
Dieser Bericht dokumentiert meine persönlichen Erfahrungen auf einer Expeditionsreise nach Ostgrönland mit HX Hurtigruten Expeditions (ehemals Hurtigruten) an Bord der MS Fram. Ich war im September 2025 selbst unterwegs und schildere hier chronologisch, wie sich eine Grönland-Expedition unter realen Bedingungen tatsächlich anfühlt – von der Einschiffung in Reykjavik bis zur Rückkehr nach Island.
Die Route führte entlang der abgelegenen Ostküste Grönlands mit Anlandungen unter anderem in Sydkap, Rypenæs, Antarctic Havn, am Waltershausen-Gletscher, im Alpefjord, in Holm Bugt und in Ittoqqortoormiit. Beschrieben werden Zodiacfahrten an Gletscherfronten, Wanderungen über tundrige und felsige Küsten, Tierbeobachtungen mit Moschusochsen und Orcas sowie der strukturierte Bordalltag mit wissenschaftlichem Programm, Vorträgen und Citizen-Science-Projekten.
Dieser Erfahrungsbericht folgt dem tatsächlichen Reiseverlauf – Tag für Tag. Ich beschreibe, was planmäßig möglich war, was sich durch Wetter, Eis oder Seegang veränderte und wie sich Landschaft, Licht und Stimmung im Verlauf der Expedition entwickelten. Im Mittelpunkt stehen konkrete Beobachtungen und persönliche Einordnung – keine Werbeaussagen.
Wer sich für eine Hurtigruten- bzw. HX-Expedition nach Grönland interessiert, erhält hier ein realistisches Bild davon, was eine Expeditionskreuzfahrt in Ostgrönland organisatorisch, landschaftlich und atmosphärisch bedeutet.
Inhalt
Reykjavik · Einschiffung
Tag 1 – Samstag, 13.09.2025
Mit der Ankunft in Reykjavik beginnt für mich diese Expedition. Der Tag ist klar als Einschiffungstag strukturiert: Ankommen, letzte Vorbereitungen, erste Orientierung – ohne echte Programmpunkte draußen, aber mit vielen organisatorischen Abläufen, die den Ton für die Reise setzen.
Viele Gäste treffen im Laufe des Tages ein. Wer früh genug da ist, nutzt die Zeit, um noch kurz in der Nähe etwas zu unternehmen, bevor es an Bord geht. Ich nehme diese Stunden als Übergang wahr: noch in der Stadt, aber gedanklich bereits unterwegs.
Am Nachmittag folgt ein fester Schritt, der bei Expeditionsreisen immer dazugehört: Ich hole Expeditionsjacke und Gummistiefel an den dafür vorgesehenen Ausgabestellen ab. Spätestens in diesem Moment verändert sich das Gefühl. Aus einer Reise wird etwas Operatives – Ausrüstung, Abläufe, klare Zuständigkeiten.
Zurück auf dem Schiff steht die verpflichtende Sicherheitsübung in der Explorer Lounge an. Sie ist nicht spektakulär, aber eindeutig: Teilnahme ist Pflicht, der Rahmen ist klar, und damit ist der formale Teil der Einschiffung abgeschlossen.
Praktisch ist, wie die Kommunikation organisiert ist. Ansagen und Updates kommen über die Reise-App und zusätzlich über das Kabinentelefon. Ich merke: Man muss nicht ständig irgendwo hingehen, um informiert zu sein – die Informationen sind verfügbar, und das reduziert Unruhe.
Am frühen Abend sehe ich die Schiffsvorstellung, die live gestreamt wird und später auch über die Kabinenfernseher abrufbar ist. Parallel werden die Bootsgruppen für die späteren Anlandungen eingeteilt und sichtbar gekennzeichnet. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Detail, ist aber entscheidend: Es schafft Ordnung für das, was draußen schnell unübersichtlich werden kann.
Der restliche Abend bleibt bewusst offen. Ich nutze die Zeit, um mich an Bord umzusehen, die Abläufe kennenzulernen und erste Angebote des Schiffs wahrzunehmen. Kurz darauf laufen wir aus Reykjavik aus. Kein großes Ereignis, eher ein ruhiger Übergang – aber für mich ist klar: Ab jetzt bestimmt nicht mehr die Stadt den Rhythmus, sondern das Schiff und die Route.
Auf See · Dänemarkstraße
Tag 2 – Sonntag, 14.09.2025
Unser erster voller Seetag beginnt in der Dänemarkstraße. Wir befinden uns auf dem Weg von Island Richtung Grönland – eine Strecke, die geografisch unspektakulär wirkt, aber meteorologisch durchaus anspruchsvoll sein kann. An diesem Tag bleibt die See jedoch ruhig genug, um den Bordalltag ohne Einschränkungen stattfinden zu lassen.
Der Morgen startet kreativ: In einem Workshop gestalte ich eine Polar-Postkarte. Das wirkt zunächst wie ein leichtes Einstiegsprogramm, erfüllt aber einen Zweck. Es bringt uns gedanklich in die Region, bevor wir sie physisch erreichen.
Im Anschluss halte ich mich am Bug auf zur Tierbeobachtung. Noch ist es offenes Meer, kein Treibeis, keine Küstenlinie in Sicht. Wildlife Watching auf See bedeutet Geduld. Der Blick geht weit, die Wahrnehmung wird ruhiger. Jede Bewegung am Horizont bekommt Bedeutung.
Im Laufe des Vormittags beginnen die ersten Fachvorträge. Vorgestellt werden die Geschichte Grönlands und das wissenschaftliche Programm der Reise. Die Inhalte werden im gesamten Schiff übertragen und sind später auch über die Kabinenfernseher abrufbar. Ich nehme das bewusst wahr: Man kann präsent teilnehmen oder sich später gezielt einzelne Inhalte noch einmal ansehen.
Am Nachmittag intensiviert sich der wissenschaftliche Teil. Ich nehme an einem Treffen mit den an Bord befindlichen Forschern teil. Dabei geht es nicht nur um Theorie, sondern um konkrete Projekte, die während der Reise durchgeführt werden. Zusätzlich besuche ich einen Workshop zur Gesteinsbestimmung. Das ist kein reiner Vortrag, sondern ein praktischer Zugang – anfassen, vergleichen, einordnen. Gerade mit Blick auf Grönlands geologische Vielfalt ist das eine sinnvolle Vorbereitung.
Zwischendurch gehe ich erneut nach draußen zum Wildlife Watching. Auch hier zeigt sich: Ein Seetag ist kein Leerlauf, sondern ein Übergang. Man kommt zur Ruhe, aber bleibt aufmerksam.
Snacks und Getränke stehen den ganzen Tag über bereit. Organisatorische Informationen – etwa die Einteilung der Bootsgruppen – sind in der Reise-App und an Bord sichtbar hinterlegt. Die Struktur ist klar, ohne aufdringlich zu sein.
Für mich erfüllt dieser erste Seetag genau seine Funktion: Er schafft Orientierung, vermittelt Hintergrundwissen und bereitet gedanklich auf das vor, was vor uns liegt. Noch ist Grönland nicht sichtbar. Aber die Expedition hat begonnen.
Auf See · Kurs Ostgrönland
Tag 3 – Montag, 15.09.2025
Der dritte Tag bleibt ein reiner Seetag. Wir nähern uns weiter der Küste Ostgrönlands, doch noch bestimmt offenes Wasser den Blick nach draußen. Die Distanz, die wir heute zurücklegen, ist deutlich – fast 500 Kilometer. Mir wird bewusst, wie groß die Dimensionen in dieser Region sind.
Am Morgen gehe ich zunächst auf das Achterdeck zum Wildlife Watching. Die Perspektive ist eine andere als am Bug. Der Blick richtet sich nicht nach vorne in die offene Strecke, sondern zurück in die Spur, die das Schiff hinterlässt. Auch hier gilt: Beobachtung bedeutet Geduld. Jede Bewegung auf dem Wasser wird automatisch genauer geprüft.
Im Anschluss folgt ein geologischer Vortrag über die Fjordsysteme Ostgrönlands. Die Einordnung hilft mir, das Zielgebiet besser zu verstehen. Ostgrönland ist geprägt von tief eingeschnittenen Fjorden, massiven Gesteinsformationen und komplexer Entstehungsgeschichte. Ohne diesen Hintergrund würde vieles später nur beeindruckend wirken – mit ihm wird es nachvollziehbar.
Parallel dazu findet ein Workshop zur Wolkenbestimmung statt. Zunächst wirkt das wie ein Randthema, doch auf See bekommt es eine eigene Relevanz. Wetter entscheidet über Sicht, Landungen und Routenführung. Wolken lesen zu können, ist hier kein akademisches Detail, sondern Teil der Orientierung.
Ein fester Bestandteil des Tages ist die verpflichtende AECO-Einweisung zur Eisbärsicherheit im Science Center und im Vortragsraum. Dieser Programmpunkt ist nicht optional. Es geht um klare Verhaltensregeln bei Anlandungen in potenziellem Eisbärgebiet. Für mich markiert diese Einweisung einen Übergang: Wir bewegen uns nun offiziell in einer Region, in der Sicherheit und Disziplin unmittelbar relevant werden.
Am Nachmittag gehe ich erneut hinaus zur Tierbeobachtung. Zusätzlich nehme ich an einer NASA Cloud Observer Aktivität teil – einer Initiative zur systematischen Wolkenbeobachtung. Es ist interessant zu sehen, wie selbst scheinbar einfache Beobachtungen in größere wissenschaftliche Zusammenhänge eingebunden werden.
Später folgt die Kajak-Einweisung. Auch wenn ich selbst vielleicht nicht teilnehmen werde, gehört sie strukturell zum Expeditionsablauf. Sicherheitsregeln, Abläufe, Zuständigkeiten – alles wird vorab klar geregelt. Parallel gibt es ein Treffen für Alleinreisende. Ich nehme wahr, dass bewusst Raum für Austausch geschaffen wird.
Am Abend spricht der grönländische Küchenchef über regionale Kulinarik. Das ist kein Showelement, sondern eine inhaltliche Ergänzung: Essen als kultureller Zugang. Direkt im Anschluss stellt sich das gesamte Expeditionsteam vor. Erst jetzt sehe ich die Vielzahl der Funktionen auf einen Blick – Expeditionsleitung, Wissenschaft, Guides, Spezialisten. Abschließend erhalten wir ein Update zu den Plänen für den nächsten Tag.
Für mich schließt sich damit die Vorbereitungsphase. Zwei intensive Seetage liegen hinter uns – mit Wissen, Struktur und klaren Abläufen. Grönland ist noch nicht sichtbar, aber gedanklich sind wir angekommen.

Sydkap · Bjørneøer (Nordgrönland)
Tag 4 – Dienstag, 16.09.2025
Heute sehe ich zum ersten Mal die Küste Grönlands aus unmittelbarer Nähe. Nach zwei intensiven Seetagen wirkt das Erreichen von Sydkap fast wie ein stiller Übergang. Kein dramatischer Moment, kein pathetisches Ankommen – sondern ein allmähliches Näherkommen an dunkle Felswände, die aus dem Wasser aufragen.
Sydkap zeigt sich mit steilen Klippen und einer kargen, aber strukturierten Küstenlinie. Beim Ausbooten spüre ich sofort den Unterschied zum offenen Meer der vergangenen Tage. Der Boden ist tundrig, stellenweise weich, dazwischen felsige Abschnitte. Die Landschaft wirkt nicht spektakulär im klassischen Sinn – aber sehr klar.
Am Vormittag schließe ich mich der Tundra-Exkursion mit Naturführer Enzo an. Der Fokus liegt bewusst nicht auf großen Motiven, sondern auf Details. Wir beugen uns über Moose, Flechten, kleine Blütenpflanzen. Insekten bewegen sich dicht über dem Boden. Ich merke, wie sich mein Blick verändert. In dieser Region entscheidet nicht Weite über Eindruck, sondern Nähe.
Was mich besonders beschäftigt, ist die Anpassungsfähigkeit des Lebens hier oben. Die Vegetation ist niedrig, gedrungen, widerstandsfähig. Nichts wirkt zufällig. Jeder Quadratmeter scheint ein Ergebnis von Wind, Kälte und kurzer Vegetationsperiode zu sein.
Am Nachmittag erreichen wir die Bjørneøer. Die Küstenlinie ist rauer, zerklüfteter. Hier finden sich Spuren historischer Thule-Kultur. Steinsetzungen, kaum sichtbar in der Landschaft, und doch eindeutig menschengemacht. Ich bleibe länger stehen als geplant. Diese Relikte sind nicht inszeniert, sie liegen einfach da. Für mich entsteht ein stiller Moment – Geschichte ohne Erklärungstafel.
Später gehe ich noch einmal aufs Wasser. Die Kajakaktivitäten verändern die Perspektive deutlich. Vom Schiff aus ist man Beobachter. Im Kajak bin ich Teil der Umgebung. Jede Paddelbewegung ist hörbar, jede Richtungsänderung bewusst gesetzt. Die Küste rückt näher, die Geräusche werden unmittelbarer. Ich empfinde diese Phase des Tages als ruhig und konzentriert.
Zurück an Bord folgt am Abend die Präsentation mit dem Ausblick auf den kommenden Tag. Routenoptionen, Wetterprognosen, mögliche Landungen – alles wird transparent erklärt. Ich höre inzwischen anders zu als am ersten Tag. Ich weiß, wie sehr Wind, Sicht und Eis über Machbarkeit entscheiden.
Dieser vierte Tag wirkt im Rückblick ausgewogen. Bewegung an Land, Begegnung mit Geschichte, ruhige Momente auf dem Wasser. Kein Höhepunkt im klassischen Sinn – aber das klare Gefühl, nun wirklich in Grönland angekommen zu sein.
Rypenæs · Terrassepynt
Tag 5 – Mittwoch, 17.09.2025
Der Morgen beginnt mit einer Anlandung in Rypenæs. Schon beim Näherkommen fällt mir auf, wie unterschiedlich die Küstenlinie hier wirkt. Keine weichen Übergänge, sondern ein steiniger, strukturierter Abschnitt mit vielen Brüchen im Gelände.
Beim Aussteigen aus dem Zodiac spüre ich sofort den unebenen Untergrund. Lose Steine, unterschiedlich große Felsstücke, dazwischen festere Bereiche. Jeder Schritt verlangt Aufmerksamkeit. Gleichzeitig eröffnet genau dieses Gelände viele Möglichkeiten, sich frei zu bewegen und eigene Wege zu finden.
Ich schließe mich der optionalen Wanderung an. Das Tempo ist ruhig, aber konzentriert. Wir bewegen uns durch eine Landschaft, die weniger durch Weite als durch Detailreichtum geprägt ist. Unterschiedliche Gesteinsfarben, kleinere Erhebungen, Einschnitte im Terrain – nichts wirkt glatt oder gleichmäßig. Für mich entsteht hier kein einzelnes Bild, sondern eine Abfolge von Eindrücken.
Am Nachmittag folgt die zweite Anlandung in Terrassepynt. Schon vom Wasser aus sehe ich steilere Hänge. An Land bestätigt sich dieser Eindruck. Der Untergrund ist stellenweise weich und schlammig, dazwischen wieder felsige Abschnitte. Das Gelände fordert mehr Kraft als am Vormittag.
Während der Wanderung erkenne ich in der Distanz mehrere Moschusochsen. Sie stehen ruhig, beinahe unbeweglich in der Landschaft. Mit dem Fernglas werden Details sichtbar – die massigen Körper, die dichte Behaarung, die gedrungene Haltung. Sie wirken archaisch, fast wie aus einer anderen Zeit. Wir nähern uns nicht weiter. Die Distanz bleibt gewahrt. Gerade das verstärkt für mich die Wirkung.
Ein besonderer Programmpunkt am Nachmittag ist das Polar Plunge. Die Vorbereitungen sind klar organisiert, Sicherheitsmaßnahmen sichtbar präsent. Einige Gäste entscheiden sich entschlossen für den Sprung ins kalte Wasser. Der Moment ist kurz, intensiv und laut – ein bewusster Kontrast zur stillen Tundra des Vormittags. Ich nehme wahr, wie sehr solche Momente die Gruppendynamik verändern.
Am Abend folgt die Präsentation mit dem Ausblick auf den nächsten Tag. Routenoptionen, Wetterlage, geplante Aktivitäten. Inzwischen höre ich diese Informationen nicht mehr nur als Ankündigung, sondern als Teil eines laufenden Prozesses. Ich weiß, dass nichts garantiert ist.
Für mich war dieser Tag geprägt von zwei sehr unterschiedlichen Landungen: Rypenæs mit seiner strukturierten, offenen Erkundung – Terrassepynt mit steilerem Gelände und der stillen Präsenz der Moschusochsen. Kein dramatischer Tag, aber einer, der mir Grönlands Vielfalt deutlich vor Augen geführt hat.
Harefjord · Rødepynt
Tag 6 – Donnerstag, 18.09.2025
Heute legen wir nur eine kurze Strecke zurück. Ich merke das bereits am Morgen: Das Schiff wirkt ruhiger, der Rhythmus entschleunigt. Es geht nicht um Distanz, sondern um zwei gezielte Anlandungen innerhalb desselben Fjordsystems.
Die erste Landung erfolgt in Harefjord. Schon beim Aussteigen aus dem Zodiac spüre ich den vertrauten Untergrund dieser Region: Steine, lose Geröllfelder, dazwischen feuchte Abschnitte. Jeder Schritt verlangt Aufmerksamkeit. Ich entscheide mich für die optionale Wanderung am Vormittag.
Der Weg führt allmählich nach oben. Kein dramatischer Anstieg, aber stetig. Mit jedem Höhenmeter öffnet sich der Blick weiter in den Fjord hinein. Als ich den Aussichtspunkt erreiche, bleibe ich stehen. Vor mir liegt die weite Wasserfläche, eingerahmt von dunklen Bergrücken. In der Ferne erkenne ich einen Gletscher, eingebettet zwischen Felsflanken. Er liegt nicht unmittelbar vor uns, sondern ruhig und distanziert in der Landschaft. Gerade diese Entfernung macht seine Größe für mich nachvollziehbar.
Ich nehme mir bewusst Zeit. Kein schneller Fotostopp, sondern ein längerer Moment des Beobachtens. Wind ist kaum spürbar, die Sicht klar. Solche Bedingungen sind nicht selbstverständlich – ich weiß das inzwischen.
Am Nachmittag setzen wir nach Rødepynt über. Schon vom Wasser aus fällt mir die Farbe auf. Das Gestein zeigt deutliche rötliche Töne, die sich stark vom Grau und Braun der bisherigen Landschaften abheben. An Land wirkt diese Farbigkeit noch intensiver. Das Rot ist nicht flächig, sondern durchzogen von Schattierungen und Übergängen.
Auch hier wird eine optionale Wanderung angeboten, der ich mich anschließe. Das Gelände ist erneut anspruchsvoll – felsig, stellenweise schlammig, mit steileren Abschnitten. Ich gehe konzentriert, achte auf meinen Tritt und nehme gleichzeitig die Umgebung bewusst wahr. Die Farbkontraste prägen das gesamte Bild.
Am Nachmittag findet ein weiterer Polar Plunge statt. Ich beobachte die Vorbereitungen, die klare Organisation, die Sicherheitseinweisung. Einige Gäste entscheiden sich für den Sprung ins Wasser. Der Moment ist laut, kurz und voller Energie – ein deutlicher Kontrast zur ruhigen, strukturierten Landschaft.
Das Wetter bleibt freundlich. Kein starker Wind, gute Sicht, angenehme Bedingungen für beide Landgänge. Ich merke, wie sehr solche äußeren Faktoren den Charakter eines Tages bestimmen.
Am Abend folgt die Präsentation mit dem Ausblick auf den nächsten Tag. Während ich zuhöre, gehe ich innerlich noch einmal durch, was diesen Tag geprägt hat: der weite Gletscherblick von Harefjord und die markante Farbigkeit von Rødepynt. Zwei Orte, nur wenige Seemeilen voneinander entfernt – und doch mit völlig unterschiedlicher Wirkung auf mich.
Bjørneøer
Tag 7 – Freitag, 19.09.2025
Der Morgen beginnt ungewöhnlich ruhig. Schon beim ersten Blick nach draußen sehe ich, dass die Wasseroberfläche fast glatt liegt. Kaum Wind, kein nennenswerter Schwell. In Ostgrönland ist das keine Selbstverständlichkeit. Ich weiß, dass solche Bedingungen vieles möglich machen, was an anderen Tagen ausfallen würde.
Nach dem Frühstück steige ich ins Zodiac. Wir entfernen uns langsam vom Schiff und gleiten in die Bucht hinein. Zwischen uns treiben große Eisberge – nicht dicht gedrängt, sondern verteilt, jeder mit eigenem Raum.
Je näher wir kommen, desto stärker verändert sich mein Eindruck. Vom Schiff aus wirken Eisberge oft wie Kulisse. Vom Zodiac aus bekommen sie Gewicht. Ich sehe steile Flanken, scharfkantige Bruchstellen, ausgewaschene Bögen. Manche Eisberge stehen hoch und massiv im Wasser, andere sind flach und breit, mit nur geringer sichtbarer Höhe – und doch weiß ich, dass der größte Teil unter der Oberfläche verborgen bleibt.
Das Wasser ist so ruhig, dass sich Eis und Himmel spiegeln. An manchen Stellen scheint das Eis doppelt so hoch, weil sich seine Form im Wasser fortsetzt. Ich höre nur das leise Knacken kleiner Schollen, die aneinanderstoßen. Wenn der Motor kurz stoppt, entsteht beinahe vollständige Stille.
Ich merke, wie konzentriert ich beobachte. Die unterschiedlichen Blautöne, die Transparenz in dünneren Bereichen, das matte Weiß älterer Flächen. Manche Eisberge wirken wie abstrakte Skulpturen, andere wie abgebrochene Fassaden. Keine Form wiederholt sich.
Durch die ruhigen Bedingungen können wir sehr nah heranfahren – respektvoll, aber dicht genug, um Strukturen zu erkennen. Ich sehe feine Risse im Eis, Schmelzwasserlinien, kleine Einbuchtungen. Das Eis wirkt gleichzeitig massiv und fragil.
Zurück an Bord besuche ich Vorträge, die sich mit der Dynamik des arktischen Eises beschäftigen. Entstehung, Drift, Zerfall, Bedeutung für das Ökosystem. Während ich zuhöre, habe ich die Bilder des Vormittags vor Augen. Das Gehörte bleibt nicht abstrakt. Es verbindet sich direkt mit dem, was ich gesehen habe.
Am späten Nachmittag gehe ich noch einmal an Deck. Das Licht steht flacher, die Schatten werden länger. Die Eisberge wirken weicher, fast ruhiger als am Vormittag. Ich bleibe stehen und schaue einfach.
Dieser Tag bleibt für mich nicht wegen eines einzelnen Höhepunkts in Erinnerung, sondern wegen seiner Klarheit. Ruhiges Wasser, nahes Eis, gutes Licht. Eine seltene Kombination, die es ermöglicht, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren: Form, Struktur, Stille.
Manchmal trägt genau diese Stille eine Expedition.
Antarctic Havn
Tag 8 – Samstag, 20.09.2025
Der Tag beginnt mit deutlich mehr Bewegung im Schiff. Bereits in der Nacht hat der Seegang zugenommen, und am Morgen arbeitet die MS Fram spürbar gegen die hohe See an. Ich merke, wie sich der Rhythmus an Bord verändert. Schritte werden bewusster gesetzt, Gespräche finden mit leichtem Ausgleich statt.
Trotz der Bedingungen gehe ich am Vormittag nach vorne zum Wildlife Watching am Bug. Der Wind ist kräftig, die Luft salzig und klar. Der Blick geht weit über eine bewegte Wasserfläche. In solchen Momenten wird mir bewusst, dass diese Region kein geschütztes Revier ist, sondern offenes Meer mit eigener Dynamik.
Zurück im Schiff beginnt das Tagesprogramm. Eine lebhafte Schnitzeljagd führt quer durch verschiedene Decks und Bereiche. Ich nehme sie als bewusst gesetzten Kontrast zum Seegang wahr – Bewegung im Inneren als Antwort auf Bewegung draußen.
Inhaltlich wird es später ernster. Ein Vortrag zur arktischen Geopolitik ordnet die Region in größere Zusammenhänge ein. Grenzen, Interessen, Ressourcen, strategische Bedeutung – ich höre anders zu als noch zu Beginn der Reise. Die Landschaft, die wir draußen erleben, bekommt hier eine politische Dimension.
Anschließend nehme ich an einem Workshop zu eBird und iNaturalist teil. Es geht darum, Beobachtungen systematisch zu erfassen und wissenschaftlich nutzbar zu machen. Mir gefällt dieser Ansatz: Expedition nicht nur als Konsum von Eindrücken, sondern als Beitrag zu Datensammlung und Dokumentation.
Ein weiterer Vortrag über Eisberge wird ins gesamte Schiff übertragen und ist auch in den Kabinen abrufbar. Die Dynamik driftenden Eises, seine Entstehung, seine Bewegung – vieles davon habe ich in den vergangenen Tagen selbst gesehen. Jetzt werden die Zusammenhänge präziser.
Am Nachmittag erreichen wir Antarctic Havn. Trotz der zuvor hohen See gelingt die Anlandung. Schon beim Näherkommen wirkt der Ort abgelegen und weit. Kein sichtbares Zeichen moderner Infrastruktur. Nur Landschaft.
Ich entscheide mich für die ausgedehnte geführte Wanderung. Das Gelände ist anspruchsvoll: uneben, stellenweise rutschig, immer wieder mit Höhenunterschieden. Ich muss konzentriert gehen, den Tritt prüfen, das Gleichgewicht halten. Der Aufstieg verlangt Kraft, aber die Aussicht belohnt die Anstrengung. Von oben öffnet sich der Blick über weite Küstenlinien und das Wasser dahinter. Kein spektakulärer Moment im Sinne eines einzelnen Ereignisses – eher ein umfassendes Panorama.
Während des Abstiegs wird mir bewusst, wie sehr sich dieser Tag von den ruhigen Eisfahrten zuvor unterscheidet. Mehr Bewegung, mehr körperliche Anforderung, mehr Seegang im Hintergrund.
Am Abend folgt die Recap-Runde. Das Expeditionsteam fasst den Tag zusammen, ordnet ein, blickt voraus. Ich höre mit dem Gefühl, dass wir inzwischen tief in der Reise angekommen sind. Hohe See, inhaltliche Tiefe, anspruchsvolle Anlandung – dieser Tag hatte mehrere Ebenen.
Für mich bleibt Antarctic Havn nicht als einzelnes Bild, sondern als Kombination aus Bewegung und Weite in Erinnerung.
Waltershausen-Gletscher · Lakse Elv
Tag 9 – Sonntag, 21.09.2025
Der Morgen beginnt früh mit einer Zodiacfahrt vor dem Waltershausen-Gletscher im Nordfjord. Schon beim Näherkommen wird deutlich, wie massiv diese Eisfront ist. Die Dimension erschließt sich nicht auf einen Blick. Erst im Zodiac, dicht vor der Abbruchkante, wird mir klar, welche Ausdehnung dieses Eis tatsächlich hat.
Wir fahren in klar strukturierten Bootsgruppen. Die Organisation wirkt ruhig und eingespielt. Das Wasser ist vergleichsweise stabil, was uns erlaubt, uns langsam entlang der Gletscherfront zu bewegen. Ich beobachte die verschiedenen Strukturen im Eis – senkrechte Wände, Risse, Farbübergänge von Weiß zu tiefem Blau. An einigen Stellen liegen kleinere Eisstücke im Wasser, die vom Gletscher abgebrochen sind. Das Knacken und leise Krachen im Hintergrund erinnert ständig daran, dass dieses Eis in Bewegung ist.
Für mich ist diese Fahrt weniger spektakulär als konzentriert. Ich schaue lange auf Details: Schmelzwasserlinien, Schichtungen im Eis, die unregelmäßige Oberfläche. Je länger ich beobachte, desto mehr erkenne ich.
Später folgt die Anlandung bei Nordfjord Lakse Elv. Der Name deutet auf einen Flusslauf hin, und tatsächlich wirkt die Umgebung offener als am Gletscher. Das Gelände ist weitläufig, naturbelassen und still. Ich gehe ein Stück vom Anlandepunkt weg und merke, wie schnell das Schiff aus dem Blickfeld verschwindet.
Während des Spaziergangs halte ich Ausschau nach Tierbewegungen. Die Landschaft ist groß, das Leben darin oft unauffällig. Genau das verlangt Geduld. Ich nehme mir bewusst Zeit und bewege mich ruhig durch das Gelände.
Am Vormittag findet an Bord parallel ein Kunstworkshop unter dem Titel „Polar Painting“ statt. Ich sehe später einige der entstandenen Bilder. Es ist interessant zu beobachten, wie unterschiedlich Eindrücke verarbeitet werden – manche abstrakt, andere sehr konkret. Für mich ist das ein Hinweis darauf, wie individuell jeder diese Region wahrnimmt.
Am Nachmittag schließe ich mich einer ausgedehnten Wanderung an. Das Gelände ist erneut anspruchsvoll: uneben, mit Geröllfeldern und wechselndem Untergrund. Ich merke die körperliche Anstrengung, besonders in den steileren Passagen. Gleichzeitig eröffnen sich mit jedem Höhenmeter neue Perspektiven auf Fjord, Gletscher und Wasser.
Am Abend versammeln wir uns im Vortragsraum. Der Tag wird zusammengefasst, Beobachtungen eingeordnet, der Ausblick auf morgen gegeben. Während ich zuhöre, gehe ich innerlich noch einmal die Bilder des Tages durch: die gewaltige Gletscherfront am Morgen und die weite, offene Landschaft von Lakse Elv am Nachmittag.
Für mich war dieser Tag geprägt von zwei Gegensätzen: kompaktes, massives Eis – und offene, stille Weite. Beides gehört zu Grönland.
Blomsterbugt · Ella Ø
Tag 10 – Montag, 22.09.2025
Der Morgen beginnt mit einer Anlandung in Blomsterbugt. Schon beim Näherkommen wirkt die Küste rau und offen. Keine Vegetation im Vordergrund, sondern Fels, Geröll und strukturierte Uferlinien. Beim Aussteigen aus dem Zodiac spüre ich sofort den unebenen Untergrund. Lose Steine, unterschiedliche Höhen, dazwischen festere Platten – ich muss konzentriert gehen.
Ich schließe mich einer der ambitionierteren Wanderungen an. Der Weg führt über unregelmäßiges Gelände stetig nach oben. Es ist kein klar markierter Pfad, sondern ein Orientieren im Terrain. Jeder Schritt verlangt Aufmerksamkeit. Gleichzeitig entsteht mit zunehmender Höhe ein weiter Blick über die Bucht. Das Panorama wirkt weit und klar, ohne dramatische Inszenierung. Für mich ist es diese Mischung aus körperlicher Anstrengung und ruhigem Ausblick, die den Reiz ausmacht.
Blomsterbugt hinterlässt bei mir den Eindruck einer sehr ursprünglichen Landschaft – wenig Ablenkung, viel Struktur. Man bewegt sich nicht durch ein Bild, sondern durch Raum.
Später am Tag erreichen wir Ella Ø. Schon aus der Distanz erkenne ich Gebäude. Nach mehreren Tagen ohne sichtbare Infrastruktur wirkt dieser Anblick fast ungewohnt. Die kleine Militär- und Forschungsstation ist funktional, sachlich, ohne dekorativen Charakter. Für mich markiert dieser Ort einen Kontrast: Nach Tagen nahezu unberührter Natur stehen hier wieder Zeichen menschlicher Präsenz.
Am Nachmittag entdecke ich in der Ferne Moschusochsen. Sie grasen ruhig in der Landschaft, scheinbar unbeeinflusst von unserer Anwesenheit. Ich nehme mir Zeit, sie durch das Fernglas zu beobachten. Ihre gedrungene Statur, die dichte Behaarung, die langsamen Bewegungen – sie wirken wie ein fester Bestandteil dieses Geländes.
Zurück an Bord besuche ich einen Vortrag über die Entstehung des grönländischen Inlandeises und seine Reaktion auf klimatische Veränderungen. Die Dimensionen, die dort beschrieben werden, sind gewaltig. Während ich zuhöre, denke ich an die Gletscherfronten der vergangenen Tage. Plötzlich werden sie Teil eines viel größeren Systems.
Später folgt eine Reisepräsentation zu den Galápagos-Inseln – ein thematischer Sprung in eine völlig andere Welt. Ich empfinde das als interessanten Kontrast: Arktische Weite am Vormittag, tropische Perspektive am Abend.
Die Recap-Präsentation des Expeditionsteams rundet den Tag ab. Beobachtungen werden zusammengefasst, Eindrücke geteilt, der nächste Tag skizziert. Für mich bleibt dieser Tag als Kontrasttag in Erinnerung: ursprüngliche Felslandschaft in Blomsterbugt, erste sichtbare Zivilisation auf Ella Ø und dazwischen die stille Präsenz der Moschusochsen.
Alpefjord · Segelsällskapet
Tag 11 – Dienstag, 23.09.2025
Der Morgen beginnt im Alpefjord. Schon beim Öffnen der Kabinentür sehe ich, dass uns außergewöhnlich klare Bedingungen erwarten. Der Himmel ist nahezu wolkenlos, das Licht hell und kühl zugleich. Solche Tage sind in dieser Region nicht planbar – umso bewusster nehme ich sie wahr.
Wir steigen in die Zodiacs und fahren in Richtung Gletscher. Der Fjord wirkt enger, die Berge rücken dichter zusammen. Vor uns liegt eine Eisfront, eingebettet zwischen dunklen Felsflanken. Das Wasser ist ruhig genug, um uns langsam und kontrolliert entlang der Gletscherkante zu bewegen.
Ich beobachte die Strukturen im Eis – vertikale Brüche, eingefrorene Schmelzwasserlinien, Farbübergänge von milchigem Weiß zu tiefem Blau. In der klaren Luft wirken die Kontraste schärfer als an den Tagen zuvor. Ich merke, wie lange ich einfach schaue, ohne zu fotografieren. Manchmal reicht das Beobachten.
Die Sonne steht hoch genug, um das Eis zum Leuchten zu bringen. Gleichzeitig bleibt die Umgebung kühl und sachlich. Kein dramatisches Kalben, kein lautes Ereignis – eher eine konzentrierte Annäherung an Form und Dimension.
Am Nachmittag folgt die Anlandung bei Segelsällskapet. Schon vom Wasser aus fallen mir markante Felsformationen auf. An Land wirkt das Gestein noch prägnanter – scharf geschnittene Kanten, unterschiedliche Schichtungen, klar erkennbare Linien im Fels. Ich gehe ein Stück vom Anlandepunkt weg und bewege mich durch das Gelände.
Der historische Bezug dieses Ortes ist spürbar, aber nicht dominant. Es sind keine großen Bauwerke, sondern Spuren – Hinweise darauf, dass auch hier vor uns Menschen unterwegs waren. Für mich entsteht erneut dieser stille Moment zwischen Natur und Geschichte.
Der Himmel bleibt klar, die Sicht weit. Das verstärkt die Wirkung der Landschaft deutlich. Ohne Nebel oder diffuse Lichtverhältnisse treten Strukturen und Farben klar hervor.
An Bord nehme ich am Vormittag an einem Vortrag über den Albedo-Effekt der Erde teil. Es geht um Reflexion, um die Wechselwirkung zwischen Eisflächen und globaler Temperatur. Während ich zuhöre, denke ich automatisch an die hellen Gletscherflächen des Morgens. Theorie und Beobachtung greifen ineinander.
Zusätzlich beteilige ich mich am Citizen-Science-Projekt zur Wolkenbeobachtung. Es wirkt zunächst unscheinbar, doch genau solche Datensammlungen tragen zu größeren Zusammenhängen bei. Ich nehme wahr, dass diese Expedition nicht nur aus Eindrücken besteht, sondern auch aus Beiträgen.
Am Abend versammelt sich das Expeditionsteam erneut zur Präsentation. Der Tag wird reflektiert, der morgige Ablauf vorgestellt. Während ich zuhöre, gehe ich gedanklich noch einmal durch, was diesen Tag geprägt hat: klares Licht, nahes Eis, markante Felsformationen.
Für mich bleibt Alpefjord als Tag der Klarheit in Erinnerung – visuell, atmosphärisch und inhaltlich.
Holm Bugt
Tag 12 – Mittwoch, 24.09.2025
Der Morgen beginnt mit einer Anlandung in Holm Bugt. Die Bedingungen sind ungewöhnlich stabil: kaum Wind, gute Sicht, ruhiges Wasser. Schon beim Näherkommen wirkt die Bucht weit und offen. Die Küstenlinie ist tundrig, stellenweise von Eis durchzogen, dazwischen Fels und flache Uferbereiche.
Beim Aussteigen aus dem Zodiac spüre ich erneut den wechselnden Untergrund. Felsige Abschnitte gehen in feuchtere, schlammige Bereiche über. Ich entscheide mich für die Wanderung über das unebene Gelände. Der Weg ist nicht technisch schwierig, aber fordernd genug, um konzentriert zu bleiben.
Mit zunehmender Höhe öffnet sich der Blick über die Bucht. Die Weite wirkt fast leer – keine sichtbaren Gebäude, keine technischen Strukturen, nur Wasser, Land und Himmel. Diese Einsamkeit hat hier eine eigene Qualität. Sie wirkt nicht bedrückend, sondern klar.
Ich bleibe einen Moment stehen und schaue zurück Richtung Anlandestelle. Das Schiff liegt klein in der Distanz. Für mich wird in solchen Momenten spürbar, wie isoliert diese Region tatsächlich ist.
Zurück an Bord findet parallel ein Kunstworkshop statt, bei dem Polar-Postkarten gestaltet werden. Ich sehe später einige Ergebnisse. Es ist interessant, wie unterschiedlich die Eindrücke verarbeitet werden – manche konzentrieren sich auf Eis, andere auf Weite oder Farben.
Am Deck beteilige ich mich am Wildlife Watching. Die Beobachtungen werden systematisch über eBird und iNaturalist erfasst. Ich nehme wahr, wie sich der Blick über die Tage geschärft hat. Bewegungen am Wasser, Vogelzüge am Himmel – vieles erkenne ich inzwischen schneller.
Am Nachmittag besuche ich einen Vortrag über arktische Robben. Lebensräume, Anpassungsstrategien, Populationsentwicklungen – vieles davon fügt sich in die Eindrücke der letzten Tage ein. Anschließend folgt ein geologischer Workshop zur Gesteinsbestimmung. Ich halte verschiedene Proben in der Hand, vergleiche Strukturen, lerne, genauer hinzusehen.
Der Abend bringt eine spürbare Veränderung der Stimmung. In der Lounge spielt die Band, die Atmosphäre ist gelöst. Man merkt, dass sich die Expedition ihrem Ende nähert. Gespräche werden länger, Rückblicke häufiger.
Später folgt die Präsentation mit dem Ausblick auf den kommenden Tag. Während ich zuhöre, wird mir bewusst, wie dicht diese Reise inzwischen geworden ist. Holm Bugt war kein spektakulärer Ort im klassischen Sinn – aber ein Tag der Weite, der Struktur und der stillen Konzentration.
Für mich war es einer dieser Tage, an denen sich das Erlebte nicht in einem einzelnen Bild festmachen lässt, sondern in einem Gefühl von Raum und Klarheit.
Ittoqqortoormiit
Tag 13 – Donnerstag, 25.09.2025
Der Morgen beginnt grau. Als ich aus der Kabine trete, liegt Nebel über dem Wasser. Die Küste von Ittoqqortoormiit ist zunächst nur schemenhaft zu erkennen. Die Häuser wirken wie Schatten im Dunst. Nach Tagen unberührter Landschaft fühlt sich dieser Anblick anders an – dichter, menschlicher.
Beim Anlanden ist die Sicht noch eingeschränkt. Der Ort wirkt ruhig, beinahe verschlossen. Ittoqqortoormiit gehört zu den abgelegensten Siedlungen Grönlands. Genau das macht die Atmosphäre besonders. Hier endet keine Straße, hier beginnt auch nichts – der Ort existiert für sich.
Im Laufe des Vormittags beginnt sich der Nebel zu heben. Langsam treten Farben hervor: die typischen bunten Häuser, das Wasser im Fjord, die umgebenden Hänge. Mit dem Sonnenlicht verändert sich der Eindruck deutlich. Was zuvor gedämpft wirkte, wird klarer und lebendiger.
Ich gehe durch den Ort, beobachte den Alltag, die Struktur der Gebäude, die Nähe zwischen Siedlung und Natur. Es ist kein touristisch inszenierter Platz, sondern ein funktionierender Lebensraum unter arktischen Bedingungen. Nach all den Tagen in nahezu unberührter Landschaft wirkt diese Begegnung mit Zivilisation beinahe intensiv.
Zurück an Bord sind die Jacuzzis wieder geöffnet. Einige Gäste nutzen die Gelegenheit zur Entspannung. Der Kontrast ist spürbar: draußen arktische Siedlung, drinnen Komfort.
Am Bug auf Deck 5 versammeln sich Wildlife-Beobachter. Ich gehe ebenfalls nach vorne. Die See ist ruhiger als am Morgen, die Sicht inzwischen klar. Plötzlich werden Orcas gemeldet. Ich sehe die charakteristischen Finnen, die dunklen Rücken, das kurze Auftauchen und Abtauchen. Der Moment ist überraschend und zugleich ruhig. Keine Hektik, sondern konzentrierte Aufmerksamkeit.
Im Laufe des Tages nehme ich an verschiedenen Programmpunkten teil. Eine Fotografie-Session bietet Gelegenheit, die bisherigen Eindrücke technisch einzuordnen. Später beobachte ich einen Workshop zum Modellieren mit Ton – eine ungewöhnliche, aber interessante Form, Landschaft haptisch zu verarbeiten.
Ein Vortrag zur Energiewende erweitert den Blick noch einmal in eine ganz andere Richtung. Ressourcen, Infrastruktur, Zukunftsperspektiven – Themen, die in einer Region wie dieser besondere Bedeutung haben.
Am Nachmittag folgt die Ausschiffungsbesprechung. Praktische Informationen, Abläufe, Zeiten. Zum ersten Mal wird die Rückreise konkret. Ich merke, wie sich die innere Haltung verändert. Aus Expedition wird Abschluss.
Ittoqqortoormiit bleibt für mich ein Übergangstag: Nebel am Morgen, Sonne am Mittag, Orcas am Nachmittag – und am Abend die Gewissheit, dass sich diese Reise ihrem Ende nähert.
Auf See · Kurs Süden
Tag 14 – Freitag, 26.09.2025
Der letzte volle Tag beginnt mit spürbarer Bewegung im Schiff. Wir sind wieder auf offener See und nehmen Kurs nach Süden. Fast 570 Kilometer legen wir heute zurück. Die Distanz zeigt deutlich, dass sich diese Reise ihrem Ende nähert.
Am Morgen gehe ich noch einmal zum Wildlife Watching an den Bug. Der Wind ist frischer als in den Fjorden, das Meer bewegt sich gleichmäßig unter uns. Der Blick geht weit in eine offene, fast leere Wasserfläche. Ich weiß, dass diese Perspektive bald wieder durch Küstenlinien ersetzt wird.
Im Anschluss nehme ich an der Schnitzeljagd „The Great Musk Ox Hunt“ teil. Der Titel spielt bewusst auf unsere Begegnungen mit Moschusochsen an. Es ist ein spielerischer Abschluss, der die vergangenen Tage noch einmal aufgreift. Gleichzeitig spüre ich, dass die Stimmung an Bord gelöster wird.
Im kreativen Bereich werden die Tonmodelle fertiggestellt, die in den vergangenen Tagen entstanden sind. Ich sehe, wie Eisberge, Berge und abstrakte Formen Gestalt annehmen. Jeder verarbeitet die Eindrücke anders. Für mich ist es interessant zu beobachten, wie stark diese Landschaft nachwirkt.
Besonders spannend finde ich den wissenschaftlichen Workshop am Vormittag. Hier werden erste Ergebnisse der während der Reise gesammelten Daten aus Ostgrönland vorgestellt. Messungen, Beobachtungen, Experimente – vieles davon habe ich draußen nur als Moment wahrgenommen. Jetzt sehe ich, wie daraus verwertbare Daten entstehen. Es wird deutlich, dass diese Expedition mehr war als Beobachtung.
Ein Vortrag zur isländischen Kultur bereitet zugleich auf die Rückkehr vor. Geschichte, Gesellschaft, Eigenheiten – der Blick richtet sich langsam wieder nach Süden.
Am Nachmittag beteilige ich mich erneut an den NASA-Wolkenbeobachtungen. Inzwischen geht mir die Bestimmung der Wolkentypen leichter von der Hand. Später nehme ich am Abschluss-Quiz zum wissenschaftlichen Programm teil. Es ist unterhaltsam, aber zugleich eine Art Rückblick auf das Gelernte.
Am Abend lädt der Kapitän zu den Farewell-Drinks. Die Atmosphäre ist ruhig, fast nachdenklich. In einer Bildershow ziehen die vergangenen Tage noch einmal vorbei: Eisberge, Gletscher, Moschusochsen, Fjorde, weite Tundra. Ich erkenne vieles wieder – nicht nur als Motiv, sondern als eigenen Moment.
Dieser letzte Seetag fühlt sich wie ein Übergang an. Noch sind wir unterwegs, aber innerlich beginne ich bereits abzuschließen. Die Weite des Meeres draußen passt zu diesem Gefühl: offen, ruhig, ohne neues Ziel – nur noch Strecke Richtung Heimkehr.
Reykjavik · Ausschiffung
Tag 15 – Samstag, 27.09.2025
Am frühen Morgen laufen wir wieder in Reykjavik ein. Die Küstenlinie ist vertraut – und wirkt doch anders als vor zwei Wochen. Damals war sie Ausgangspunkt, heute ist sie Endpunkt.
Die Ausschiffung beginnt früh. Der Ablauf ist klar strukturiert, das Gepäck steht bereit, Zeiten sind festgelegt. Alles wirkt sachlich und routiniert. Gleichzeitig spüre ich, dass unter der Oberfläche etwas anderes mitschwingt. Diese Reise ist abgeschlossen.
Beim Verlassen der MS Fram drehe ich mich noch einmal um. Fünfzehn Tage war dieses Schiff mein Zuhause, Arbeitsraum, Aussichtspunkt und Rückzugsort zugleich. Jetzt ist es wieder einfach ein Schiff im Hafen.
Die letzten Tage ziehen noch einmal an mir vorbei: Gletscherfronten im klaren Licht, Moschusochsen in der Distanz, ruhige Zodiacfahrten zwischen Eisbergen, steinige Anlandungen, Nebel über Ittoqqortoormiit. Keine einzelnen Sensationen, sondern eine dichte Abfolge von Eindrücken.
Auch die Gespräche an Bord bleiben präsent. Begegnungen mit Mitreisenden, Austausch mit dem Expeditionsteam, gemeinsame Momente draußen im Wind oder im stillen Eis. Solche Reisen verbinden – zumindest für eine begrenzte Zeit – sehr unterschiedliche Menschen.
Als ich schließlich an Land stehe, ist Reykjavik kein Sehnsuchtsort mehr, sondern Übergang zurück in den Alltag. Die Expedition endet nicht abrupt, sondern ruhig.
Was bleibt, sind Bilder, Wissen, Erfahrungen – und das Gefühl, eine Region erlebt zu haben, die sich nicht inszeniert, sondern sich nur zeigt, wenn Bedingungen, Geduld und Aufmerksamkeit zusammenkommen.
Fazit – Was diese Reise nach Ostgrönland verändert hat
Ostgrönland ist kein Ziel, das sich schnell erschließt. Diese Region verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Unspektakuläres ernst zu nehmen.
Rückblickend bleibt für mich weniger ein einzelner Höhepunkt als ein fortschreitender Perspektivwechsel. Am Anfang dieser Reise habe ich Landschaft betrachtet. Gegen Ende habe ich begonnen, Strukturen zu erkennen: Eis in Bewegung, Gestein in Schichtung, Wetter als steuernde Kraft, Weite als eigenständiges Element.
Die Tage im Zodiac vor den Gletscherfronten waren eindrucksvoll – aber nicht wegen ihrer Dramatik, sondern wegen ihrer Massivität. Die Wanderungen über steiniges, feuchtes Terrain waren fordernd – nicht sportlich extrem, sondern stetig konzentriert. Begegnungen mit Moschusochsen oder Orcas waren besondere Momente – aber eingebettet in große Distanzen und lange Phasen der Stille.
Ostgrönland wirkt nicht spektakulär im touristischen Sinn. Es wirkt groß. Und diese Größe verändert den Maßstab. Entfernungen erscheinen anders, Geräusche sind reduziert, Farben klarer, Bewegungen sparsamer.
Auch das Zusammenspiel aus Expedition und Wissenschaft hat diese Reise geprägt. Datenerhebung, Vorträge, Workshops – vieles davon lief parallel zur Landschaftserfahrung. Dadurch wurde diese Expedition mehr als eine reine Naturbeobachtung. Sie wurde zu einem Prozess des Einordnens.
Für mich liegt der Wert dieser Reise nicht im Außergewöhnlichen, sondern im Konsequenzenlosen der Natur hier oben. Eis driftet, Gletscher kalben, Tiere ziehen weiter – unabhängig davon, ob wir zuschauen oder nicht.
Ostgrönland lässt sich nicht „erobern“. Man bewegt sich für kurze Zeit darin.
Und genau das macht eine solche Expedition besonders.
Was andere Reisende berichten
„Vielen Dank für die super freundliche und gute Reiseberatung. Unsere Grönlandreise mit Hurtigruten war von Anfang bis Ende eine tolle Reise ins Eis. Man sollte sich auch mal ein Traum erfüllen. Durch Ihr Reisebüro wurde ein Traum zur Wirklichkeit.“
Christel D., Sankt Katharinen (Rheinland-Pfalz)
Juni 2013, MS Fram

„Lieber Herr Kock, wir sind gut wieder zu Hause angekommen. Es war eine unbeschreiblich schöne Reise mit vielen unvergessenen Eindrücken und Erlebnissen. Wir wurden auf der „Nansen“ mit höchsten Niveau auf dieser Reise begleitet. Dafür gilt Hurtigruten unser Respekt und unser Dank. Wir werden uns noch lange Zeit an diese Reise erinnern. Vielen Dank auch für Ihre ausgezeichnete Beratung und Hinweise.“
Renate und Jochen F., Gera (Thüringen)
Juni 2023, MS Fridtjof Nansen
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