen unterscheidet. Deception Island wirkt weniger eisig, dafür geologisch umso aktiver und lebendiger.
Am Ende des Tages bin ich müde, durchgefroren und gleichzeitig tief beeindruckt. Halfmoon Island und Deception Island zeigen zwei sehr unterschiedliche Facetten der Antarktis. Die eine rau, windgepeitscht und voller Tierleben, die andere geprägt von vulkanischer Geschichte und menschlichen Spuren. Trotz der Anstrengung gehört dieser Tag zu den intensivsten der bisherigen Reise.
Paradise Bay – Antarktis
Tag 15 – Mittwoch, 20. November 2024
Der Tag beginnt ruhig und geordnet. Beim Frühstück habe ich die Wahl zwischen dem Lido Restaurant mit seinem umfangreichen Buffet und dem HANSEATIC Restaurant, das ein À-la-carte-Menü anbietet. Beide Optionen bieten ausreichend Zeit und Ruhe, um sich auf den Tag einzustellen. Draußen zeigt sich die Antarktis von einer freundlicheren Seite. Der Himmel ist heiter bis leicht bewölkt, der Wind moderat, die See vergleichsweise ruhig.
Um 08:00 Uhr starte ich mit einer Sporteinheit. Beim Faszientraining liegt der Fokus auf Mobilisation und Beweglichkeit. Gerade nach den vergangenen Tagen auf See und den anspruchsvollen Anlandungen tut diese Einheit spürbar gut. Um 09:00 Uhr folgt mit Cross X ein deutlich intensiveres Training, das Kraft, Ausdauer und Koordination kombiniert. Trotz der frühen Uhrzeit ist die Beteiligung hoch. Bewegung gehört an Bord inzwischen selbstverständlich zum Tagesablauf.
Gegen 10:00 Uhr versammeln wir uns zu einer Tagesbesprechung. Die Expeditionsleiterin erläutert die Pläne für den weiteren Verlauf. Für den Nachmittag ist eine Zodiacfahrt in der Paradise Bay vorgesehen. Außerdem erhalten wir einen Ausblick auf den kommenden Tag mit geplanten Anlandungen in Neko Harbour und auf Pleneau Island. Die Stimmung ist erwartungsvoll, denn Paradise Bay zählt zu den landschaftlich eindrucksvollsten Regionen der antarktischen Halbinsel.
Am frühen Nachmittag gleitet die HANSEATIC nature in die Paradise Bay. Die Bucht öffnet sich weit, umgeben von steilen, vergletscherten Bergen. Um 14:30 Uhr beginnen die Zodiacfahrten. Die See ist stellenweise spiegelglatt, was die Fahrt besonders ruhig macht. Schon kurz nach dem Ablegen wird deutlich, wie still dieser Ort ist. Geräusche werden vom Eis geschluckt, nur das leise Plätschern der Paddel und das Knacken des Eises sind zu hören.
Wir fahren zunächst in Richtung der argentinischen Forschungsstation Base Brown. Die Station liegt erhöht am Hang und ist nur während der Sommermonate besetzt. Ihre Geschichte ist ungewöhnlich, da sie nach einem Brand in den 1980er-Jahren wieder aufgebaut wurde und bis heute genutzt wird. Die Station wirkt klein und unscheinbar in dieser gewaltigen Umgebung.
Entlang der Felswände entdecken wir Kolonien von Blauaugenkormoranen und Antarktisseeschwalben. Die Vögel fliegen dicht über dem Wasser und nutzen die ruhigen Bedingungen. Schließlich erreichen wir einen mächtigen Gletscher, der die Bucht dominiert. Seine Front spiegelt sich im Wasser, das Licht ist weich und gleichmäßig. Besonders auffällig ist ein grünlich schimmernder Bereich hoch oben an der Felswand. Unsere Experten erklären, dass es sich um Kupferkarbonat handelt, ein seltenes Mineral, das nur an wenigen Orten sichtbar wird. Die Farbe wirkt fast künstlich, hebt sich jedoch deutlich vom Weiß des Eises und dem dunklen Gestein ab.
Kurz nach Beginn der Fahrt taucht in einiger Entfernung ein Wal auf. Er zeigt sich nur für einen Moment, verschwindet dann wieder unter der Oberfläche. Aufgrund seiner Größe handelt es sich vermutlich um einen Zwergwal. Auch wenn die Begegnung kurz ist, sorgt sie für spürbare Begeisterung in den Zodiaks.
Nach der Rückkehr an Bord bleibt Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten. Die Paradise Bay wirkt ruhig, fast friedlich. Die Kombination aus glatter See, Eis, Bergen und diffusem Licht macht diesen Ort besonders eindrucksvoll. Am Abend findet eine kulinarische Präsentation statt. Die Köche stellen sich persönlich vor und geben Einblicke in ihre Gerichte und Arbeitsweise. Diese Veranstaltung bildet einen angenehmen, entspannten Abschluss des Tages.
Der Tag endet früh. Viele ziehen sich zurück, denn der nächste Morgen beginnt sehr zeitig. Paradise Bay bleibt als stilles, fast zeitloses Erlebnis in Erinnerung, ein Tag, an dem die Antarktis ihre ruhige, offene Seite zeigt.
Neko Harbor, Lemaire-Kanal und Pleneau Island – Antarktishalbinsel
Tag 16 – Donnerstag, 21. November 2024
Der Tag beginnt früh. Noch vor dem Frühstück gleiten wir durch die Andvord-Bucht, eine ruhige, weit geöffnete Bucht, eingerahmt von vergletscherten Bergen. Die Stimmung an Deck ist konzentriert und erwartungsvoll. Kurz darauf erreichen wir Neko Harbor, einen der wenigen Orte an der antarktischen Halbinsel, an dem man tatsächlich den antarktischen Kontinent betreten kann.
Nach dem Ausbooten gehen wir an Land. Schon beim ersten Schritt fällt die große Anzahl an Eselspinguinen auf, die sich entlang der Küste und auf den darüberliegenden Hängen bewegen. Die Tiere wirken völlig unbeirrt von unserer Anwesenheit. Wir folgen einem klar definierten Pfad, der weniger ein offizieller Weg als vielmehr eine durch viele Besucher entstandene Route ist. Dieser sogenannte Menschenpfad führt uns entlang der felsigen Küste hinauf zur sogenannten Hohen Kolonie.
Während des Aufstiegs begegnen wir immer wieder Eselspinguinen, die den Weg kreuzen, stehen bleiben oder sich mit schnellen Bewegungen zwischen den Steinen hindurchschieben. An der Kolonie angekommen, haben wir ausreichend Zeit, die Tiere aus nächster Nähe zu beobachten. Das geschäftige Treiben, das Balancieren auf den Steinen und die ständigen Rufe prägen das Bild.
Am Ende des Pfades erreichen wir nach insgesamt 114 Höhenmetern einen Aussichtspunkt. Von hier öffnet sich der Blick auf den Neko-Gletscher, der die Bucht dominiert. Auch wenn es heute zu keiner Kalbung kommt, ist der Anblick überwältigend. Die massive Eisfront, das diffuse Licht und die Stille der Umgebung machen diesen Moment besonders eindrücklich. Für mich ist dieser Landgang ein klarer Höhepunkt, nicht zuletzt, weil ich hier tatsächlich auf dem antarktischen Kontinent stehe.
Nach der Rückkehr an Bord setzen wir unsere Fahrt fort und nehmen Kurs auf den Lemaire-Kanal. Diese schmale Passage zählt zu den landschaftlich eindrucksvollsten Routen der Antarktis. Ich begebe mich auf das Außendeck, idealerweise auf den Nature Walk, um die Durchfahrt aus nächster Nähe zu erleben. Die vergletscherten Felswände ragen steil links und rechts empor. Nebel liegt in der Luft, doch gerade dadurch wirkt die Szenerie noch dramatischer.
Der Kanal ist nur wenige Hundert Meter breit. Im Wasser treiben zahlreiche Eisberge und kleinere Schollen, die das Manövrieren erschweren. Kurz nach der Einfahrt zeigt sich für einen flüchtigen Moment eine Orcamutter mit ihrem Kalb. Die Tiere tauchen nur kurz auf und verschwinden wieder hinter dem Schiff. Die Begegnung ist kurz, aber eindrucksvoll.
Wenig später versperrt ein großer Eisberg unseren Weg. Die Durchfahrt ist blockiert, und das Schiff muss vorsichtig wenden. Das Manöver erfordert höchste Konzentration auf der Brücke. Umgeben von Eisbergen, die in Bewegung sind, wird deutlich, wie sensibel und situationsabhängig jede Entscheidung in dieser Region ist. Nach reiflicher Überlegung wird beschlossen, den Kurs zu ändern und in Richtung Jougla Point zu fahren, unweit von Port Lockroy. Mit dieser Entscheidung erreichen wir zugleich den südlichsten Punkt der gesamten Reise bei 65°05,6′ südlicher Breite.
Auf dem Weg frischt der Wind weiter auf. Als wir den Ankerplatz erreichen, werden die Zodiaks zu Wasser gelassen, und das Expeditionsteam fährt voraus, um die Bedingungen zu prüfen. Schnell zeigt sich, dass die Bucht stark vereist ist. Zu viel Eis verhindert eine sichere Anlandung. Die geplante Landung muss abgesagt werden.
Stattdessen wird eine Alternative angeboten. Wir können eine Zodiac-Rundfahrt rund um Port Lockroy unternehmen. Port Lockroy ist ein historischer Ort an der Westküste der antarktischen Halbinsel. Die ehemalige britische Forschungsstation wurde 1944 geschlossen und später zu einem Museum umgewandelt, das heute auch als Postamt dient. Von den Zodiaks aus sehen wir die Gebäude und die umliegenden Eselspinguinkolonien.
Trotz starkem Wind und Schneetreiben werden mehrere Zodiacs eingesetzt. Die erste Gruppe ist etwa dreißig Minuten unterwegs, danach folgt eine kleinere zweite Runde. Die Bedingungen sind anspruchsvoll, und nasse Kleidung macht die Kälte spürbar. Dennoch ist die Rundfahrt lohnend. Der Blick vom Wasser aus auf die Station, die umliegenden Inseln und das Eis vermittelt einen guten Eindruck von der besonderen Lage dieses Ortes.
Am Ende des Nachmittags verlassen wir die Region rund um Jougla Point und setzen Kurs in Richtung Cuverville Island. Der Tag klingt ruhig aus. An Bord lassen wir die Erlebnisse bei einem Cocktail Revue passieren, serviert mit echtem Gletschereis aus der Paradise Bay. Die Eindrücke dieses Tages sind vielfältig: der erste Schritt auf den antarktischen Kontinent, die dramatische Durchfahrt durch den Lemaire-Kanal und die Flexibilität, die diese Reise immer wieder erfordert. Es ist ein Tag, der exemplarisch zeigt, wie sehr Natur, Eis und Wetter hier den Takt vorgeben.
Cuverville Island und Damoy Point – Antarktis
Tag 17 – Freitag, 22. November 2024
Der Tag beginnt grau, nass und neblig. Feiner Regen liegt in der Luft, der Wind ist spürbar, doch die Stimmung an Bord bleibt erwartungsvoll. Heute stehen zwei Anlandungen auf dem Programm, beide an Orten, die für ganz unterschiedliche Aspekte der Antarktis stehen. Am Morgen erreichen wir Cuverville Island, eine Insel, die vor allem für ihre großen Eselspinguin-Kolonien bekannt ist.
Nach dem Frühstück bringt uns das erste Zodiac gegen 07:45 Uhr an Land. Schon bei der Annäherung zeigt sich die Besonderheit dieses Ortes. Cuverville Island wirkt kompakt, felsig und wird von einer langen, schneebedeckten Küste gesäumt. Überall sitzen Eselspinguine im Schnee, dicht gedrängt und dem Nieselregen zugewandt. Kaum haben wir den Strand betreten, sind wir mitten in der Kolonie.
Die Anzahl der Tiere ist beeindruckend. Eselspinguine bewegen sich in Gruppen über den Schnee, ruhen sich aus oder watscheln zielstrebig zu ihren bevorzugten Plätzen. Wir können zwischen zwei Bereichen wählen. Einer Kolonie direkt am Wasser und einer weiteren im leicht ansteigenden Gelände im Landesinneren. In beiden Bereichen herrscht geschäftiges Treiben. Einige Tiere haben bereits mit dem Bau ihrer Steinnester begonnen, andere scheinen ihren Platz erst noch zu sichern. Noch liegt viel Schnee, doch es ist absehbar, dass sich das Landschaftsbild mit steigenden Temperaturen bald verändern wird.
Besonders auffällig sind die Paarungsaktivitäten der Pinguine. Dabei lässt sich gut erkennen, welches Tier welches Geschlecht hat. Die Beobachtungen wirken ungefiltert und unmittelbar und geben einen seltenen Einblick in den Beginn der Brutsaison. Abseits der Tiere ziehen auch die Felsen die Aufmerksamkeit auf sich. Dort wachsen Krustenflechten in erstaunlicher Vielfalt. Grün, gelb, orange, rot und schwarz bedecken die eisfreien Flächen. Diese Flechten sind extrem widerstandsfähig und gehören zu den wenigen Pflanzen, die unter den harten Bedingungen der Antarktis überleben können.
Nach einiger Zeit kehren wir zum Schiff zurück und bereiten uns auf die zweite Anlandung des Tages vor. Am Nachmittag erreichen wir Damoy Point. Hier stehen mehrere Hütten des British Antarctic Survey, die heute als historisches Zeugnis erhalten sind. Die bekannteste ist die Damoy Hut, die 1975 errichtet wurde. Beim Betreten der Hütte wirkt es, als hätten die Bewohner sie erst vor Kurzem verlassen. Ausrüstung, Mobiliar und Alltagsgegenstände sind nahezu unverändert erhalten.
Während wir die Hütte erkunden, erfahren wir mehr über das Leben der Wissenschaftler, die hier arbeiteten. Die Geschichten machen deutlich, wie einfach und gleichzeitig entbehrungsreich der Alltag an diesem Ort war. Damoy Point vermittelt ein sehr persönliches Bild der Antarktisforschung, fernab von großen Entdeckungsreisen und historischen Mythen.
Nach dem Besuch der Hütten gehen wir weiter zu einer nahegelegenen Eselspinguin-Kolonie. Das Wetter zeigt sich wechselhaft. Dichter Nebel und leichter Schneeregen wechseln sich plötzlich mit Sonnenlicht ab. Für einen kurzen Moment spannt sich ein Regenbogen über die Landschaft. Diese schnellen Wetterumschwünge gehören hier zum Alltag und verleihen der Szenerie eine besondere Dynamik.
An der Kolonie bewegen sich die Eselspinguine lebhaft durch das Gelände. Ihre Rufe hallen über die Hänge, und ihre neugierige Art sorgt für eine beinahe heitere Stimmung. Wir nehmen uns Zeit für Beobachtungen und Fotos. Von einem höheren Punkt aus bietet sich zudem ein Blick auf Port Lockroy, das wir am Vortag vom Wasser aus gesehen haben. In der Bucht liegt außerdem ein weiteres Expeditionsschiff vor Anker, ein seltener Anblick in dieser abgelegenen Region.
Am späten Nachmittag kehren wir zum Schiff zurück. Mit dem Ablegen beginnt der Abschied von der antarktischen Halbinsel. Die HANSEATIC nature nimmt Kurs auf die Drake Passage. Zwei Seetage liegen nun vor uns, bevor wir Ushuaia erreichen. Die Vorfreude auf das nächste Abenteuer mischt sich mit einer leisen Melancholie. Die Antarktis bleibt zurück, doch die Eindrücke dieses Tages und der vergangenen Wochen sind fest verankert.
Seetag – Drake Passage
Tag 18 – Samstag, 23. November 2024
Die HANSEATIC nature befindet sich wieder in der Drake Passage. Der Wind ist spürbar, die See bewegt, aber deutlich moderater als auf dem Hinweg. Mittelgroße Wellen treffen gleichmäßig auf den Schiffsrumpf, das Rollen ist präsent, jedoch gut kontrollierbar. Der Blick nach draußen zeigt Nebel, graues Wasser und eine offene Weite, die den Übergang von der Antarktis zurück nach Südamerika markiert. Dieser Seetag steht ganz im Zeichen des Abschieds und des Innehaltens.
Der Tagesablauf ist bewusst offen gestaltet. Wer möchte, kann sich zurückziehen, Zeit an Deck verbringen oder das Bordprogramm nutzen. Am Morgen beginnt der Tag mit Bewegung. Um 08:00 Uhr findet Ganzkörperstretching statt, gefolgt von Rückengymnastik um 09:00 Uhr. Die Einheiten sind gut besucht und helfen, nach den intensiven Tagen an Land wieder Beweglichkeit und Stabilität zu finden.
Um 09:00 Uhr beginnt der erste Vortrag des Tages. Es geht um Manganknollen und ihre Bedeutung als Rohstoff der Tiefsee. Die Thematik wirkt zunächst abstrakt, gewinnt jedoch durch die Einordnung in globale Zusammenhänge an Tiefe. Um 11:30 Uhr folgt ein Vortrag über ein weniger bekanntes Kapitel der Schifffahrtsgeschichte. Die Geschichte der Monte Cervantes und ihre Verbindung zur Antarktis zeigt, wie eng menschliche Tragödien und diese abgelegene Region miteinander verknüpft sind.
Der Vormittag vergeht ruhig. Viele Gäste verteilen sich auf die verschiedenen Decks oder ziehen sich in die Lounge zurück. Die Drake Passage zeigt sich an diesem Tag von ihrer sachlichen Seite. Kein Spektakel, keine Extreme, sondern ein gleichmäßiger Übergang, der Raum für Reflexion lässt.
Am Nachmittag setzt sich das Vortragsprogramm fort. Um 14:00 Uhr folgt der zweite Teil des Workshops „Erleben mit allen Sinnen“. Der Fokus liegt auf bewusster Wahrnehmung und der Frage, wie sich Landschaft, Geräusche und Bewegung langfristig im Gedächtnis verankern. Um 15:30 Uhr schließt sich ein weiterer Vortrag an, der sich mit Gunther Plüschow und den Feuerlandfliegern beschäftigt. Die Geschichte verbindet Entdeckungsdrang, Technik und persönliche Grenzerfahrungen auf eindrucksvolle Weise.
Parallel dazu finden weitere Sportangebote statt. Am Nachmittag stehen Bauch, Beine, Po sowie Pilates auf dem Programm. Diese Einheiten werden gut angenommen und bieten einen strukturierten Ausgleich zum ansonsten ruhigen Tagesablauf.
Um 17:30 Uhr versammeln wir uns im HanseAtrium zum großen Recap der Antarktis. Das Expeditionsteam blickt gemeinsam mit uns auf die antarktische Halbinsel zurück. Einzelne Momente werden noch einmal aufgegriffen, darunter die Zodiacfahrt in der Paradise Bay, das Verhalten der Seeelefanten in der Tiefe, die Begegnungen mit Finnwalen und auch kleinere, beinahe beiläufige Erlebnisse, die sich rückblickend als besonders einprägsam erweisen. Im Anschluss zeigt die Bordfotografin eine Auswahl der entstandenen Bilder. Viele Szenen wirken auf der Leinwand noch einmal intensiver als im Moment selbst.
Am Abend lädt der Kapitän zum traditionellen Farewell-Abschied. Das HanseAtrium füllt sich, die Atmosphäre ist festlich und zugleich gelöst. In seiner Ansprache lässt der Kapitän die Reise Revue passieren und erinnert an die gemeinsamen Erlebnisse, Herausforderungen und besonderen Begegnungen. Seine Worte sind ruhig und persönlich, getragen von Dankbarkeit gegenüber Gästen und Crew.
Beim anschließenden Farewell-Cocktail stoßen wir gemeinsam auf die Reise an. Gespräche entstehen fast automatisch, Erfahrungen werden geteilt, Kontakte vertieft. Es ist spürbar, dass sich über die vergangenen Wochen eine Gemeinschaft gebildet hat, die über zufällige Sitznachbarschaften hinausgeht.
Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist der Auftritt des Shanty-Chors der HANSEATIC nature. Crewmitglieder präsentieren traditionelle Seemannslieder, begleitet von spürbarer Begeisterung. Viele Gäste singen mit, klatschen im Takt und lassen sich von der Stimmung tragen. Die Musik wirkt verbindend und rundet den Abend auf ungezwungene Weise ab.
In der Pause findet die Verlosung der handillustrierten Souvenir-Seekarte statt. Die Karte wurde von einem Crewmitglied gestaltet und ist ein persönliches Erinnerungsstück an diese Reise. Der Erlös der Verlosung kommt zum Großteil der Crew zugute, ein weiterer Teil unterstützt den South Georgia Heritage Trust. Die Freude der Gewinnerinnen ist groß, der Applaus herzlich.
Als der Abend langsam ausklingt, liegt eine ruhige Zufriedenheit in der Luft. Die Antarktis liegt bereits hinter uns, doch die Eindrücke sind präsent. Dieser Seetag in der Drake Passage ist weniger durch äußere Erlebnisse geprägt als durch Rückblicke, Gespräche und das bewusste Abschließen einer außergewöhnlichen Reise.
Rückblick, Vorbereitung und erstes Land in Sicht
Tag 19 – Sonntag, 24. November 2024
Der vorletzte Tag dieser Reise beginnt mit einem spürbaren Perspektivwechsel. Die Antarktis liegt bereits hinter uns, und der Blick richtet sich zunehmend auf die Rückreise. Der Seegang ist noch vorhanden, aber deutlich moderater als an den Tagen zuvor. Die Drake Passage zeigt sich wechselhaft, bewölkt und neblig, doch wir haben uns inzwischen an ihre Eigenheiten gewöhnt.
Am Vormittag kümmere ich mich zunächst um organisatorische Themen. An der Rezeption lassen sich offene Fragen zur Abreise, zur Weiterreise und zu den Transfers klären. Die Gespräche verlaufen ruhig und strukturiert, was hilft, gedanklich langsam abzuschließen. Es ist spürbar, dass dieser Tag weniger von neuen Eindrücken als von Vorbereitung und Rückblick geprägt ist.
Gegen Mittag stehen viele von uns an Deck. Die See bewegt sich gleichmäßig, die Wellen rollen unter dem Schiff hindurch. Der Kapitän informiert uns, dass wir gut im Zeitplan liegen und Kap Hoorn noch am selben Tag passieren werden. Anschließend soll ein argentinischer Lotse an Bord kommen, um die letzten Seemeilen nach Ushuaia zu begleiten. Die geplante Ankunft ist für den späten Abend vorgesehen.
Das Vortragsprogramm setzt sich fort. Um 10:00 Uhr höre ich einen Vortrag über die Tiefsee. Es geht um Lebensräume jenseits des Lichts, um extremen Druck, Kälte und Anpassungsstrategien von Lebewesen, die unter Bedingungen existieren, die kaum vorstellbar sind. Die Tiefsee wirkt dabei wie ein eigener Planet innerhalb unserer Ozeane, weitgehend unerforscht und voller biologischer Besonderheiten.
Um 11:30 Uhr folgt ein Vortrag über Feuerland und seine indigenen Völker. Im Mittelpunkt steht die Arbeit von Martin Gusinde, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Leben und die Rituale der Feuerlandindianer dokumentierte. Die Inhalte schaffen eine gedankliche Brücke zwischen der Antarktis und dem südlichsten Zipfel Südamerikas, den wir bald erreichen werden. Geschichte, Kultur und Landschaft verbinden sich zu einem größeren Bild dieser Region.
Wer möchte, nutzt den Tag auch für Bewegung. Im Sports Club finden über den Tag verteilt verschiedene Kurse statt. Andere ziehen sich bewusst zurück, genießen die Ruhe oder blicken einfach hinaus auf das Meer. Der Seetag bietet Raum für individuelle Rhythmen.
Am Nachmittag, um 14:30 Uhr, besuche ich einen Vortrag über Polareis und den Lebensraum im Wandel. Es geht um die Veränderungen der letzten Jahrzehnte, um schmelzendes Eis, steigende Temperaturen und die Folgen für die Polarregionen. Der Vortrag ordnet viele der Beobachtungen der vergangenen Tage wissenschaftlich ein und hinterlässt einen nachdenklichen Eindruck. Die Antarktis erscheint nicht mehr nur als beeindruckender Naturraum, sondern auch als sensibler Indikator globaler Entwicklungen.
Am späten Nachmittag ist Land in Sicht. Die Silhouette Südamerikas taucht langsam am Horizont auf. Um 17:00 Uhr findet im HanseAtrium das letzte Recap der Reise statt. Das Expeditionsteam blickt humorvoll und persönlich auf die vergangenen Wochen zurück. Neben den großen Momenten werden auch kleine Episoden und Herausforderungen angesprochen. Die Atmosphäre ist gelöst, zugleich schwingt Wehmut mit.
Direkt im Anschluss wird der Reisefilm gezeigt, der während der Expedition entstanden ist. Die Bilder rufen viele Situationen noch einmal ins Gedächtnis zurück. Anlandungen, Seetage, Tierbegegnungen und Landschaften ziehen in schneller Abfolge vorbei und verdeutlichen, wie intensiv diese Reise war.
Das letzte Abendessen an Bord ist emotional. Gespräche drehen sich um Erlebnisse, um Fotos, um Begegnungen. Gleichzeitig wächst die Vorfreude auf festen Boden unter den Füßen und auf die Rückkehr in die Zivilisation. Der Abend bleibt ruhig. Viele nutzen die Zeit, um ihre Koffer zu packen und sich auf die Ankunft in Ushuaia vorzubereiten.
Dieser Seetag markiert den Übergang vom Erleben zum Abschließen. Die Drake Passage liegt noch unter uns, doch gedanklich sind wir bereits auf dem Weg nach Hause.
Ushuaia – Argentinien – Ausschiffung
Tag 20 – Montag, 25. November 2024
Der letzte Morgen dieser Reise beginnt früh. Noch bevor der Tag richtig anbricht, klingelt der Wecker. Draußen liegt Ushuaia ruhig unter einem bewölkten Himmel, die See im Hafen ist glatt. Während ich meine Sachen packe, stellt sich ein Gefühl ein, das sich nur schwer greifen lässt. Die vergangenen Wochen liegen dicht hinter uns, gleichzeitig wirken sie bereits weit entfernt.
Beim Frühstück herrscht eine gedämpfte Stimmung. Gespräche sind leiser als an den Tagen zuvor. Viele blicken aus den Fenstern, andere sortieren gedanklich bereits ihre Heimreise. Die HANSEATIC nature liegt fest am Pier, der Motor ist verstummt, und das Schiff wirkt plötzlich wie ein abgeschlossener Raum, der nun hinter uns zurückbleibt.
Nach dem Frühstück folgt der offizielle Abschied von der Crew. Viele Gesichter sind vertraut geworden. In den vergangenen Tagen haben sie den Rahmen geschaffen, in dem diese Reise möglich war. Ein Händedruck, ein Dankeschön, ein kurzes Gespräch. Dann ist es Zeit, das Schiff zu verlassen. Um 09:00 Uhr beginnt die Ausschiffung. Schritt für Schritt gehen wir die Gangway hinunter, ein letztes Mal über das Deck, auf dem wir so viele Stunden verbracht haben.
Mit dem Verlassen der HANSEATIC nature endet eine Reise, auf der wir insgesamt rund 4.209 Seemeilen zurückgelegt haben. Eine Zahl, die nüchtern klingt, aber für Wochen voller Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen steht. Am Pier warten die Busse, die uns in die Stadt bringen. In Ushuaia bleibt noch etwas Zeit, um durch die Straßen zu gehen, Souvenirs zu kaufen oder einfach einen Kaffee zu trinken, bevor es weiter zum Flughafen geht.
Von dort beginnt die Rückreise über Buenos Aires nach Europa. Während des Fluges ziehen die Bilder der vergangenen Tage noch einmal vorbei. Wale, die ruhig neben dem Schiff auftauchten. Pinguine, die unbeirrt durch Schnee und Wind ihren Weg gingen. Gletscher, Eisberge und die Weite des Südpolarmeeres. Auch die vielen Gespräche, das gemeinsame Staunen und die neu entstandenen Freundschaften sind präsent.
Mit der Landung endet diese Expedition endgültig. Die Antarktis bleibt zurück, doch die Eindrücke wirken nach. Es ist eine Reise, die nicht mit der Ausschiffung abgeschlossen ist, sondern ihren Platz im Gedächtnis behält. Was bleibt, ist das Wissen, einen der abgelegensten Orte der Erde erlebt zu haben, und die Gewissheit, dass diese Erfahrungen noch lange begleiten werden.
Fazit – Was bleibt nach dieser Antarktis-Expedition?
Nach zwanzig Tagen an Bord, langen Seepassagen, anspruchsvollen Wetterbedingungen, Anlandungen und Zodiacfahrten bleibt vor allem ein realistisches Bild davon, wie eine Antarktis-Expedition tatsächlich abläuft. Nicht als festes Programm, sondern als fortlaufender Prozess aus Planung, Anpassung und Entscheidungen, die sich täglich an Wind, Eis, Seegang und Sicht orientieren müssen.
Diese Reise hat deutlich gemacht, dass die Antarktis keine Destination für garantierte Erlebnisse ist. Anlandungen sind möglich – oder werden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Routen ändern sich. Zeitfenster öffnen sich kurzfristig oder schließen sich ebenso schnell wieder. Genau diese Unberechenbarkeit ist kein Defizit, sondern ein wesentlicher Bestandteil einer echten Expeditionsreise in diese Region.
Was nachhaltig in Erinnerung bleibt, sind weniger einzelne spektakuläre Szenen als vielmehr die Gesamtheit vieler intensiver Eindrücke: die Weite zwischen Eisbergen, die Stille in geschützten Buchten, Tierbeobachtungen ohne Inszenierung, historische Orte wie Grytviken oder Point Wild und das bewusste Erleben der antarktischen Halbinsel unter wechselnden Bedingungen. Hinzu kommt der Bordalltag, geprägt von klaren Abläufen, Sicherheitsdenken und einer hohen Professionalität des Expeditionsteams.
Die Reise war konsequent als Expedition angelegt. Entscheidungen wurden transparent getroffen und nachvollziehbar kommuniziert. Sicherheit, Naturschutz und Respekt vor der Umgebung standen jederzeit über Wunschprogrammen. Nicht jeder Tag war spektakulär, nicht jede Planung ging auf – doch genau das machte den Charakter dieser Reise aus.
Was diese Antarktis-Expedition auszeichnet, ist nicht ein einzelner Schlusspunkt, sondern das Nachwirken. Die Reise entfaltet ihren Wert weniger im Moment selbst als in der Klarheit, mit der sie im Nachhinein verstanden wird.
Wer eine Antarktis-Kreuzfahrt unternimmt, sollte keine perfekte Dramaturgie erwarten. Wer jedoch bereit ist, sich auf diese Form des Reisens einzulassen, erlebt eine Region, die sich nicht anbiedert – aber nachhaltig prägt. Leise, intensiv und langfristig.
Was andere Reisende berichten
„Ganz großes Lob an Hurtigruten. Alles total durchorganisiert vom Flughafen Santiago bis zum Flughafen Santiago.
Aber auch die Service-Crew auf dem Schiff war sehr hilfsbereit. Nach 3 Tagen wurden wir nur noch mit unseren Vornamen angeredet.Das Expeditionsteam war auch sehr große Klasse. Mit den vielen Science Aktivitäten übertraf es um ein vielfaches meine Reise mit der MS Spitsbergen.“
Tobias J., Wölfersheim (Hessen)
Februar 2025, MS Fram
„die drei Wochen auf dem Schiff waren gut 2 – 3 Tage zu kurz. Ich habe viele nette Menschen getroffen und musste sie heute wieder ziehen lassen.
Es war alles dabei, Pinguine, Robben und Wale. Eis, Regen, Sturm, hoher Seegang. Die Drake Passage war ein Spaziergang. Es fing heftig an und ließ dann aber stark nach.
Facit: Eine wunderbare Reise, ein tolles Erlebnis. Das Explorerteam hat sehr gute Arbeit geleistet. Obwohl ich anfangs doch meine Zweifel bekommen hatte, am Schluss muss ich feststellen, der Zeitraum war richtig gewählt! Vielen Dank für Ihre Empfehlung.“
Ralf H., Fürstenfeldbruck (Bayern)
November 2025, MS Fram
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